Es ist inzwischen bekannt, dass die Kunst der alten Griechen und Römer nicht weiß, sondern farbig war. Trotzdem überraschen die knalligen Farben der Rekonstruktionen, die das Liebieghaus in Frankfurt am Main in „Bunte Götter“ präsentiert.
Frankfurt - Wenn Touristen auf die Akropolisstapfen oder durch Rom laufen, fühlen sie sich der Antike oft ganz nah. Das Bild, das sie in ihren Köpfen von der Welt der alten Griechen und Römer skizzieren, ist dabei selbstverständlich: weiß. Weiße Städte mit weißen Tempeln und strahlend weißen Marmorfiguren. Umso größer ist der Schock, wenn man derzeit das Liebieghaus in Frankfurt besucht. Denn die Ausstellung „Bunte Götter“ zeigt, dass die Antike nicht nur bunt war, sondern dass sie offenbar eine Farbigkeit besaß, die man früheren Jahrtausenden nicht zugetraut hätte. Die Spuren an den Originalen und die rekonstruierten Skulpturen lassen eine Ästhetik vermuten, die quietschbunt wie Zuckerwerk war.
Seit 2003 touren die „Bunten Götter“. Drei Millionen Besucher haben die Ausstellung bereits gesehen. Auch im Liebighaus war sie 2008 schon in kleiner Ausgabe zu Gast. Und trotzdem ist es ein gänzlich neuer Seheindruck, der sich hier bietet (bis 30. August). Denn das Bild der Antike, das durch unser aller Köpfe geistert, lässt sich nicht so einfach revidieren, schließlich zieht sich die Vorstellung eines weißen, reinen Griechenlands seit Jahrhunderten durch die Geschichte.
In der Renaissance entsteht der Mythos einer weißen Antike
Das liegt auch daran, dass sich die meisten Farben nicht erhalten haben. Als in der Renaissance das Interesse an der Antike erwachte und man in Rom Grabungen vornahm, stieß man entsprechend auf blanke Marmorskulpturen und Fragmente. Es entstand der Mythos einer weißen Antike. Weiß wurde sogar zum Ideal stilisiert, und weil die Künstler der Zeit dem – vermeintlichen – antiken Schönheitsideal nacheiferten, fertigten sie nun auch selbst ungefasste Skulpturen. Johann Joachim Winckelmann, der 1764 die Kunstgeschichte begründete, erklärte Weiß dann sogar zur Norm der Skulptur. Je weißer, desto schöner.
Aber das, was man im 18. und 19. Jahrhundert in Pompeji plötzlich fand, warf alles über Bord. Es wurden zahlreiche polychrome Skulpturen gefunden. Durch den Ascheregen des Vesuvs waren die Menschen zwar zu Tode gekommen, die Farben aber waren konserviert. Im Liebieghaus ist nun die sogenannte Bikini-Venus zu sehen, eine faszinierende Frauenfigur, die im 1. Jahrhundert nach Christus entstanden ist und auf deren Körper sich die goldenen Muster und Verzierungen ihres Kleides erhalten haben. Ihnen verdankt die Marmor-Aphrodite den Namen Bikini-Venus, denn die Riemchen über den Schultern und das Flechtmuster auf der Brust schauen aus wie ein Bustier. Wie beiläufig hat die Schöne ihren Arm auf einem kleinen Eros-Knaben abgelegt, dessen Haar auch noch eine kräftige braune Färbung besitzt. Eine besonders schöne Leihgabe aus Pompeji.
Die kühnen Muster könnten von heutigen Designern stammen
Farbe aber auch in Griechenland: 1838 wurde zum Beispiel in der Nähe von Athen die Grabstele des Aristion entdeckt, das Relief eines Mannes, auf dem man Farbspuren fand – ein blaues Muster auf der Rüstung und Braun im Gesicht. Tatsächlich gingen viele griechische Künstler nach Ägypten, um dort zu lernen, wie man große Steinskulpturen fertigt und mit welchen Methoden sie sich farblich gestalten lassen. Wie das ausgeschaut hat, kann man heute noch am Aphaia-Tempel (480 vor Christus) auf einer Insel bei Athen nachvollziehen. Für die Ausstellung wurde unter anderem ein Bogenschütze des Giebels rekonstruiert, der stark gemusterte Arm- und Beinkleider trägt. Diese raffiniert ineinander greifenden Farbspiele könnten durchaus von heutigen Designern stammen.
Ob es Porträtbüsten sind oder Reliefs, die Funde weisen allesamt darauf hin, dass die Farben nicht dezent lasierend aufgetragen wurden, sondern deckend. Sie sind knallig und die Kontraste oft so stark, dass sie so gar nichts von der „edlen Einfalt“ besitzen, die man der Antike lange zuschrieb. Auf dem Porträt von Caligula (37 bis 41 nach Christus) kann man deutlich erkennen, wie fein die Wimpern gezeichnet waren. Die Rekonstruktion des Kopfes wirkt lebensnah und gibt auch eine Ahnung, wie farbenfroh die Städte in der Antike gewesen sein müssen. Das Farblose galt sogar als hässlich, weshalb Helena in einer Tragödie von Euripidessagt: „Wenn ich doch, wie eine Statue, der man die Farben abwischt, hässliche Gestalt annehmen könnte statt der schönen.“
Das falsche Bild der Antike wird sich noch lang halten
Trotz dieser vielen Belege für Farbe setzte sich im 20. Jahrhundert erstaunlicherweise plötzlich wieder der alte Mythos vom reinen Weiß durch. Das mag damit zu tun haben, dass er sich anbot, um die kühne Behauptung zu untermauern, dass die weiße Rasse überlegen sei. Mussolini und Hitler nutzten eine monochrome Ästhetik sogar gezielt als Propagandainstrument. Aber auch die Wissenschaft wollte lange nichts hören von Polychromie, Skulpturen mit Farbspuren wurden oft als Fälschungen abgetan. Heute kann man mit ultraviolettem Licht und Infrarot eindeutig sichtbar machen, was lang übersehen wurde – und die Kunstgeschichte musste einräumen, dass sie einen falschen Mythos verbreitet hatte. Doch allen Erkenntnissen zum Trotz wird er sicher noch lange fortleben in Büchern, Filmen, Museen – und in Köpfen, woran vermutlich auch die „Bunten Götter“ wenig werden ändern können.