Lilo Rasch-Naegele zum 100. Sie prägte das Bild der modernen Frau

Von Rainer Vogt 

Lilo Rasch-Naegele, Drei Grazien auf Schwarz (1974) Foto: Archiv Rasch-Naegele
Lilo Rasch-Naegele, Drei Grazien auf Schwarz (1974) Foto: Archiv Rasch-Naegele

Wie begeht man einen 100. Geburtstag? In der Galerie Domberger in Filderstadt wurde Lilo Rasch-Naegele am Freitagabend zu Recht beklatscht. Bodo Rasch, Angelika Fellner und Manfred Naegele erinnerten an die 1978 gestorbene Gestalterin als Frau, die von Fachgrenzen wenig hielt.

Dass die Kluft zwischen freier und angewandter Kunst nicht unüberwindlich ist, hat Anton Stankowski beispielhaft bewiesen. Dass Lilo Rasch-Naegele (1914–1978) dem Zwiespalt zwischen „künstlerischem Auftrag oder freier Kunst“ mit einer gewissen Eleganz begegnet ist und ihn durchaus als Chance für das eine wie das andere begriffen hat, stellt sich erst jetzt klar heraus.

Anlässlich des 100. Geburtstags der Künstlerin am vergangenen Freitag hat Corinna Steimel, die Leiterin der Städtischen Galerie Böblingen, zusammen mit Inna ­Nikolewna und Marie-Sarah Linke vom Archiv Lilo Rasch-Nägele eine Jubiläumsausstellung erarbeitet. Noch nie ist „die enge Verwobenheit von Leben, Werk und Zeitgeist“ so deutlich geworden wie in dieser Werkschau in den Räumen der Galerie ­Domberger in Filderstadt.

Das grafische Handwerkszeug erwarb sich die gebürtige Stuttgarterin an der Württembergischen Staatlichen Kunstgewerbeschule bei Ernst Schneidler. Damit auch dem Hölzel-Kreis mit Ida Kerkovius, ­Lily Hildebrandt, Oskar Schlemmer und Willi Baumeister ganz nah, bewegte sich die junge Grafikerin mittendrin im Milieu ­führender Stuttgarter Kulturschaffender. Paul Bonatz, Richard Döcker und der Bildhauer Otto Baum zählten zu ihrem Bekanntenkreis.

Als das Haus des Kunsthistorikers Hans Hildebrandt in den 1930er Jahren zum ­Treffpunkt der Stuttgarter Avantgarde ­wurde, war sie dabei. Nach dem Krieg half Willi Baumeister im legendären Café Bubenbad dem Aufbruch zur Abstraktion auf die Sprünge. Mitverschworen waren der Publizist Kurt Leonhard, der Sammler Ottomar Domnick und der Verleger Gert Hatje. Auch dort gehörte Lilo Rasch-Naegele mit dem Architekten Bodo Rasch dazu. Den ­hatte sie 1940 geheiratet und bis 1943 die Kinder Aiga und Bodo junior zur Welt ­gebracht.

Wie gefragt ihre Entwürfe waren, geht ­sowohl aus der imponierenden Anzahl als auch dem Umfang der ihr anvertrauten Aufgaben hervor. Bis 1938 arbeitete sie in Stuttgart als Presse- und Modezeichnerin für das „Stuttgarter Neue Tagblatt“ und illustrierte für die Verlage Gröber-Neufra und die Deutsche Verlagsgesellschaft. Zum Renner wurden die von ihr gestalteten Schaufenster des Starfriseurs Hugo Benner im Wilhelmsbau.

Gegen Ende der 1930er Jahre wechselte sie nach Berlin und arbeitete für die Zeitschriften „Die Dame“ und „Die Neue Linie“. Der Nobis-Filmverleih vertraute ihr Aufträge an. Die selbstbewusste Ausstrahlung ihrer Frauenfiguren imponierte sichtlich und traf, ja prägte auch „das Bild der Frau“, den Zeitgeschmack. Für den Kalender „Das Jahr der Frau“ versammelte sie von Helena bis zu Lilith und Eva mythische Frauenfiguren. Von 1951 bis 1977 war sie für zig Verlage wie Franckh, Desch, Bertelsmann, Goldmann, Henri Nannen oder die Deutsche Verlagsanstalt als Illustratorin ­tätig oder entwarf Buchumschläge.

Die Auflistung der Schriftsteller, deren Bücher Lilo Rasch-Naegele verbreiten half, gleicht einer Zeitreise: Von Heinrich Kleist und Heinrich Heine, Boccaccio und Casanova, Simone de Beauvoir und Françoise ­Sagan bis zu Marie-Luise Kaschnitz und Curt Goetz. Als Werbegrafikerin kurbelte sie das Geschäft an für die Marburger Tapetenfabrik, für Sarotti, Schiesser, Salamander, Philipps, Osram, Aral, Daimler-Benz, Bosch und Dujardin.

Auch dem „Wirtschaftswunder“ selbst wird Aufmerksamkeit zuteil. Fast unvermeidlich oblag es Frauen, um Sympathie zu werben. Doch auch namhafte künstlerische Vorbilder wirken irgendwie präsent, wenn auch dem femininen eigenen Stil perfekt anverwandelt. So kann Dix Pate stehen, die Auseinandersetzung mit Picasso hat stattgefunden, Baumeister ist präsent, und bei strenger stilisierten Frauen spricht ­Schlem­mer ein Wörtchen mit. Bewusst legt es die Schau auf ein dialogisches Miteinander von auftragsgebundenen Arbeiten mit parallel dazu gestalteter Malerei, Zeichnung und Grafik an – und schafft so spannungsvolle Dialoge.

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