Ihre Liaison ist seit November 2011 öffentlich: Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine. Foto: dapd

In der Linkspartei wird durch die Liaison von Wagenknecht und Lafontaine das Private politisch.

Berlin - Sie träumen vom Paradies und wachen in Nordrhein-Westfalen auf. Joachim Gauck hat diesen Satz vor Jahren gesagt und wollte damit die Erkenntnis der einstigen DDR-Bürger beschreiben, die so erwartungsvoll in die deutsche Einheit starteten, aber dann auf dem zwar noch immer passablen, aber eben nicht paradiesischen Lebensniveau des bevölkerungsreichsten Bundeslandes den Boden der Tatsachen spürten.

Heute träumt die Linkspartei – wer es so will: die letztverbliebene Ostpartei – vom politischen Paradies mit sozialistischem Anstrich. Bei den Wahlen in Nordrhein-Westfalen steht ihr eine Zitterpartie bevor: Entweder zieht sie knapp in den Landtag ein – oder sie fliegt raus. Die Zeiten, in denen die Linke noch so ziemlich jeden Protestwähler in ihren Bann und am Wahltag in die Stimmkabinen zog, sind vorbei. Selbst in NRW, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist und an Protestwählern kein Mangel herrscht.

Privates wird politisch

So wird der 13. Mai zum Schicksalstag der Linkspartei. Und wenn es um politische Schicksale geht, wird das Private politisch – aber eben anders als seinerzeit bei den westdeutschen 68ern, die diese Losung so aufdringlich beherzt wie kalkulierend zur Selbstdarstellung einsetzten. Die 68er wurden von der Moderne eingeholt; sie sind in die Jahre gekommen.

Während sie also vermutlich in nicht allzu langer Zeit damit Schlagzeilen schreiben, dass der erste 68er von einst mit Rollator gesichtet wird, segeln junge aufmüpfige Piraten mit ihren Mäusen und Joysticks an ihnen vorbei. Auch bei ihnen ist das Private politisch – viele Nerds sehen ihre berufliche Zukunft in der digitalen Welt, in der sie Fuß fassen und Geld verdienen wollen. Entsprechend privatisiert sind ihre Programme – jene der Partei wie die Software ihrer Computer.

Und nun also die Linkspartei. Seit bei ihr das Politische privat wird, spricht die ganze Partei über den künftigen Kurs. Denn mit dem Privaten – der Liaison von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht – erhält das Politische in der Partei ein neues Gewicht: ein neues Kraftzentrum in jedem Fall, ein neues Machtzentrum womöglich auch. Vielleicht ist beides bitter nötig; die Angst vor dem Absturz der Partei vor allem in den westdeutschen Landesparlamenten ist riesig. „Alle Mann, alle Maus an Deck“, heißt die Devise, die bisher von Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi immer dann ausgerufen worden war, wenn er Lafontaine als Rettungsanker ins Spiel bringen wollte.

Angst vor dem politischen Absturz

Angst vor dem politischen Absturz

Oskar Lafontaine aus Saarbrücken, im Linken-Jargon „O L aus S“, zieht es wieder an die Spitze der Partei. Intern geht es demnach um die Frage, ob der 68-Jährige zunächst im Juni auf dem Göttinger Parteitag bei der Wahl des Vorsitzenden kandidiert und sich dann zum Spitzenkandidaten ausrufen lässt – oder ob er nur einen der beiden Jobs macht. „Der Mann ist eine von seiner jesuitischen Erziehung geprägte Machtmaschine“, sagt Thüringens Spitzen-Linker und Fraktionschef Bodo Ramelow. „Er muss nur entscheiden, was er will, er muss es nur sagen, und dann wird es so kommen, wie er es will.“

So groß ist die Angst der Linken vor dem Absturz ihrer Partei, dass intern plötzlich wieder alles denkbar und sogar möglich ist: Sollte der sehr linke Linke Lafontaine sich um den Parteivorsitz bewerben, zöge sein ehemaliger Widersacher Dietmar Bartsch aus dem Reformerlager seine Kandidatur zurück und würde seinen früheren Posten als Bundesgeschäftsführer wiederbeleben; das war schon mal so, unter Lafontaine, bis Bartsch die Machtfrage stellte – und verlor. „Die beiden reden wieder miteinander und sind sachlich genug, sich auf gemeinsame Handlungsspielräume zu konzentrieren“, so Ramelow.

Angst in den eigenen Reihen

Sollte Lafontaine hingegen auf die Parteiführung verzichten und stattdessen Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2013 werden wollen, stünde Bartsch ebenso bereit, den Vorsitz doch noch zu übernehmen.

Und weil zurzeit alles denkbar und möglich ist, um den Absturz in die vom Wähler verordnete Bedeutungslosigkeit zu bremsen, deuten sogar die in aller Schärfe kämpfenden Parteiflügel ungewohnte Kompromisslaune an: Die Realos um Bartsch würden selbst Sahra Wagenknecht als Co-Vorsitzende akzeptieren. Würden sie? Die Angst in den eigenen Reihen macht’s möglich.

Welt-Ökonom und Talkshow-Auftritte

Welt-Ökonom und Talkshow-Auftritte

Sahra Wagenknecht klaubt ihrem Oskar ein verlorenes Haar vom Jackett . Öffentliche Auftritte des radikalen Power-Paares stehen unter verschärfter Beobachtung, da ist vieles eine Stilfrage. Die 42-Jährige ist ohnehin bemüht, ihr früheres Image abzulegen – wenn sie und Oskar, vom radikalen Parteiflügel kommend, diese Strömung gemeinsam verstärken, will sie dennoch überkommene Positionen für alle hörbar zu den Akten legen. Ob das Foto von Walter Ulbricht noch über ihrem PC hängt? Geschenkt. Ihre Mitgliedschaft in der Kommunistischen Plattform ruht, seit Sahra Wagenknecht zur Vizevorsitzenden in Partei und Bundestagsfraktion aufgestiegen ist. Sie kommt vom äußersten linken Rand „und ist in der Mitte der Partei angekommen“, meint ihre Parteifreundin Sevim Dagdelen.

In Talkshows und bei Vorträgen referiert Wagenknecht über konkurrierende Wirtschaftssysteme und liefert Kapitalismuskritiken ab, die das durchschnittlich interessierte Publikum zumindest beeindrucken. Vieles klingt plausibel, stringent. Das Publikum muss nicht ihrer Meinung sein, ahnt aber, dass es Sahra Wagenknecht zumindest versteht, ihr wichtige Fakten und Erkenntnisse so zu deuten, als käme diese Republik um einen Systemwandel nicht herum. Doch dann fremdelt das Publikum ob der politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen.

In diese PR-Lücke stößt dann Oskar Lafontaine in seiner Rolle als „Welt-Ökonom“. Salopp gesagt fordert er von den jeweiligen Regierungen – in der Euro- wie in der Griechenlandrettung – die Reaktion auf seine und Wagenknechts Analysen ein, zitiert vorwiegend amerikanische Wissenschaftler als Kronzeugen der eigenen Argumentation und schmückt sich mit der direkten Erfahrung aus seiner Amtszeit als Bundesfinanzminister, saarländischer Ministerpräsident und SPD-Chef.

Wie Wichtig ist der Küchentisch?

Wie wichtig ist der Küchentisch?

Wie viel davon am heimischen Küchentisch im Saarland beschworen, ausdiskutiert oder verworfen wird? Sahra Wagenknecht hat ihren Wohnsitz in Saarbrücken angemeldet; das Paar lebt im neu bezogenen Haus. Eine neue Zentrale? „Nein“, sagt Wagenknecht, und es fällt auf, dass Lafontaine entweder auf solche Fragen nicht antwortet oder sie geflissentlich überhört. „Nein“, sagt sie also: „Wir führen hier keinen Familienbetrieb Linkspartei. Das hier ist eine private Beziehung. Und das Private ist nicht ­politisch.“

„Er tut alles, um sie zu fördern. Und sie tut alles, um ihm nicht im Weg zu stehen“, sagt einer, der beide, lange vor ihrer Liaison, schon aus den frühen neunziger Jahren kennt, um heute zu sehen, wie sie einander auch politisch beschwingen. „Sahra motiviert ihn zu einem neuen politischen Kapitel, und sie selbst war noch nie so gelöst und entspannt, selbst wenn sie inhaltlich angekoffert wird. Die Liebe zu einem älteren Herrn tut ihr gut. Sie profitieren voneinander.“

Organisieren kann sie (sich) nur schwer. Talkshows bestreitet sie, doch keine Ahnung, wie diese Frau es schafft, einen Termin einzuhalten. Ein Beispiel: Im Taxi ist Wagenknecht auf dem Weg zu einem Vortrag in Berlin-Friedrichshain. Sie ist verspätet. Das Mobiltelefon klingelt: „Fangt an, bin gleich da.“ Sie legt auf und sagt amüsiert: „Die Ostdeutschen rufen an, wenn ich fünf Minuten vor einem Auftritt noch nicht da bin, und verharren auf ihren harten Stühlen, bis die Rede anfängt; die Westdeutschen kalkulieren gleich eine halbe Stunde Luft ein und servieren den Zuhörern Getränke und Snacks, damit sie ins Plaudern kommen.“ Auch so ein Übergang vom Privaten ins Politische.

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