Die Regale sind in vielen Apotheken leer. Foto: dpa//Jens Büttner

Die Apotheken im Land klagen über Lieferengpässe. Hunderte Arzneimittel sind aktuell nicht lieferbar. Wie sieht die Lage im Kreis Ludwigsburg aus?

Die Kundin verlässt die Apotheke wieder – das Rezept noch in der Hand. Eigentlich benötigt sie ein Antibiotikum gegen eine starke Mandelentzündung, hat aber keins bekommen. Das Medikament ist vom aktuellen Lieferengpass betroffen. Sie hängt sich ans Telefon und fragt bei anderen Apotheken nach, ob die vielleicht noch ein Mittel gegen ihre Angina vorrätig haben.

 

Diese Szene sei kein Einzelfall. „Aktuell gibt es massive Lieferschwierigkeiten bei Antibiotika“, sagt Brigitte Hillner. Sie ist Apothekerin in der Johannes-Apotheke in Kornwestheim und täglich mit der Herausforderung konfrontiert, ihren Kunden das passende Medikament verkaufen zu können. Betroffen seien „durch die Bank weg“ Arzneimittel aller Kategorien. Säureblocker, Insulinersatzstoffe, Antidepressiva, starke Schmerzmittel und Impfstoffe sind nur einige auf der Liste. Aktuell man in der Johannes-Apotheke auf mehr als 260 Medikamente.

Zu geringe Preise für Hersteller

Der Grund dafür seien vor allem die geringen Preise, die Hersteller in Deutschland für die Medikamente bekommen. „Das sind keine Wohlfahrtvereine. Sie wollen Geld verdienen und ihre Mitarbeiter bezahlen“, sagt Hillner. Deshalb würden die Hersteller ihre Produkte ins Ausland verkaufen, da erzielten sie höhere Gewinne. Es hänge an vielem, dass Medikamente knapp werden. Beispielsweise bekämen die Hersteller keine Glasflaschen mehr, da Produzenten ausfielen. Ein Medikament, das in einer Glasflasche zugelassen ist, könne aber nicht einfach in eine Kunststoffflasche abgefüllt und verkauft werden. „Das Medikament braucht dann eine komplett neue Zulassung auf die neue Verpackung. Das kostet Zeit und Geld.“

Auch die Lieferketten seien ein großes Problem. Die Arzneimittel werden nicht mehr in Europa, sondern überwiegend in China und Indien produziert. Die Transportwege sind lang, das Risiko, dass etwas auf dem Weg schief geht, hoch.

Auch Eberhard Klünder, Inhaber der Marktapotheke in Ludwigsburg, muss zurzeit mit fehlenden Medikamenten umgehen. Positiv sei, dass die Lage bei den Fiebersäften für Kinder deutlich entspannter sei als im Vorjahr. Dafür seien aktuell jedoch keine Penicillin-Säfte für Kinder zu bekommen. Außerdem fielen plötzlich Medikamente aus, die für die Patientenversorgung wichtig seien. Beispielsweise Insulin für Diabetes-Patienten oder Magen-Darm-Medikamente. In den meisten Fällen dauere es zwischen sieben und 14 Tagen, bis die Arznei wieder lieferbar ist.

Produkte von anderen Herstellern

Bei Medikamenten, die zur Zeit überhaupt nicht zu bekommen sind, werde dann nach einer Alternative gesucht. Häufig werde ein Medikament von unterschiedlichen Herstellern produziert. So kann der Kunde den gleichen Wirkstoff erhalten. Ihn an eine andere Apotheke zu verweisen, sei für Klünder keine Option. Den Umsatz- respektive Kundenverlust wolle er nicht riskieren. Außerdem sei die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass eine andere Apotheke das Medikament noch vorrätig hat, da alle vom selben Großhändler beliefert würden. „Hier benötigt es eine hohe pharmazeutische Kompetenz, um ein anderes geeignetes Produkt vorschlagen zu können“, sagt er.

Auch Brigitte Hillner versucht gemeinsam mit den Kunden, eine Alternative zu dem verordneten Heilmittel zu finden. Bei einem Telefonat mit dem behandelnden Arzt lassen sich Alternativprodukte finden. In manchen Fällen würde auch geschaut, ob ein Kind bereit wäre, ein Granulat einzunehmen oder ein Erwachsener einen Saft. Auch unterschiedliche Stärken der Arzneien seien häufig eine gute Lösung. Für Hillner ist die aktuelle Lage aber nichts Neues. „Wir kennen das schon seit fast neun Jahren.“