Ivo Pogorelich galt vor 40 Jahren als "zu exzentrisch" für die Jury des Internationalen Chopin-Wettbewerbs. Danach schrieb er Musikgeschichte und wurde über Nacht zum wohl berühmtesten Verlierer der Klassikszene. Foto: Bernard Martinez

Schon fast vier Jahrzehnte ist es her, dass Ivo Pogorelich zum ersten Mal die pianistische Fachwelt in Aufruhr versetzte. Seine eigenwilligen Interpretationen begeistern seither sein Publikum – oder sorgen für Ablehnung.

Einigkeit herrscht heute durchweg im Hinblick auf die außergewöhnliche pianistische Meisterschaft von Ivo Pogorelich. Seine Karriere begann mit einem Eklat, als sich einige Juroren des 1980 ausgetragenen Internationalen Chopin-Wettbewerbs in Warschau öffentlich vom Jury-Entscheid distanzierten, Pogorelich nicht für die Endrunde zuzulassen – darunter Martha Argerich.

Wie nähern Sie sich einer Komposition, um ihre Essenz zu entdecken?

In vielerlei Hinsicht wie das auch die Zuhörer tun; ich lausche den Harmonien, den Melodien, und ich achte aufmerksam auf die Länge und den Abstand zwischen den Klängen. Sehr langsam entsteht die Architektur des Stückes, und dann kommt der wesentliche Part – um die Ecken zu schauen. Das wird zum geheimnisvollsten und faszinierendsten Teil des Ganzen. Auf jeden Fall steht alles in der Partitur.

Welche Beziehung haben Sie zu Musik, die Sie schon als junger Pianist interpretiert haben?

Es ist eine Wiederentdeckung, die voraussetzt, dass das Stück ordentlich vergessen worden sein sollte – was oft mit den Stücken geschieht, die ich jahrzehntelang nicht gespielt habe.

Eine Ihrer ersten Aufnahmen enthielt mehrere Kompositionen von Chopin. Können Sie den Unterschied beschreiben, wie Sie Chopin damals spielten und wie Sie es heute tun? Was bedeutet Ihnen seine Musik?

Chopins Musik besitzt einen universellen Wert und berührt die Herzen von Menschen unterschiedlicher Kulturen. Der Komponist vermochte es, unvergängliche Bilderwelten zu hinterlassen, brillante und reiche Fantasie gepaart mit zeitlosen menschlichen Gefühlen. Was sich im Lauf der Zeit niemals ändern wird, ist unsere Absicht, sich seiner Musik mit Respekt und Bewunderung zu nähern.

Nach welchen Gesichtspunkten entscheiden Sie, wenn Sie ein neues Werk auswählen, das Sie bislang noch nicht erarbeitet haben?

Am besten ist es, wenn die Musik an deine Türe klopft, aber manchmal ist es auch bedingt durch einen Vorschlag oder einen Rat. Das kann auf mehr als nur auf eine Art und Weise geschehen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: