Edel, aber nicht mehr nur dem Adel vorbehalten: der illuminierte „Christmas Garden“ in der Stuttgarter Wilhelma Foto: dpa

Nachtschwarze Stille zählte zu den Urängsten des Menschen. Heute veranstalten die Städte ausufernde Lichtfestspiele, weshalb die Dunkelheit beginnt, ein kostbares Gut zu werden. Stuttgart aber hält eine löbliche Balance.

Stuttgart - Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ – mit ölig-näselnder Stimme machte 1938 Gustaf Gründgens in dem Film „Tanz auf dem Vulkan“ diesen Schlager zum Ohrwurm fürs ganze Land. Das war sein Verdienst, vor allem aber das des neuen Mediums. Die Lichtspieltheater verbreiten den Traum vom mondänen Leben und Nachtleben, von einem Leben in Freiheit und Unmoral schneller, als je es Schillers „Räuber“ – „Der Wald ist unser Nachtquartier, der Mond ist unsre Sonne“ – oder alle Bohemiens und Flaneure auf den Pariser Boulevards hätten tun können. Das Nachtleben wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts „erfunden“. Bis dahin hatten nur der Adel und die reiche Bourgeoisie, die ihre von Kerzenlicht erleuchteten Feste in die Nacht verlegen konnten, ein Nachtleben – und sie zeichneten sich damit als Oberschicht aus: Licht war bis zur Erfindung der Elektrizität ein Statussymbol.

Ludwig XIV. war im 17. Jahrhundert Sonnenkönig, weil er das meiste Licht verschwendete. Der Spiegelsaal von Versailles ist ein Lichtkunstwerk sondergleichen, das ohne jegliche Elektrizität, nur mit traditionellen Materialien hergestellt wurde, mit Kerze, Spiegel, Himmel, Stern: Die Lüster verscheuchten nicht nur die Nacht im Saal, sie vertausendfachten sich in den Spiegeln und addierten sich mit den Sternen, die durch die genau den Spiegeln gegenüber angebrachten Fenster hereinsahen, zu einem Lichtermeer, zu einer Milchstraße im Palais. Die Milchstraße einzufangen oder gar diese Himmelserscheinung noch zu überbieten ist seither ein erfolgreiches Unterfangen: Welcher Großstädter hätte je noch am Himmel die Milchstraße erblickt? Seit dem 19. Jahrhundert hat jeder Boulevard das Bestreben, ein Spiegelsaal zu sein, der das Sternenlicht überblendet.

Im Dunkel der Gebüsche

Erst von da an, erst seit der demokratischen und technischen Revolution erhellen „Die Lichter der Großstadt“ die Nacht für jedermann. Straßenlaternen verscheuchen die Gespenster, die im Dunkel die Fantasie heimsuchen. Auch den lässlichen Sünden, die ins Dunkel der Gebüsche, Kammern und Kneipen verbannt gewesen waren, nahmen die Glühbirnen den moralischen Schrecken. Gründgens’ verführerische Stimme verkündete allen Ohren die neue Libertinage und verführte auch jungfräuliche Herzen:

Wenn im Glase perlt der Sekt,

Unter roten Ampeln

Und die Mädchen süß erschreckt

Auf dem Schoß uns strampeln,

Küssen wir die Prüderie

Von den roten Mündern;

Amnestie, Amnestie

Allen braven Sündern!

Heute, da die sinnliche Liebe aus dem Katalog der Todsünden gestrichen ist, gibt es nicht einmal mehr die „braven Sünder“, die im fahlen Licht der Laternen bangen Herzens ihr schlechtes Gewissen nach Hause tragen. Über die Dunkelheit hat das Licht gesiegt, über die Unmoral die Vernunft. Die Stadt ist kein Versteck mehr für verborgene Wünsche, sie ist ein Festsaal, in dem alle Sinne sich selbst genießen dürfen. Sommers wie winters veranstalten nun die Städte Lichtfestspiele für alle. Die finsteren und langen Abende am Jahresende eignen sich zwar besonders gut für Lichtinstallationen, aber auch im Sommer nutzen sie die Nacht für solche Attraktionen. Vom Brandenburger Tor bis zum Karlsruher Schloss verwandeln sich repräsentative Gebäude in Leinwände, auf denen zauberhafte Lichtkunstwerke aufgetragen werden. Die Strahlen malen einmal schlanke ägyptische Königinnen auf die Fassade, dann wieder Ritter, oder sie rufen gar im Giebel des Schlosses einen Apoll und seine göttlichen Begleiter in Erinnerung, so dass man vermeint, in Karlsruhe auf der Akropolis zu stehen, würde nicht just in diesem Augenblick der Palast in tausend Lichttrümmer zerbröseln.

Zu den Musikfestspielen, die gerne in Schlössern abgehalten werden, kommen nun also Lichtspiele auf der Schlossfassade hinzu. Aus der praktischen Nutzung ist das Licht zum Medium der Kunst und zu einem Teil der Popkultur geworden. Licht, das mehr sein will als ein Hilfsmittel, damit man nicht stolpert, Licht also, das verzaubert, ist durch die Diskotheken populär geworden. Als Lichtalbum ist denn auch die Inszenierung der Lichtkünstler des ZKM in Karlsruhe zu erwerben, wie eines der vielen Alben der Popstars.

Karlsruhe hat internationale Konkurrenten in Bukarest, Zagreb, Peking; die kalifornische Stadt Napa gar wirbt mit dem Versprechen: „Next year will be even brighter“. To be even brighter – dies bedeutet eine Konkurrenz, die die Lichtkunst geradezu zum Sport erhebt – und Stuttgart ist auch in dieser Disziplin nicht Weltspitze. Was auf dem Schlossplatz hinter den Buden des Weihnachtsmarktes oder in der Wilhelma als „Christmas Garden“ vorgestellt wird, ist schon technisch nicht auf dem neuesten Stand. Die digitale Revolution hat, was die Lichtkunst betrifft, Stuttgart noch nicht erreicht. Hier arbeitet man mit Glühbirnen und komponiert aus Tausenden davon statische Objekte. Das flutende Licht, das für sich selbst agiert, das sich geradezu zum Tyrannen macht, der ganze Objekte zerstört und den Betrachter im Lichtmeer ertrinken lässt, auch das gibt es hier noch nicht.

Der etwas andere Luxus

Im Vergleich zu solcher Berauschung wirkt der Stuttgarter Lichterschmuck nett und behäbig, eine etwas prächtigere Garnitur als die, die der Bürger gern in seinem Vorgarten aufstellen würde. Das wäre nicht als Rüge zu verstehen, wenn die Objekte nur nicht allzu naiv ihren werbenden Charakter hervorkehrten. Tafeln stehen vor ihnen, die sich zwar betulich als historische Belehrung ausgeben, die aber in Wirklichkeit werben, zunächst durch einen Elefanten für den „Christmas Garden“ der Wilhelma, dann aber für Einrichtungen, die zur Weihnachtszeit wenig Beachtung finden: Porsche, das Musical, das Grabmal auf dem Württemberg.

Von solch plumper Empfehlung abgesehen, geben die Figuren aus tausenderlei Lämpchen für Touristen den Anlass zu einem bescheidenen Foto. Im Übrigen lassen sie, anders als die digitalen Lichtorgien, der Dunkelheit ein gewisses Recht – und das ist ihr Vorteil. Sie halten im Bewusstsein, dass der Mensch das Licht zuallererst erfand und nutzte, um Raubtiere und Gespenster, die im Dunkel der Gebüsche oder seines Gemüts herumschlichen, zu verscheuchen. Dunkelheit und Stille sind Urängste des Menschen, Licht und Laut bannen sie. Heute heilen rauschhafte Lichtinstallationen das verängstigte Gemüt durch Überdosierung der Medizin.

Die Stuttgarter Lichtobjekte halten im Vergleich dazu eine löbliche Balance zwischen Hell und Dunkel. Die digitalen Lichteffekte hingegen, ob diese nun die Sommernacht beleuchten oder die Diskothek, zeigen nur, dass in dieser unserer technisch organisierten Welt weder Licht noch Musik, weder Blendung noch Lautstärke zu jenem Luxus gehören, der dem Adel entwendet wurde. Der Luxus des technisch ausgestatteten Bürgers wäre heute – Dunkelheit und Stille.

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