Im Libanon leben 18 Konfessionen nebeneinander. Warum das funktioniert, zeigt sich in Byblos.

Beirut - Es ist wie im LSD-Rausch: Riesige Ingwerknollen, überdimensionale Blumenkohlröschen und Pilze von bedrohlichen Ausmaßen empfangen uns in geheimnisvollem Halbdunkel. Hier ein Prophet mit gekrümmtem Rücken, dort ein Dämon - alles wie schockgefroren und viel zu groß geraten. Die Grotte von Jeita ist schon eine bizarre Wunderwelt aus Stalaktiten und Stalagmiten, die mal vegetabile, mal menschliche Formen annehmen. 1836 per Zufall entdeckt, wurde die Grotte von 1873 an systematisch erforscht. Später bohrte man einen 117 Meter langen Tunnel, um sie für Besucher zu öffnen.

Zuerst gleiten wir im Elektroboot durch die untere, mit Wasser gefüllte Tropfsteinhöhle. Die Felsen reichen so tief herunter, dass wir die Köpfe einziehen müssen. Dann öffnet sich plötzlich ein Raum, hoch und feierlich wie eine Kathedrale. Die Gruppen junger, iranischer Frauen, die draußen noch munter schwatzten, verstummen. Dann schweben wir in der Gondel zur oberen Grotte, um durch die unzähligen, 750 Meter langen Windungen zu laufen, die sich durch das Karstgebirge schlängeln. Kein Wunder, dass Jeita mit 430 000 Gästen meistbesuchte Touristenattraktion im Land ist. Dabei wurde die Höhle während des Bürgerkriegs als Waffenlager missbraucht und arg zugerichtet.

Ihren heutigen vorbildlichen Zustand verdankt sie General Manager Nabil Haddad. Der Maschinenbauer, der in Niedersachsen provomierte, kehrte Mitte der 1990er Jahre in seine Heimat zurück, um die Grotte wieder herzurichten. Er befreite sie nicht nur von Müll, er ließ auch in Lübeck Elektroboote bauen und gab eine Gondelbahn in Auftrag. Zwischenzeitlich war Jeita sogar Kandidat für die sieben Naturwunder der Welt, die in einem Internet-Abstimmungsverfahren ermittelt wurden. Allein das Voting hat dem ganzen Land eine neue Popularität eingebracht - denn noch immer haben viele Bilder von Krieg und Zerstörung im Kopf.

"Die guten Nachrichten kommen nicht in den Medien"

„Die guten Nachrichten kommen eben kaum in die Medien“, klagt Elie Nammour von der Agentur Rida, die Exkursionen im Libanon organisiert. Dabei sei in den letzten Jahren ungeheuer viel passiert. Nicht nur in Beirut, wo im neuen Stadtviertel Solidère die Luxusboutiquen und Clubs wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Zur wieder auferstandenen Hotellegende Phoenicia gesellen sich trendige Nobelherbergen wie das Le Gray mit seiner Bar Threesixty mit Panorama über Hafen und Märtyrerplatz.

International wird die Stadt als Hotspot des Nachtlebens gehandelt - doch wäre es verfehlt, das touristische Angebot des Landes auf Lifestyle zu reduzieren. Neben dem Nightlife, der ausgezeichneten Küche und den edlen Tropfen aus den Weingütern in der Bekaa-Ebene gilt es eine Kultur zu entdecken, die ihre Wurzeln in einer mehrere Jahrtausende alten Geschichte hat. Wo sonst stehen Moscheen einträchtig neben christlichen Kirchen verschiedener Glaubensrichtungen? Wo sonst lassen sich freizügig bekleidete, vielfach operierte Schönheiten neben tief verschleierten Mus­liminnen blicken? Wenn das Miteinander von insgesamt 18 Konfessionen so reibungslos funktioniert, dann deshalb, weil es eine lange Tradition hat und der Libanon schon immer Begegnungsstätte der unterschiedlichsten Zivilisationen war.

Verschiedenste Völker haben sich hier abgewechselt

Davon können wir uns auf einem Ausflug nach Byblos überzeugen, das etwa 30 Kilometer nördlich von Beirut liegt. Kaum haben wir uns den Weg durch die unansehnlichen Vorstädte gebahnt, finden wir uns in einem malerischen Hafenstädtchen wieder. Die Bucht säumen pittoreske Bars und Fischrestaurants, davor schaukeln farbige Boote auf dem Wasser. Portofino? Mallorca? Dabei ist Byblos eine der ältesten bewohnten Städte der Welt. Die verschiedensten Völker haben sich hier abgewechselt. „Perser, Amoriten, Phönizier, Griechen, Römer, Araber, christliche Kreuzritter, Mameluken, Osmanen - alle haben ihre Spuren hinterlassen“, erklärt Guide Tona Kahlil. „Bevor Alexander der Große den Handelshafen eroberte, hinterließen ägyptische Händler den kunstvollen Sarkophag von König Ahiram.“ Dessen Inschrift lässt ein erstmals fixiertes, auf Lauten basierendes Alphabet erkennen, Vorbild für unser heutiges Schreibsystem. Das eigneten sich wiederum die Griechen an, die die Stadt auf den griechischen Namen Byblos tauften.

Noch viele andere archäologische Stätten zeugen von den Einflüssen, die den Libanon im Lauf der Jahrtausende geprägt haben. Höhepunkt ist die Unesco-Welterbe-Stätte Baalbek, die 85 Kilometer nordöstlich von Beirut zwischen Bekaa-Ebene und Antilibanon-Gebirge liegt. „Nicht in Rom, nein, hier, am Kreuzungspunkt der Handelswege von Damaskus zum Mittelmeer und von Nordsyrien nach Palästina bauten die Römer ihre größte Tempelanlage“, berichtet der Führer. 88 Meter lang und 48 Meter breit, zählte der Jupiter-Tempel einst 54 Säulen, jede für sich viele Tonnen schwer. Weite Teile der damaligen Akropolis wurden durch Erdbeben, Krieg oder Plünderungen zerstört. Aber sechs Säulen haben wunderbarerweise die Zeit überdauert. Heute ist die ehemalige Heliopolis Schauplatz für das alljährliche internationale Sommerfestival. Gibt es eine schönere Kulisse für die Musik eines Plácido Domingo oder Sting als diese jahrtausendealte Begegnungsstätte von Orient und Okzident?

Infos zu Beirut

Anreise
Die günstigsten Verbindungen nach Beirut sind die von Malev über Budapest (ab ca. 320 Euro), Lufthansa fliegt ab Frankfurt/Main (ab ca. 500 Euro).

Sehenswürdigkeiten
Von Mietwagen ist aufgrund des chaotischen Verkehrs abzuraten. Hotels vermitteln Ausflüge, oder man nimmt ein Taxi.

Die Grotte von Jeita, www.jeitagrotto.com , liegt ca. 25 Kilometer nordöstlich von Beirut. Ein Muss sind auch die Unesco-Welterbestätten von Byblos und Baalbek, geöffnet täglich von 8.30 Uhr bis Sonnenuntergang.

In Beirut empfehlen sich ein Rundgang durch das neu aufgebaute Stadtzentrum Solidère und der Besuch des Nationalmuseums, www.beirutnationalmuseum.com .

Sicherheit
Beirut, Byblos, Baalbek und Jeita sind problemlos zu bereisen. Vorsicht ist allerdings bei Tripolis, südlich von Baalbek sowie in den Grenzgebieten zu Israel angeraten. Auf jeden Fall sollte man die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts, www.auswaertiges-amt.de , befolgen. Allgemeine Informationen www.libanon-info.de

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