Lina Heim hat sich als Kind vorgenommen, später mal viele Ponys und eine eigene Reitschule zu haben. Mittlerweile ist sie 28 Jahre alt und Chefin einer 13-köpfigen Herde.
Schorndorf - Eigentlich müsste Pummeluff davonrennen – oder zumindest einen Hüpfer zur Seite machen. Wenigstens zusammenzucken. Aber das schwarz-weiße Shetlandpony bleibt einfach ruhig stehen, als Lina Heim einen Ball über seinen Kopf wirft – zu Nala, die auf dem Rücken des Schecken sitzt. Auch als das siebenjährige Mädchen anfängt, pinkfarbene Seidentücher über seine Mähne, seine Augen zu legen, lässt sich das Pony weiterführen über eine knisternde Plane, an bunten Plastikklötzen entlang.
Zwar sind Shetlandponys für ihre Gutmütigkeit bekannt, „aber das haben wir natürlich trotzdem alles trainiert“, sagt Lina Heim. Die Plane habe sie ein halbes Jahr auf die Koppel gelegt. „Danach war sie für die Ponys völlig normal, ich kann jetzt alles mit ihr anstellen.“ Sechs Mädchen sind an diesem Nachmittag zur Gruppenstunde gekommen. Was das Fangen von Bällen damit zu tun hat, Reiten zu lernen? Mehr, als man denkt: „Die Kinder müssen loslassen, müssen das Gleichgewicht halten“, erklärt Lina Heim. Wichtiger als der perfekte Sitz ist ihr, dass die Kinder auf dem Pferderücken ein Gespür für die Tiere bekommen. Deswegen sitzen sie auch nicht im Sattel, sondern nur auf einer Decke.
Allein die Übung mit dem Ball erzählt viel davon, wie bei Ponylina gearbeitet wird. Diesen Namen hat die 28-Jährige ihrem Traum vom eigenen Ponyhof gegeben. Vor zwei Jahren hat sie die Ponyreitschule gegründet, darauf hingearbeitet hat sie bereits ihr halbes Leben. Mit zwei Ponys ist sie auf das Gelände neben einer Gärtnerei am Ortsrand von Schorndorf gezogen. Mittlerweile besteht die Herde aus 13 Tieren. Es gibt einen selbst gebauten Reitplatz, eine Putzfläche, offene Boxen und dazwischen auch noch jede Menge Platz für die Vierbeiner.
Auszeit von Menschen
„Shetlandponys müssen in einer Herde leben“, sagt Lina Heim, die auf eine offene Haltung Wert legt. Die Ponys können jederzeit selbst entscheiden, wo sie sein möchten: im Unterstand, auf der Koppel, auf dem gepflasterten Hof oder den Wegen dazwischen. In der Nähe der Reitschule und an verschiedenen anderen Stellen rund um Schorndorf kann Lina Heim zudem auf Weiden zurückgreifen. „Manchmal werde ich gefragt, warum meine Ponys nicht bissig sind, nicht treten.“ Damit genau das nicht passiert, dürfen ihre tierischen Mitarbeiter jedes Jahr acht Wochen in den Urlaub. „Ich schaue einmal am Tag auf der Weide vorbei, darüber freuen sie sich. Aber sie brauchen einfach ab und zu eine Auszeit von Menschen.“
Warum sie sich gerade für die kleinen, kräftigen Shetlandponys entschieden hat? „Sie sind mit ihrer Ausgeglichenheit unschlagbar“, sagt Lina Heim. Außerdem gibt es keine andere Rasse, die sie so gut kennt: „Ich bin mit Shetlandponys aufgewachsen.“ Gerade mal ein halbes Jahr alt war Lina, als sie das erste Mal auf den Rücken eines Shetties gesetzt wurde. „Und im Grunde bin ich nie wieder runtergekommen.“
Eine Freundin ihrer Mutter züchtet die Rasse in Oberösterreich. Lina verbrachte mit der Familie jeden Ferientag, jedes verlängerte Wochenende dort. Dann, mit elf Jahren, setzte sie sich allein in den Zug, um die 120 Ponys zu besuchen. Und wenn sie nicht in Österreich war, dann kümmerte sie sich daheim um ihr Pflegepferd Massoud – das jetzt als 26-jähriger Opa mitten in der Ponyherde lebt.
Das Ziel fest im Blick
Lina Heim war ein Pferdemädchen, wie es im Buche steht – und doch anders als andere. Denn anstatt sich in rosaroten Tagträumen zu verlieren, hat sie ziemlich zielstrebig an der Verwirklichung ihres Traums gearbeitet. „Ich wusste schon als Kind, dass ich mal selbstständig sein und einen Haufen Pferde haben möchte.“ Wie sie es auf dem Gestüt in Österreich kennengelernt hatte.
Bereits während der Schulzeit machte sie im In- und Ausland so viele Praktika wie nur möglich. Mit 14 Jahren entdeckte sie eine reine Ponyreitschule in Frankreich – „mitten im Wald, ganz rustikal und spielerisch, das fand ich total cool“. Nach dem Abitur bereiste sie sogar andere Kontinente, um sich Reitschulen und deren Konzepte anzuschauen. „Ich habe mir immer überlegt, was ich gut finde und was ich nicht so gut finde. So habe ich mir meine Philosophie zusammengepuzzelt.“
Nicht so gut findet sie, wenn Kinder auf den Hof kommen, eine halbe Stunde reiten und wieder gehen. Gut findet sie, wenn Kinder alles rund um die Haltung lernen. Wenn sie wissen, was Pferde brauchen. Wenn sie dabei auch noch Wissen über die Natur vermittelt bekommen. Und wenn sie Spaß haben. „Reiten, lernen, lachen“ – unter dieser Überschrift steht ihr Konzept.
Zum Studium nach Wien
Das fachliche Wissen hat sie sich bei ihrer Ausbildung angeeignet. Logisch, dass diese ebenfalls mit Pferden zu tun haben sollte. „Da gibt’s aber leider nicht so viele Möglichkeiten.“ In Wien fing sie an, Pferdewissenschaften zu studieren. „Aber das war zu theoretisch, da hab ich Hummeln im Hintern bekommen.“ Sie brach das Studium ab und machte eine Ausbildung zur Pferdewirtin beim Reitverein in Schwäbisch Gmünd. „Dabei lernt man alles, was man braucht, um einen eigenen Hof zu führen.“ In Gmünd gibt sie immer noch regelmäßig Reitunterricht, dort steht auch ihr eigenes Sportpferd. Denn reiten kann sie auf den Ponys, die ihr teilweise gerade bis zum Oberschenkel gehen, nicht.
Ihr Herz gehört ihnen trotzdem. Was sie an den Vierbeinern so fasziniert, die Frage kann sie nur schwer beantworten. „Sie geben mir total viel zurück“, sagt Lina Heim. „Morgens werde ich mit einem Brummeln von jedem begrüßt. Und wenn ich mich entspannen möchte, setze ich mich einfach zu der Herde. Sie strahlen eine Ruhe aus, die mir guttut.“
Einige Ponys stammen vom Gestüt in Österreich, andere übernahm sie aus einer verwahrlosten Herde. „Da habe ich schon einige rausgekauft, auch wenn es echt viel Arbeit ist, bis diese Ponys dann bereit für Kinder sind.“ Eines der damaligen Sorgenkinder: Pummeluff. Der war am Anfang so dick, dass er gleich den Namen verpasst bekam.
Der weltbeste Geruch
Ihr erstes Pony war der helle Toni, der immer wieder beweist, dass körperliche Größe nicht alles ist: „Er ist zwar der Kleinste der Herde, aber trotzdem der Chef. Mit ihm dürfen nur drei andere fressen, der Rest verzieht sich.“ Jedes Pony hat seinen Charakter, seine Eigenarten. Albert, der Kinderliebling, ist immer etwas zu schnell auf dem Reitplatz unterwegs. Klaus ist verfressen und macht für eine zweite Portion Futter alles: „Er trägt mir sogar die Schüssel im Maul hinterher. Mein Lieblingslied ist das Malmen seiner Zähne, daran kann ich mich nicht satthören“, sagt Lina Heim. Und dass es keinen besseren Geruch gibt als den von Ponys, ist ja eh klar.
Ihre Pferdeliebe vermittelt sie weiter: in Mama-Papa-Kursen, bei denen schon Zweijährige mitmachen dürfen. Bei Kindergeburtstagen oder in den sechs festen Gruppen, die einmal die Woche für 90 Minuten zu ihr kommen. „Ich möchte, dass für alles genug Zeit ist.“ Fürs Putzen und fürs Reiten. Aber auch dafür, im Herbst auf die Felder zu gehen, um Maiskolben zu sammeln, Äpfel aufzuklauben und eigenen Saft daraus zu pressen, beim benachbarten Gärtner im Gewächshaus nach den Tomaten zu schauen. Oder, wie an diesem Nachmittag, auf den riesigen Heuballen zu klettern, zu springen, zu rutschen und mit viel Stroh im Haar Spaß zu haben.
Wie wird der Hof rentabel?
Bei aller Ponyhof-Romantik, das besondere Konzept hat seinen Preis. „Ich habe mir von einer Unternehmensberaterin ausrechnen lassen, was ich nehmen muss“, sagt Lina Heim. Schließlich muss sich der Hof auch rentieren. „Ich habe meinen Standard beim Futter, bei der Medizin. Dann kommen noch Versicherungen dazu und vieles mehr.“ Und das Geld soll auch dann reichen, wenn nicht alle Ponys sofort eingesetzt werden können.
Auf der Koppel steht zum Beispiel der schwarze Jackson. Das große Pony galt noch als unreitbar, als es zu Lina Heim kam. „Ich habe ihn ein halbes Jahr ganz in Ruhe gelassen, er hatte einfach tierische Angst“, erzählt sie. Eine Physiotherapeutin behandelte seinen Rücken, Lina Heim seine Seele. Mittlerweile können Kinder auf Jackson sitzen, und er ist einer der Bravsten in der Herde.