Die Begegnung mit Liao Yiwu war für das Lesart-Publikum ein Erlebnis. Foto: Roberto Bulgrin

Die Esslinger Literaturtage bescheren ihrem Publikum viele spannende Begegnungen. Mit Liao Yiwu war nun ein chinesischer Autor zu Gast, dessen Worte tief berührten.

Für einen Schriftsteller ist es nicht leicht, zu seinen Überzeugungen zu stehen, wenn ihn dafür der Bannstrahl der Staatsmacht trifft. Der chinesische Autor und Musiker Liao Yiwu ließ sich nicht beugen, auch wenn er dafür verfolgt, verhaftet und eingesperrt wurde. Angehörige und Freunde haben sich von ihm abgewandt, seine Bücher wurden verboten, schließlich musste er seine Heimat verlassen. Geblieben sind ihm die Gewissheit, für das Gute und Richtige zu stehen – und der Traum von einem China der Zukunft, in dem sich die Menschen frei entfalten können. Doch bis dahin könnte es noch ein langer Weg sein. Umso mehr wird Liao Yiwu hierzulande geschätzt. Nun war er Gast der Esslinger Literaturtage Lesart, wo er dem Publikum einen unvergesslichen Abend bescherte.

 

Einst zählte Liao Yiwu zu den vielversprechendsten jungen Dichtern Chinas, seine Texte wurden in renommierten Zeitschriften veröffentlicht. Doch es dauerte nicht lange, bis seine Gedichte wegen ihrer Nähe zu westlicher Lyrik als „geistige Verschmutzung“ abqualifiziert wurden, der Dichter selbst landete auf einer schwarzen Liste verfemter Autoren.

Liao Yiwu beeindruckt das Esslinger Publikum

Der Saal im CVJM-Haus war nahezu ausgebucht. Foto: Roberto Bulgrin

Als das chinesische Regime 1989 auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ in Peking die Protestbewegung niederschlagen ließ, konnte der heute 67-Jährige nicht schweigen. Sein Gedicht „Massaker“, das die Schauspielerin Barbara Stoll nun bei der Lesart auf eindringliche Weise rezitierte, gab den Opfern eine Stimme und verbreitete sich damals wie ein Lauffeuer im Untergrund. Schließlich wurde Liao Yiwu verhaftet und wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt.

Wenn der Autor, der heute in Berlin lebt und arbeitet, im Lesart-Gespräch mit der Journalistin Elisabeth Maier von seiner Zeit hinter Gittern berichtet, erlebt das Publikum einen Mann, der Schlimmes durchgemacht hat und der sich trotzdem nie brechen ließ. Er hat sich in der Haft seine Würde bewahrt, hat Widerstand geleistet, soweit es die Umstände zuließen, und er hat dafür Folter und Gewalt ertragen. Und was Elisabeth Maier besonders beeindruckt hat: „Liao Yiwu hat sich trotz allem seinen Humor und seinen Optimismus bewahrt. Das ist ihm nicht hoch genug anzurechnen.“

Berührende Geschichten von 18 Gefangenen

Mittlerweile kann Liao Yiwu auf eine stattliche Zahl von Buchveröffentlichungen verweisen. Foto: Roberto Bulgrin

Auch wenn er schon vorher literarisch auf sich aufmerksam gemacht hatte, bekennt der chinesische Autor: „Hinter Gittern wurde ich zum Schriftsteller.“ Er hat nicht nur seine eigenen Gedanken zu Papier gebracht, sondern in seinem Buch „18 Gefangene“ (S. Fischer Verlag, 32 Euro), das er nun in Esslingen vorstellte, die Erlebnisse und Erfahrungen von 18 Häftlingen festgehalten, denen es gelungen war, aus der Haft zu entkommen. Und wer liest, was sie erleben und erdulden mussten, wird verstehen, weshalb der Autor China als „größtes Gefängnis der Welt“ bezeichnet. Eindringlich appellierte er an sein Esslinger Publikum, wachsam zu sein: „Wenn es nicht gelingt, die Diktaturen in der Welt zu beseitigen, werden sie irgendwann versuchen, die freien Demokratien zu verschlingen.“

Liao Yiwu ist dankbar dafür, dass er hierzulande in Sicherheit arbeiten und publizieren kann. Was er erlebt und erlitten hat, wird ihn jedoch nie wieder loslassen. Die literarische Arbeit ist für ihn Balsam für die Narben der geschundenen Seele. „Schreiben hilft mir, mich zu entgiften“, verriet er Elisabeth Maier, die genau wie viele Zuhörer die Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Mann als großes Geschenk empfand.

Im Gefängnis zur Musik gefunden

Die Musik hilft Liao Yiwu, die ganze Bandbreite seiner Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Foto: Roberto Bulgrin

Und dann ist da noch die Musik, zu der er im Gefängnis gefunden hatte: Ein alter Mönch hat ihm dort beigebracht, die Tsiao zu spielen – eine chinesische Flöte, der er auch in Esslingen Töne von berührender meditativer Kraft entlockte. Wenn er sein Instrument in Händen hält und die ganze Bandbreite seiner Gefühle zum Klingen bringt, ist Liao Yiwu seiner ach so fernen Heimat für einige Momente nah, und er träumt von einem demokratischen China, in dem die Menschen in Freiheit leben und das kleine Glück ihres Alltags genießen können.