Für Leonie (vorne) ist es die letzte Radio-Sendung. Sie zieht mit ihrer Familie nach Thüringen. Foto: Ines Rudel

Eine Projektgruppe der Ganztagsschule nutzt die Sprechanlage der Grundschule für kurze Sendungen. Den Kindern machen die Beiträge großen Spaß.

Normalerweise dient die Anlage bei Notfällen zu Alarmierungszwecken. Aber was ist schon normal in einem Haus mit 410 quicklebendigen Grundschulkindern, das sich, bei aller Gebundenheit an Lehrpläne, wo es nur geht Kreativität auf die Fahnen geschrieben hat? Vor zwei Jahren bekam die Lindenschule in der Parksiedlung eine neue Sprechanlage. Wie sinnvoll einsetzen im Alltag? Die Frage, die sich Rektorin Sonja Plettinger stellte, hat das Team der Ganztagsbetreuung um Andrea Spätling schnell und ganz praktisch beantwortet: für ein schuleigenes Radio. Am Anfang stand ein auf ein paar Wochen begrenztes Projekt. Doch die Durchsagen kamen vor den Osterferien so gut an und machen den Beteiligten so viel Spaß, dass es das Radio möglicherweise weiter geben wird.

 

Melina übernimmt an diesem Tag die Anmoderation. Souverän begrüßt die Zehnjährige neben ihren Mitschülerinnen – es sind diesmal nur Mädchen - als Ehrengast auch den Zeitungsreporter. Isabella gibt einen Überblick über die anstehenden Themen, Unterhaltsames wie Informatives. Und sie nutzt die Gelegenheit, so viel Freiheit muss sein, ihrer kleinen Schwester Sophia aus der Klasse 1c zum Geburtstag zu gratulieren. Marla hört im Auto regelmäßig Radio. Vor allem die Musikbeiträge interessieren sie, aber auch die Nachrichten. Heute darf die Neunjährige selbst ein paar Sätze über die christliche Fastenzeit sagen und erläutern, wie im Unterschied dazu der Ramadan der Muslime begangen wird.

Niemand wird zum Mitmachen gezwungen

„Die Kinder sprechen einfach gerne“, ist Schulleiterin Plettinger erfreut über das Engagement der Grundschülerinnen. Sie lernten dabei, ihre Scheu, vor Publikum zu reden, abzulegen. Die Übungen seien zudem eine Vorstufe zum Theater, das ebenfalls in der Schule angeboten wird. Mittwochs ist Projekttag für die Erst- bis Viertklässler, die an der Ganztagsbetreuung teilnehmen. Immer mit wechselnden Themen: Erfinder im Schwabenland, Bauen und Kunst und nun eben Medien mit den Unterthemen Internet, Buchdruck, Werbung und Radio. Nach einem theoretischen Vorspann dürfen die Kinder stets auch selbst aktiv werden, beispielsweise mit Basteln. „Wir bereiten die Themen kindgemäß auf, immer auch mit spielerischen Elementen“, sagt Sandra Juretzka, ausgebildete Erzieherin und duale Studentin. Natürlich gehe es auch um Wissensvermittlung. In der zwölf- bis 15-köpfigen Projektgruppe sind Kinder aus allen Klassenstufen vertreten. Das diene dem gegenseitigen Kennenlernen und fördere das soziale Lernen, sagt Andrea Spätling. Aber niemand werde zum Mitmachen gezwungen.

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180 von 215 Kindern nutzen die Angebote der Ganztagsschule. Schule und Ganztagsbetreuung seien in der Lindenschule keine voneinander getrennten Bereiche, erklärt Spätling, die auch die Schulsozialarbeit leitet. „Bei uns im Schulalltag verschmilzt das alles.“ Jeder profitiere vom anderen, niemand sehe sich als Konkurrent, sondern man arbeite auf Augenhöhe. „Das funktioniert, weil ein Riesenvertrauen herrscht und weil es eine große Wertschätzung für die Ganztagsbetreuung gibt.“ Als Ausdruck dieses guten Miteinanders sieht Spätling auch eine gemeinschaftliche Malaktion. Mitten in der Coronakrise griffen Betreuer und Kinder zu Farbe und Pinsel und bemalten die Wände im Treppenhaus mit Dschungelszenen. Genauso viele Facetten hat das Leben in der Lindenschule, das mittlerweile auch von sechs Hühnern bereichert wird. „Eines hat sich ein Habicht geholt“, erzählt Spätling. Die Kinder hätten so viel Freude an den Hühner, dass sie bereit seien, sogar an Wochenenden oder in den Ferien Fütterdienste zu übernehmen. Wie überhaupt selbst zu Ferienzeiten Veranstaltungen stattfinden. „Wir sind da wie eine Familie“, sagt die Sozialpädagogin, die auf ein ganz gemischtes Team mit haupt- und ehrenamtlichen Kräften bauen kann.

Sechs Hühner gehören zur Schule

Im Radio Lindenschule, das jedes Mal nur ein paar Minuten geht, ist gerade Katharina an der Reihe. Auf Ukrainisch begrüßt sie vier neue Mitschülerinnen und Mitschüler, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen sind und nun in der Parksiedlung zur Schule gehen. In einem kleinen Werbeblock für die Mensa macht Katharina den Mund wässrig auf ein leckeres Mittagessen: Putenstreifen in Kräutersauce mit Spaghetti und Salat und als Nachspeise Naturjoghurt.

Für Leonie ist es die letzte Sendung. Die Zehnjährige zieht mit ihrer Familie nach Thüringen. „Ich werde die Lindenschule auf jeden Fall vermissen“, sagt sie. Und sie hat eine gute Nachricht parat: „Heute wird es schön warm und sonnig. Bis zu 20 Grad. Ich hoffe, ihr habt eure Sonnenbrille dabei.“

Die Ganztagsbetreuung

Hohe Quote
In der Lindenschule besuchen etwa 180 der insgesamt 215 Grundschülerinnen und Grundschüler die sogenannte freiwillige gebundene Ganztagsschule. An vier Tagen gibt es insgesamt acht Stunden lang Angebote für die Kinder. Montags steht ein Klassenprojekt auf dem Plan, dienstags gibt es eine offene Werkstatt, mittwochs ist Projektnachmittag und donnerstags AG-Nachmittag. Den Freitag kann man als Randzeitbetreuung dazu buchen. An diesem Tag sind Kinder und Betreuer oft unterwegs, etwa beim Schwimmen, im Nymphaea oder beim Minigolfen.

Kooperationspartner
Die Kinder- und Jugendförderung Ostfildern, eine Einrichtung des Kreisjugendrings Esslingen, ist Kooperationspartner und für die Organisation und Durchführung der Ganztagsschule zuständig. Jede Klasse hat neben einer Lehrerin einen festen Betreuer.