Der Kabarettist Link Michel nimmt die Politik in die Pflicht. Foto: Isabel Holocher-Knosp/oh

Eigentlich wollte der schwäbische Kabarettist und Comedian Link Michel sein neues Programm „Alarmstufe Michel“ präsentieren. Coronabedingt musste er die Premiere in letzter Minute in den Februar verschieben.

Esslingen - Sein Auftritt kürzlich in der „Schwabennacht“ bei Dieter Hallervordens Wühlmäusen in Berlin war einer seiner vorerst letzten. „Das Publikum war sehr gut drauf. Selbst die Berliner haben lauthals gelacht. Unsere Befürchtungen, mit Untertiteln auftreten zu müssen, waren also Gott sei Dank vollkommen unbegründet“, erzählt Michael Klink alias Link Michel. Jetzt musste der schwäbische Kabarettist und Comedian, der in Neuffen lebt, die am Wochenende geplante Premiere seines neuen Programms coronabedingt absagen und in den Februar verschieben. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt er, was das für einen Künstler heißt.

 

Herr Klink, Sie haben sich diese Entscheidung sicher nicht leicht gemacht. Was gab den Ausschlag, die Premiere und die zwei folgenden Veranstaltungen im Zehntkeller in Neuffen abzusagen?

Zwar erlaubt der Staat derzeit theoretisch Veranstaltungen, praktisch sind sie jedoch kaum durchführbar, mindestens aber unrentabel. Das Chaos an unterschiedlichsten Regelungen und Maßnahmen, die sich gefühlt minütlich wieder ändern, sorgt für totale Verunsicherung bei Veranstaltern, Künstlern sowie in der Bevölkerung. Nichts ist planbar. Die Absage war letztlich eine Konsequenz aus kurzfristigen Auflagen, die so nicht zu erfüllen waren.

Je näher die Premiere kommt, desto mehr steigt sicher die Spannung. Wohin mit all der Energie, wenn abgesagt wird?

Es ist jetzt nicht so, dass ich mich in meinen Garten begebe und lauthals unschuldige Bäume anschreie. Schon wegen der Nachbarn. Mir hilft da eher ein gemeinsamer Abend mit Freunden, bei Bier, Chips und völlig unsinnigen Actionfilmen. Dafür nehme ich die zwei bis drei Aspirin am Morgen danach gerne in Kauf.

Was bedeutet es für einen Künstler, eine Premiere abzusagen?

Unabhängig von der Premiere gilt: Je länger die Pandemie anhält, je öfter Veranstaltungen gecancelt, verschoben und dann wieder verschoben werden, desto häufiger kommt die Frage auf: „Wofür mache ich das alles eigentlich?“ Als gebranntes Kind wird es immer schwieriger, sich für etwas zu motivieren, von dem man nie weiß, wann, beziehungsweise ob es überhaupt stattfindet.

Wie sieht es in Ihnen aus? Schlägt Ihnen das aufs Gemüt?

Ehrlich gesagt bin ich stinksauer auf eine Politik, die es verbockt hat. Wer – partei-übergreifend – lieber Wahlkampf macht als Pandemiebekämpfung, sollte sich davor hüten, das Wort „Verantwortungsbewusstsein“ in den Mund zu nehmen. Und während genau diese Leute, trotz ihres Versagens, weiter das gleiche Geld beziehen, gehen andernorts unverschuldet Existenzen den Bach runter, werden Lebensträume zerstört, sterben Menschen. Ein Künstler, der qualitativ so arbeitet, hätte noch nicht einmal Zuschauer, wenn er sie fürs Kommen bezahlen würde.

Was tun Sie dagegen, in ein tiefes schwarzes Loch zu fallen?

Pflegekräfte und Ärzte, das komplette Gesundheitswesen ist seit vielen Monaten komplett am Limit, Menschen werden beatmet, es gibt Long-Covid-Fälle, Familien haben Angehörige verloren und, und, und … Im Gegensatz hierzu jammere ich – trotz allem – auf einem sehr hohen Niveau. Ein wenig Demut kann manchmal nicht schaden.

Erträgt ein Komiker so einen Schlag leichter?

Wie sehr vielen Künstlern, so fehlt hier auch mir ein wenig die ausbalancierte emotionale Mitte. Also komme ich damit entweder sehr gut klar, oder eben überhaupt nicht. Da diese Extreme bis zu 17-mal am Tag hin und her schwanken können, bin ich momentan leider sehr anstrengend für mein Umfeld.

Sie gehen mit der Entwicklung eines Programms in Vorleistung. Was bedeutet so eine Absage finanziell?

Neben der Premiere sind mir im Dezember auch alle anderen Veranstaltungen weggebrochen. Ich falle da nicht auf irgendeinen Überlebensbetrag X, ich falle auf Null. Keineswegs bin ich jedoch arbeitslos, es wird mir lediglich von höherer Stelle unmöglich gemacht zu arbeiten. Dabei steht das finanzielle Fiasko noch nicht mal im Vordergrund. Rennpferde müssen rennen, Künstler müssen spielen. Ansonsten werden sie unleidig.

Besteht die Gefahr, dass das neue Programm sich bis zur nun geplanten Premiere im Februar überholt?

Nein, da überholt sich gar nichts. Meine Programme sind immer frisch, da zeitlos. Wer tagesaktuelle Comedy bevorzugt, möge sich doch bitte Talkshows ansehen. Die sind derzeit satirisch nicht mehr zu toppen.

Wie ist das mit dem Einstudieren und Auswendiglernen?

Das passiert ja schon beim Schreiben. Einen Text auswendig zu lernen ist keine Kunst. Kunst ist, einen auswendig gelernten Text vor Publikum vorzutragen, spontane Einfälle einzubauen, die Zuschauer mit einzubinden, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Wie das geht? Keine Ahnung. Es geht halt.

Ohne unken zu wollen: Die Sicherheit, dass die jetzt auf Februar verschobene Premiere dann tatsächlich auch stattfinden kann, hat keiner. Was macht das mit Ihnen?

Wie paradox ist eine Zeit, in der Unplanbares geplant werden muss? Obwohl kein Mensch sagen kann, ob diese oder andere Termine dann auch tatsächlich stattfinden werden, muss man sie dennoch fixieren, bewerben, den Ticketverkauf starten. Jede Veranstaltung braucht einfach eine gewisse Vorlaufzeit. Darauf zu warten, bis sich die Lage gebessert hat, bedeutet also automatisch ein riesiges Auftragsloch. Es ist ein Dilemma, und zwar ein alternativloses.

Die schwäbische Schwertgosch

Der Kabarettist
 Als Sonntagskind 1968 in Nürtingen geboren, ist Michael Klink als Sohn einer Hamburger Mutter und eines Vaters aus Neuffen zweisprachig aufgewachsen: „Hier traf das Tor zur Welt auf den schwäbischen Outback, Labskaus auf Maultaschen, spitzes Hochdeutsch auf breites Schwäbisch.“ Er studierte Germanistik und Geschichte und machte nach ersten Bühnenerfahrungen 2002 sein Hobby zum Beruf: Seither nimmt er unter dem Künstlernamen Link Michel als „schwäbische Schwertgosch“ in seinen Comedy-Programmen das Menschlich-Allzumenschliche aufs Korn und schöpft dabei gern direkt aus seinem Leben mit drei Töchtern, Katze und zwei Hunden.

Neues Programm
„Alarmstufe Michel“ heißt das neue Programm, dessen Premiere nun am 4., 5., 6., 18. und 19. Februar im Nürtinger Schlachthofbräu geplant ist. Darin will der Nürtinger Komödiant Link Michel die Pandemie mit verächtlicher Nichtbeachtung abstrafen: „Ansonsten widme ich mich dem überaus skurrilen Alltag von ganz normalen Menschen. ‚Alarmstufe Michel‘ ist ein Programm, welches in erster Linie zum Lachen animieren und einen rundum frohen Abend bescheren soll. Wer außerdem noch wissen möchte, was eine Online-Bestellung von Unterhosen in Berlin mit dem Suez-Kanal zu tun hat, wird auch dies erfahren.“