Die meisten Bestände des Linden-Museums sind in der Kolonialzeit in die Sammlung gekommen. Foto: dpa

Nach zwei Jahren ist das Forschungsprojekt „Schwieriges Erbe“ zwar beendet, jetzt muss das Linden-Museum überlegen, wie es mit seiner kolonialen Vergangenheit umgehen soll.

Stuttgart - Manchmal werden die deutschen Soldaten den Einheimischen, die im Kampf fielen, den Schmuck gestohlen haben. Sie plünderten sicher auch Häuser, wenn die Bewohner fluchtartig ihre Dörfer verlassen hatten. Ganz genau weiß man im Linden-Museum Stuttgart immer noch nicht, unter welchen Bedingungen die Objekte aus seiner Sammlung in deutsche Hände gelangten. Das Naturkundemuseum besitzt mehr als 160 000 Objekte. 25 000 davon hat sich die Provenienzforscherin Gesa Grimme vorgenommen, um zu ermitteln, über wen sie in die Stuttgarter Sammlung gelangten und ob man einen „Unrechtskontext“ annehmen kann, wie Inés de Castro, die Direktorin des Hauses, es nennt.

Nach zwei Jahren ist das Forschungsprojekt „Schwieriges Erbe“ nun abgeschlossen worden, bei dem das Linden-Museum mit der Universität Tübingen den Umgang mit kolonialzeitlichen Objekten untersucht hat. Aus Sicht der Universität war die ungewöhnliche Kooperation „ein großer Erfolg“, sagt Thomas Thiemeyer, Professor für Empirische Kulturwissenschaften in Tübingen. „Durch den Dialog zwischen Universität und Museum sind neue Sichtweisen entstanden“, sagt Thiemeyer, außerdem handle es sich um gesellschaftlich relevante Forschung, weil das Thema durch das neue Humboldt-Forum derzeit stark in der Diskussion sei.

Deutsche Schutztruppen haben in den Kolonien geplündert

In dem Projekt wurden die Bestände zu Namibia, Kamerun und dem Bismarckarchipel untersucht. Von den 16 000 Objekten aus Kamerun kamen mehr als vierzig Prozent über einen „militärischen Kontext“ in deutsche Hand, zum Beispiel durch deutsche Schutztruppen. „Hier kann man einen Unrechtskontext annehmen“, so de Castro. Im nächsten Schritt will das Museum die genaueren Umstände ermitteln.

Selbst dort, wo bereits feststeht, dass Objekte zu Unrecht in die Sammlung gelangten, geht es nicht zwingend darum, sie zurückzugeben, zumal oft unklar ist, „an wen man es überhaupt zurückgeben würde“, so de Castro. Ihr ist es wichtiger, mit den Herkunftsgesellschaften ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie man mit diesen Stücken umgehen sollte. Letztlich sei es dann eine politische Entscheidung, ob das Land Baden-Württemberg Objekte zurückgibt.

Es gibt keine rechtliche Verpflichtung zur Rückgabe

Anders als bei NS-Raubkunst gibt es für ethnologische Objekte aus der Zeit des Kolonialismus keine rechtliche Verpflichtung zur Rückgabe. Für Inés des Castro ist es vor allem eine ethische Verpflichtung, sich mit der Herkunft der Sammlung zu befassen und die Rolle der ethnologischen Museen zu überdenken. „Wir werden uns nicht befreien können aus dem kolonialen Erbe“, sagt sie, denn immerhin 91 Prozent der Bestände des Linden-Museums kamen während der Kolonialzeit ans Haus.

„Wir haben von den Strukturen der Kolonialzeit profitiert“, sagt de Castro und hofft, durch die Provenienzforschung und den Dialog mit den Herkunftsgesellschaften Regeln entwickeln zu können, wie man fortan mit den Beständen umgehen kann. Ein wichtiger Schritt ist für sie Transparenz. So wird am 22. Juni der Bericht zum Schwierigen Erbe online gestellt. Außerdem soll ein digitaler Katalog entstehen mit dem Fokus auf der Kolonialzeit. „Es geht auch um unser eigenes Denken“, so de Castro. „Die Objekte spiegeln schließlich auch europäische Geschichte.“

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