Till Brönner macht bei seiner Weihnachtstour am 26. November Station in der Liederhalle Stuttgart. Foto: Patrice Brylla

Er gilt als Deutschlands erfolgreichster Jazztrompeter. Nun geht Till Brönner auf Weihnachtstour – und er kommt auch in die Liederhalle Stuttgart. Im Interview erzählt er, was ihm die Adventszeit bedeutet, wie er mit Selbstzweifeln umgeht und warum es so wichtig ist, sich nicht zu verbiegen.

Ende des Monats startet Ihre „Better Than Christmas"-Tour. Was hat Sie an einer Weihnachtstour gereizt?

Vor über zehn Jahren nahm ich ein Weihnachtsalbum auf – mit Liedern, die mich persönlich bewegen. Nun wollte ich es auf die Bühne bringen. Für mich ist diese Tour ein absolutes Novum, mit eigens dafür konzipiertem Programm! Vielleicht stößt der eine oder die andere dabei auf weihnachtliche Stücke, die er oder sie noch nicht kennt, oder noch nicht in dieser Version. Weihnachten ist eine besondere Zeit, mit fröhlichen und traurigen Seiten.

Klar, es geht um Tradition. Aber auch um konkrete Aspekte unserer Gesellschaft. Verbinden die einen Weihnachten mit Frohsinn, ist es für andere Menschen vielleicht die schwerste Zeit, weil sie einsam sind. Dann ist da auch das „zur Ruhe Kommen“. Wann geht das schon mal in unserer Hektik, die gefühlt ständig zunimmt? Weihnachten ist eine Art Zwangspause vom Üblichen, da wird Inventur gemacht, da werden – nach dem vorweihnachtlichen Trubel – mal die Läden geschlossen. Man kann Einkehr üben, sich der eigenen Person und/oder seinen Lieben zuwenden.

Was bedeuten die Festtage für Sie?

Erinnerungen an die eigene Kindheit, bei der Familie sein, nichts tun, die Seele baumeln lassen. Das ist auch ein Privileg. Insofern erlaubt Weihnachten – und das will ich auf der Tour auch vermitteln –Momente der Besinnung, die für unsere Breitengrade wichtig sind. Momente, um darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist, wie es um diese Welt bestellt ist und was man auf ihr tun möchte.

Apropos ‚tun’, schon früh wollten Sie Trompete spielen. Wie kam’s dazu?

In den 70ern durfte ich als Kind an den Wochenenden aufbleiben. Da gab es diese Fernsehshows mit der unvermeidlichen Showtreppe, rechts und links davon war das Orchester platziert. Die Musiker hatten – meistens – weiße Anzüge an und das Instrument im Anschlag wie der Cowboy seinen Colt.

Besonders haben mich da die Trompeter fasziniert. Die Pose, die Klamotte, die Musik, das war alles nicht voneinander zu trennen. In anderen Worten: Die großen Fernsehorchester geleitet von Max Greger, Paul Kuhn, James Last und wie die legendären Bandleader hießen, haben mich zum Trompetenspiel inspiriert.

Wie alt waren Sie damals?

Mit sieben Jahren ging es auf der Blockflöte los, mit acht bekam ich meine erste Trompete. Ich werde den Moment nie vergessen, in dem ich den Koffer aufmachte und sie da auf blauem Samt leuchtete! Sie gehörte einem Musiker, war wieder hergerichtet und stammte aus dem Laden meiner Tante, die einen klassischen Musikalienhandel hatte. Dort gab es von der LP über Noten bis zur Orgel alles.

Sie stammen aus einer Musikerfamilie. Ihre Eltern machten Kirchenmusik. Als Sie den Jazz entdeckten, schaltete sich bei Ihnen alles von schwarz-weiß auf bunt ...

Im wahrsten Sinne des Wortes! Ab etwa zwölf Jahren hatte mich der Jazz am Wickel. Ich entdeckte da unter anderem Louis Armstrong: Sein Gesang und sein Trompetenspiel, sein technisches Niveau und Ausdruck sind bis heute nicht erreicht.

Auch als ich den Altsaxofonisten Charlie Parker hörte, wusste ich, dass in der Welt Dinge passieren, die mit Gesetzesbrecherei zu tun haben, in diesem Fall nicht nur die musikalischen.

Sie waren also nicht der typische Zwölfjährige?

Als Kind ist es ja oft schwer genug, sich gegen Klassenkameraden zu behaupten. Ich war schon eher der Nerd, aber den Kampf habe ich gerne ausgetragen. Das änderte sich dann, als ich auf dem Schulhof immer Geld in der Tasche hatte. Das verdiente ich, mit Mucken auf Hochzeiten oder anderen Veranstaltungen.

Hatten Sie auch mal Zweifel?

Selbstzweifel, Ängste, Unzufriedenheit, das kennt jeder gute Künstler, jede gute Künstlerin, ganz gleich in welchem Genre oder in und welcher Gattung er oder sie zuhause ist. Zweifeln verhindert Stillstand. Man kann den Beruf als Profession betrachten und im Privatleben umschalten. Die Frage ist, warum man was macht. Wegen des Erfolgs? Oder weil man in neue Welten vordringen will.

Künstler ist man 24 Stunden am Tag. Die Muse küsst dich nicht während der üblichen Arbeitszeiten. Kreativität ist ein Geschenk, Kunst braucht Freiheit, man muss als Künstler Dinge für möglich halten, Grenzen einreißen. Und da verstecken sich mitunter Selbstzweifel an jeder zweiten Straßenecke.

Sie sind auch Professor für Jazztrompete – sprechen Sie über solche Themen auch mit Ihren Studierenden?

Letztlich gilt es, sich selbst treu zu sein – und zu sich ehrlich zu sein. Das bedeutet, nachzudenken, ob ein Musikerdasein wirklich Beruf sein kann, mit dem man womöglich viele Jahre keine Familie ernähren kann. Ich habe die kaufmännische Seite im Studium nicht gelernt, auch meine Eltern haben mich nie darauf angesprochen. Als echte Bildungsbürger und humanistisch geprägte Menschen ließen sie mir Freiheit, sagten, mach’, was dir Spaß macht. Doch Musik ist harte Arbeit, von der nur die wenigsten gut leben können. Da braucht es einen starken Willen.

Heute denke ich, es kann nicht schaden, auch BWL oder Ähnliches dazu zu studieren. Da hast du was in der Tasche – und es hilft dir, deine Karriere zu managen.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Am Anfang hat sie mich schon beschäftigt, verwirrt, verärgert. Mittlerweile bin ich selbst mein stärkster Kritiker. Manches, was da zu lesen ist, ist vorhersehbar, je nachdem aus welcher Ecke die Rezension kommt. Kritik kann zum Nachdenken bringen. Wenn allerdings am Ende eines Konzerts 2000 Menschen aufstehen, die Kritik aber schlecht ist, empfinde ich das als Affront gegen das Publikum. Über dessen Reaktion sollte auch berichtet werden.

Im Laufe Ihrer Karriere haben sie unterschiedlichste Projekte gemacht, mit unzähligen Musikern gearbeitet, darunter Dave Brubeck, Tony Bennett, Mark Murphy, James Moody oder das Elektropop-Duo Yello. Gibt es eine Richtung, die sie nie einschlagen würden?

Kann ich nicht sagen, es kommt auf das Projekt an. Es war toll, in unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten. Diese Ausflüge haben mich zu mir selbst geführt, auf eine Reise, die ich sehr öffentlich vollzogen habe. Als Musiker lässt du im wahrsten Sinne die Hosen runter – das ist dann auf Alben dokumentiert. Manche würde ich vielleicht heute anders machen, aber sie zeigen eine Entwicklung. Und wenn man mit anderen zusammenspielt, lernt man neben neuen Nuancen auch sich, das musikalische Selbst, besser kennen. Wichtig ist dabei stets, dass man sich nicht verbiegen muss, ich konnte bei allem immer ich selbst sein und bleiben. Über die Jahre wird deutlich: Weniger ist mehr.

Sind Sie also der Mies van der Rohe an der Trompete?

So habe ich das noch nicht gesehen. Aber die Bezeichnung gefällt mir – sie trifft mein Anliegen. Es geht um Gefühl, darum zu berühren statt mit Sperenzchen und aufgesetzten Verschnörkelungen zu beeindrucken.

Apropos, wer hat Sie von Ihren Kooperationspartnern am meisten beeindruckt?

Viele! Besonders bemerkenswert fand ich die Visionäre des politisch motivierten Jazz wie der Schlagzeuger und Perkussionist Günter „Baby“ Sommer oder die Brüder Kühn, Joachim am Piano oder Saxofon, Rolf an der Klarinette.

Richtig großen Eindruck auf mich machte Hildegard Knef! Sie war eine der großen Reizfiguren der Nachkriegszeit, etwa durch ihren Film „Die Sünderin“, in dem sie gerademal schemenhaft hüllenlos zu sehen war. Damit entblößte sie die Doppelmoral. Die Knef war eine echte Persönlichkeit, selbstbewusst, kritisch, schwarzhumorige Beobachterin der Zeichen der Zeit, die Geschlechterstereotypen aufbrechend, dabei durchaus uneitel – sie konnte bestens über sich selbst lachen. Eine Frau mit facettenreicher Karriere, die sich auch von vielen Schicksalsschlägen nicht unterkriegen ließ, die Politiker um Rat fragten.

Sie fotografieren, längst werden ihre Werke ausgestellt. Warum dieses Medium?

Ich sehe mich durchaus als audiovisuellen Künstler. Fotografieren ist die bestmögliche Alternative, kreativ tätig zu sein ohne im Mittelpunkt zu stehen – anders als auf der Bühne. Dass ich damit nun auch erfolgreich bin, war anfänglich nicht beabsichtigt.

Bleibt noch eine Frage: Wie sehen Ihre kleinen Fluchten aus – neben dem Fotografieren?

Ich mache wieder mehr Sport – und koche sehr gerne. Das kann ich wiederum gut mit einer anderen Leidenschaft verbringen, Filmeschauen. Außerdem kann ich ganz gut allein sein – etwa im Restaurant.

Info: Till Brönner: „Better Than Christmas“, 26. November, 20 Uhr, Liederhalle Stuttgart, Tickets bei stuttgart-live.

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