Miriam Sachs ist Apothekerin in Leonberg und erlebt die Auswirkungen der Lieferengpässe jeden Tag. Foto: h&h-Apotheke/Nenad Becarevic

Apotheken haben weiterhin mit Lieferengpässen zu kämpfen. Für Kinder-Antibiotika müssen Eltern zum Teil weite Wege in Kauf nehmen.

Eine lange Reise hat ein Vater auf sich genommen, der am Wochenende ein Antibiotikum für sein krankes Kind gebraucht hat. Er hatte ein Rezept von der Uniklinik Heidelberg. Gelandet ist er letztlich in Leonberg. „Er hat um die 30 Notfallapotheken abtelefoniert“, schildert Miriam Sachs, Inhaberin der h&h-Apotheke in Leonberg. „Erst bei uns ist er fündig geworden.“

 

Dieser Fall sei nur die Spitze des Eisbergs, so die Apothekerin, und ein erschreckendes Beispiel dafür, welche Ausmaße das Problem mittlerweile angenommen habe. Auch aus Sicht der Leonberger Kinderärztin Thora Goldstein ist die Situation alarmierend. Miriam Sachs appelliert an die Bundespolitik, endlich tätig zu werden.

Lieferengpässe dauern an

Dass Apotheken immer öfter das Problem haben, dass sie Medikamente nicht verlässlich oder in ausreichender Zahl bekommen, ist bekannt. Es hängt unter anderem mit der zunehmenden Herstellung im Ausland und den Lieferketten zusammen. Betroffen ist quasi alles, vom Bluthochdruck- und Schmerzmittel bis hin zum Krebsmedikament. „Schon seit Ende letzten Jahres bekommen wir aufgrund der andauernden Lieferengpässe regulär keine Antibiotikasäfte für Kinder“, berichtet Miriam Sachs. „Bei den laufenden Vorbestellungen wissen wir nie ob, was, wie viel und wann überhaupt Ware ausgeliefert wird.“

Bei Medikamenten zur akuten Behandlung, die man sofort benötigt, tritt das Problem umso deutlicher zutage. Gerade am Sonntag, wenn nur wenige Notfallapotheken geöffnet haben, müssen die Patienten zum Teil weite Wege auf sich nehmen. Derzeit geht eine Scharlachwelle bei den Kindern herum, berichtet Miriam Sachs. Für die Behandlung, aber auch im Hinblick auf die Ansteckungsgefahr, ist ein sofortiger Beginn der Therapie sehr wichtig. „Im Landkreis Böblingen musste der Großteil der Patienten der Kinderärztlichen Notfallpraxis am Krankenhaus Böblingen den weiteren Weg nach Leonberg nehmen, weil die näherliegende Notdienstapotheke im Vorfeld nicht genug Antibiotikasäfte auftreiben konnte.“

Großer Mehraufwand für Apotheken und Ärzte

Das bedeutet nicht nur für die Patienten zum Teil große Umstände. „Es gibt Menschen, die können sich das zeitlich und finanziell gar nicht leisten, so weit zu fahren für ein Medikament“, sagt Miriam Sachs. Auch die Apotheken und die Ärzte haben dadurch einen erheblichen Mehraufwand. Das bestätigt Thora Goldstein, Kinderärztin aus Leonberg. „Wir kommen jeden Tag mehrfach mit dem Thema in Berührung, es kostet uns viel Zeit und Energie im Praxisalltag sowie auch im kinderärztlichen Notdienst.“ Die Arztpraxis muss täglich mit zusätzlichen Nachfragen von Apotheken und Patienten jonglieren, es gibt mehr Telefonate und doppelte Wege. „Oft müssen Rezepte wieder geändert werden“, beklagt sie. „Diese Engpässe gibt auch die Praxissoftware im Vorfeld als Info so leider nicht her.“

Sie merke in der Folge eine allgemeine Unzufriedenheit bei Patienten und Mitarbeitern. „Und das in einer sowieso schon sehr unruhigen Zeit mit Ärztemangel, Personalmangel in den Praxen und Kliniken und einem immer höher werdenden Anspruch auf der anderen Seite.“

Verschrieben wird, was verfügbar ist

Die Engpässe haben außerdem großen Einfluss darauf, welche Medikamente Thora Goldstein verschreibt. „Wir bekommen netterweise schon eine Liste des aktuellen Vorrats von Antibiotika für Kinder von ,unserer‘ Referenzapotheke, diese Abstimmung macht einiges leichter.“ Allerdings seien auch diese Vorräte begrenzt und der Bestand ständig wechselnd. „Außerdem können die Patienten die Apotheke frei wählen, also kann man dies gar nicht alles mit jedem absprechen ansonsten.“

Ein alarmierendes Zeichen: Zeitweise muss sich die Ärztin beim Schreiben des Rezeptes danach richten, was gerade erhältlich ist, obwohl sie medizinisch ein anderes Medikament für besser passend halten würde. Bei den Antibiotikasäften für Kinder erlebe sie das gerade ständig. „Das kann und darf nicht sein“, betont die Kinderärztin.

Die Sorgen der Eltern sind groß

Die Sorgen bei den Eltern sind entsprechend groß. Das spüren nicht nur die Apotheken, sondern auch die Ärzte. „Wir erleben dies inzwischen teilweise mehrfach täglich“, sagt Thora Goldstein. „,Wie soll das werden? Wie kommt das bloß? Wie kann das sein in einem Land mit solchen Standards?‘ Diese und ähnliche sind typische Fragen.“ Doch echte Antworten kann sie ihnen nicht geben.

„Wir raten den Eltern, vorab bei der Apotheke anzurufen, damit sie nicht umsonst hinfahren und abzuklären, ob das Medikament verfügbar ist.“ Ansonsten sollten sie sich an andere Apotheken wenden oder sich bei Problemen wieder in der Praxis melden. „Dies bedeutet viel Zusatzarbeit für alle.“