Sei 2010 gemeinsam mit dem Zweimaster unterwegs: Claudia und Jürgen Kirchberger Foto: privat

Einfach aussteigen, eine Weltreise machen: Claudia und Jürgen Kirchberger tun schon seit Jahrzehnten das, wovon viele Menschen träumen. Die beiden Österreicher sind immer noch unterwegs. Am 25. Februar gehen sie kurzzeitig im Lindenmuseum vor Anker.

Während des Videointerviews per Satellit haben Claudia und Jürgen Kirchberger kurz Festland unter den Füßen, in Puerto Williams im Süden Feuerlands. Ansonsten sind die beiden Abenteurer seit mehr als 20 Jahren vor allem mit dem Segelboot unterwegs um die Welt.

 

Frau und Herr Kirchberger, ich erreiche Sie gerade im Süden Patagoniens auf dem Weg in die Antarktis. Aber in wenigen Tagen erzählen Sie im Stuttgarter Lindenmuseum über Ihr Abenteuerleben. Schaffen Sie das überhaupt rechtzeitig?

Claudia Kirchberger: Ja, das muss klappen. Unser Segeltörn durch die Antarktis ist Mitte Februar zu Ende. Und dann fliegen wir über Chile nach Stuttgart. Das wird schon, keine Sorge.

Was machen Sie denn gerade in der Antarktis?

Jürgen Kirchberger: Wir helfen einem Freund aus, der eine Charter-Yacht unterhält. Wir arbeiten als Segelcrew und bringen seinen Gästen auf dem Törn die Antarktis näher.

Claudia Kirchberger: Wobei diese Reise eher Expeditionscharakter hat. Also die Gäste müssen schon auch selbst mit anpacken. Aber es braucht halt eine Crew mit Eiserfahrung, mit Erfahrung in Wetterkunde und mit den lokalen Bedingungen.

Ständig unterwegs, überall zuhause, was verstehen Sie denn unter dem Begriff „Heimat“?

Claudia Kirchberger: Europa, das ist unsere Heimat. Hierher kommen wir immer gerne zurück. Auch nach Österreich.

Jürgen Kirchberger: In Österreich ist unsere Basis. Aber wir waren mit unserem Schiff ‚La Belle Epoque’ länger in Barth in der Werft, oder machen Winterpause in Flensburg, auch da fühlen wir uns zuhause. Europa als Heimat, das trifft es am besten.

Wo und wie erholen Sie sich von den anstrengenden Reisen?

Claudia Kirchberger: Erholung benötigen, das ist relativ. Wir machen extreme Reisen in entlegene Gebiete, da erlebt man so viel. Und irgendwann ist der Akku voll, man kann nichts mehr aufnehmen. Dann machen wir gerne eine Pause. Meistens direkt auf dem Boot, in dem wir länger an einem Ort bleiben. Wir waren mal für drei Monate in Mexiko, oder eben unsere Überwinterungen.

Jürgen Kirchberger: Wenn wir zuhause in Österreich sind, haben wir wenig Pause. Da haben wir meist mehr Arbeit. Alle möglichen Dinge regeln, nach dem Haus schauen, das wir vermieten. Oder die Vorträge. Es ist bei uns eben anders als bei normalen Berufstätigen. Die gehen in den Urlaub, wenn der Akku leer ist. Wir machen Pause, wenn der Akku voll ist.

‚La Belle Epoque‘, Ihr Segelboot, verfügt ja nur über das Nötigste an Ausrüstung. Sie haben zum Beispiel weder Kühlschrank noch Dusche. Lieben Sie den Minimalismus oder können Sie Komfort schon auch genießen?

Jürgen Kirchberger: Klar können wir Komfort genießen und schätzen das auch. An Bord zieht so etwas aber immer gleich einen Rattenschwanz hinter sich her. Unterwegs ist alles eher ein Kompromiss. Beispiel Dusche. Die braucht Warmwasser. Das braucht einen Boiler. Der braucht Strom. Also entweder Solar- oder Windenergie. Je einfacher und simpler man unterwegs ist, desto weniger kann kaputt gehen.

Claudia Kirchberger: Und wenn wir spüren, dass etwas fehlt, dann rüsten wir nach. Aber es fehlt nichts. Man gewöhnt sich daran. Während Corona waren wir in einer großen Wohnung. Und saßen doch immer nur am Schreibtisch, haben aber alles geheizt. Und der große Kühlschrank, der war immer halb leer. Aber ich muss schon zugeben, duschen an Deck, vor allem in der Antarktis, das ist schon manchmal eine Herausforderung.

Eine Herausforderung ist sicherlich auch die Finanzierung der Reisen. Wie machen Sie das?

Claudia Kirchberger: Die Vermietung unseres Hauses in Österreich ist unser Grundeinkommen. Wir haben dort auch unsere Basis, sind dort gemeldet.

Jürgen Kirchberger: Mittlerweile sind wir sogar krankenversichert, was wir die ersten Jahre unterwegs gar nicht waren. Dazu kommen Einnahmen durch Vorträge und Buchverkäufe.

Nun also der kurze Zwischenstopp in Deutschland und Österreich mit einigen Vorträgen. Worauf können sich die Besucher freuen?

Jürgen Kirchberger: Auf ehrliche Berichte. Wir erzählen von unseren Erlebnissen und bringen auch persönliche Dinge auf den Tisch – zum Beispiel wie wir auf Grund gelaufen sind, oder unser Boot im Sturm verloren haben.

Claudia Kirchberger: Es ist viel mehr als ein Segelreisevortrag. Es geht eher darum, wie wir das alles bewerkstelligen. Unser ‚anders leben’. Wie man einfach in die Hände spuckt und feststellt, wenn man etwas will, muss man es machen.

Und wie geht es danach für Sie weiter?

Claudia Kirchberger: Wir hatten tatsächlich die Idee, ein wenig sesshafter zu werden und uns nach einem Tiny House umgeschaut. Aber das sollte es nicht sein. Jetzt haben wir quasi ein Tiny House auf dem Wasser. Ein kleines Motorboot, das wir im Herbst in Wiesbaden gekauft haben. Das holen wir nun nach Österreich und bauen es aus für Flusstouren in Europa. Und die nächste große Fahrt mit der ‚La Belle Epoque’ ist auch schon geplant. Wir wollten eigentlich rund um Afrika, aber aufgrund der politischen Entwicklungen haben wir das gestrichen. Schließlich wollen wir Abenteuer in der Natur und keinen Stress mit Menschen.

Jürgen Kirchberger: Die Ideen gehen nicht aus. Jetzt segeln wir eine große Acht im Atlantik. Rüber nach Brasilien, runter nach Argentinien, die afrikanische Westküste wieder hoch und dann in den Norden, in die Arktis. Sesshaft werden wir noch lange nicht.

Vom Wohnmobil zum Segelboot

Vortrag und Film Die Live-Foto- und Film-Show „Bis ans Ende der Welt “ von Claudia und Jürgen Kirchberger findet am Sonntag, 25. Februar, von 13.30 Uhr an im Lindenmuseum Stuttgart statt. Tickets gibt es bei www.traumundabenteuer.com.

Reisebiografie Claudia und Jürgen Kirchberger haben ihre erste gemeinsame Fernreise 1997 in einem Wohnmobil durch die USA unternommen, inklusive Blitz-Hochzeit in Las Vegas. Der Werkzeugmacher und die ausgebildete Agrar- und Ernährungswirtschafterin werden vom Reise-Virus infiziert. Mit ihrem ersten Segelschiff (nach einem einwöchigen Segelkurs) werden die Landratten zu waghalsigen Hochseeseglern und halten sich drei Jahre in den Gewässern rund um Zentralamerika auf. Die Stahlketsch ‚La Belle Epoque‘ wird 2004 gekauft und für weltweite Fahrten umgebaut. Seit 2010 sind sie mit dem Zweimaster unterwegs, inklusive mehrerer Überwinterungen in der Arktis und Antarktis. Ihre Erlebnisse werden auf der Internetseite www.fortgeblasen.at veröffentlicht. Außerdem haben die beiden Abenteurer einige Ratgeber geschrieben und veröffentlicht. tob