Weihnachten ist vorbei, die dunkle Jahreszeit aber noch lange nicht. Wie können wir unser Gemüt aufhellen und positive Gefühle schaffen? Die Psychologin Sarah Seidl aus Stuttgart-Möhringen gibt im Interview Tipps.
Wenn es um und und in uns dunkel ist, verspricht Licht Wohlfühlzuwachs und mehr inneres Gleichgewicht. Sarah Seidl ist Psychologin und selbstständige Systemische Therapeutin mit eigener Praxis in Stuttgart-Möhringen. Zuvor war sie mehrere Jahre im Therapeutikum in Filderstadt tätig. Im Interview berichtet sie von ihren Ansichten zur Bedeutung von Licht in der dunklen Jahreszeit. Im heimischen Umfeld, aber auch in der Therapie.
Frau Seidl, warum ist Licht für unsere Psyche so wichtig?
Licht beeinflusst unseren zirkadianen Rhythmus, die innere Uhr, die viele unserer biologischen Prozesse steuert, wie Schlaf, Hormonproduktion und Stimmung. Vor allem Tageslicht wirkt über spezielle Rezeptoren in den Augen auf unser Gehirn und reguliert die Ausschüttung von Serotonin, dem bekannten „Glückshormon“. Gleichzeitig hemmt es die Produktion von Melatonin, dem Schlafhormon, wodurch wir uns wacher und energievoller fühlen. Licht ist ein natürlicher Taktgeber und Stimmungsaufheller.
Gilt das für jeden Menschen in ähnlichem Maße?
Die physiologischen Abläufe gelten grundsätzlich für alle. Jedoch haben Menschen unterschiedliche Sensibilitäten, was Helligkeit und Farbtemperaturen betrifft. Manche reagieren stärker auf fehlendes Licht, was sie anfälliger für saisonale Depressionen macht, während andere die Dunkelheit eher als beruhigend empfinden. Wichtig ist, dass man auf seine Bedürfnisse achtet und herausfindet, welche Lichtverhältnisse einem gut tun. Mancher hat gerne das große Deckenlicht an. Die Partnerin aber entspannt bei Kerzenschein und einer sanften Atmosphärenlampe am besten. Manche Menschen mit Depressionen empfinden Dunkelheit als weniger überwältigend, da sie die Reizflut vermindert.
Sie kann auch Geborgenheit schaffen.
Für einige Menschen wirkt Dunkelheit ähnlich wie ein Rückzugsort. In schweren depressiven Phasen ist das Bedürfnis nach Reizreduktion oft erhöht, und zu viel Licht oder Helligkeit kann als unangenehm empfunden werden. Das bedeutet nicht, dass Dunkelheit per se heilsam ist, aber sie kann die innere Anspannung reduzieren. In solchen Fällen ist es oft das sanfte Licht – etwa von Lampen mit warmer Farbtemperatur oder Kerzenlicht –, das als angenehm empfunden wird.
Das Flackern von Kerzen wirkt beruhigend
Warum fühlen wir uns bei Kerzenlicht so besonders?
Zum einen liegt das an der warmen, flackernden Lichtquelle, die ein Gefühl von Behaglichkeit, Geborgenheit und Intimität vermittelt. Das Flackern wirkt beruhigend, weil es rhythmische Muster hat, die unser Gehirn als angenehm wahrnimmt. Zum anderen könnten atavistische Erfahrungen eine Rolle spielen: Feuer war für unsere Vorfahren Schutz, Wärme und Gemeinschaft.
Dennoch arbeitet die Lichttherapie mit sehr hohen Lux-Werten.
Die Lichtstärke von 10 000 Lux entspricht in etwa einem sonnigen Tag und ist notwendig, um die Produktion von Serotonin effektiv anzuregen. Dieses Licht wirkt besonders über die Netzhaut und ahmt das natürliche Tageslicht nach, das in Innenräumen oft bei weitem nicht erreicht wird. Auch wenn es weniger „gemütlich“ wirkt, ist es genau diese Stärke, die therapeutische Effekte erzielt. Die Sitzungen einer Lichttherapie finden typischerweise morgens statt und dauern nur 20 bis 30 Minuten.
Hat die „Winterdepression“ tatsächlich mit den Lichtverhältnissen zu tun?
Die Winterdepression – auch als Saisonal abhängige Depression (SAD) bezeichnet – ist eng mit kürzeren Tagen und reduziertem Tageslicht verbunden. Weniger Licht bedeutet weniger Serotoninproduktion, was zu depressiven Symptomen führen kann. Andere Faktoren wie Kindheitserinnerungen, gesellschaftliche Erwartungen oder die Einsamkeit in dieser Jahreszeit spielen ebenfalls eine Rolle. Ereignisse wie Weihnachten und Silvester wirken dann wie emotionale Brennpunkte und verstärken oft bestehende Stimmungen.
Können wir uns selbst mehr „Lichtgefühle“ verschaffen?
Ja, das können wir. Tageslicht tanken, selbst an grauen Tagen, hilft bereits. Kleine Rituale wie Spaziergänge, bewusste Pausen und achtsame Momente können unsere Stimmung nachhaltig verbessern. Der Zugang zu „Lichtgefühlen“ ist dabei individuell. Was dem einen gefällt, kann den anderen eher stressen. Wichtig ist, dass wir aktiv daran arbeiten, unsere ganz eigenen positiven Erlebnisse in unseren Alltag einzubauen, selbst wenn die äußeren Umstände – Weltpolitik oder private Situation – düster erscheinen. Aus meiner Praxis fällt mir vermehrt aus, wie wenig mitfühlend Menschen oft mit sich selbst sind. Solange unsere Gesellschaft Werte wie Leistung, Perfektion und Konsum über das Wohlbefinden stellt, wird sich an der permanent gefühlten Überforderung und den damit einhergehenden Symptomen wenig ändern.
Wir stressen uns ja teilweise sogar mit optimierter Entspannung.
Stress entsteht häufig durch widersprüchliche Erwartungen – etwa durch den Druck, selbst die Entspannung „erfolgreich“ umzusetzen. Um Licht und Entspannung Raum zu geben, braucht es mehr gesellschaftliche Offenheit für das Wesentliche: echte Pausen, menschliche Nähe und die Freiheit, Zeit für sich selbst zu haben. Dabei kann Beratung und Therapie helfen, damit wir uns mit unseren Bedürfnissen auseinanderzusetzen und unsere Werte und Ziele reflektieren, um bewusste Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen.
Zur Person und zur Serie
Gesprächspartnerin
Sarah Seidl ist Psychologin und selbstständige Systemische Therapeutin mit eigener Praxis in Stuttgart-Möhringen. Die 40-Jährige ist zudem Professorin für Psychologie an der privaten SRH Fernhochschule in Riedlingen, war zuvor knapp zehn Jahre lang im Therapeutikum Filderstadt tätig und hat auch schon als Schulpsychologin am Staatlichen Schulamt Pforzheim gearbeitet. Sarah Seidl hat an der Uni Koblenz-Landau Psychologie studiert und an der Eberhard Karls Universität Tübingen promoviert. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Töchtern.
Serie
In der Serie „Lichtgeschichten von den Fildern“ beleuchten wir im wahrsten Sinne des Wortes, welche Rolle das Licht in der dunklen Jahreszeit hat. Wir sprechen mit Menschen, die mit Licht zu tun haben, Licht bringen oder Tipps geben, wie man sich selbst aus der Dunkelheit holen kann.