Volles Haus: Treppauf, treppab verteilen sich die Besucher der letzten Lesung im verschachtelten Gebäude der Buchhandlung Aigner. Foto: factum/Granville

Literatur, Erinnerungen und Tränen: Zur Lesung mit Hanns-Josef Ortheil strömen so viele Menschen zum Aigner wie lange nicht. Das liegt nicht allein an dem wundervollen Autor – das Publikum ist auch gekommen, um Abschied zu nehmen .

Ludwigsburg - Um kurz nach 21 Uhr verliert Hermann Aigner den Kampf gegen den Kloß im Hals. „Hör uff, Aigner“, ruft er sich selbst zur Ordnung und versucht, ohne dieses Stocken und Schlucken weiter zu reden. Es gelingt leidlich. Wie auch? Es ist ja nichts in Ordnung hier. Aigner wird schließen, nach 214 Jahren in Ludwigsburg. Diese Lesung an diesem Abend wird die letzte in dieser Buchhandlung sein, die nicht nur für Ludwigsburg immer mehr war als eine Buchhandlung. Falls es jemanden gab, der das nicht gewusst hätte – der Mittwoch war nochmals eine gute Gelegenheit, das zu erahnen.

Dass beim Aigner was Besonderes sein muss, ist schon von Weitem zu sehen. So viele Menschen strömen in das blaue Haus in der Arsenalstraße, dass man sich fragen muss, wo die alle unterkommen. Nun, auf den Boards, auf denen sonst Bücher ausgestellt sind und auf den Stufen der vielen Treppen, die ins Dachgeschoss führen, wo die bereitgestellten Stühle längst belegt sind.

Der Platzhirsch verschwindet

Hermann Aigner, der ständig von irgendwem umarmt wird und schaut, als wisse er nicht, wie er schauen soll, hat auf den Stühlen eine Extraausgabe jenes Büchleins ausgelegt, in dem er kurzweilig und warm die Geschichte der Buchhandlung Aigner erzählt. „Vier Generationen haben darin gelebt, geliebt und geschafft, fast immer glücklich, Gott sei Dank!“, heißt es darin. Das Büchlein hat er erstmals anno 2004 zum 200. Geburtstag der Buchhandlung drucken lassen.

In Ludwigsburg wird es von Februar an noch die Mörike-Buchhandlung geben und Thalia. Früher gab es noch die evangelische Buchhandlung und das Schwarze Schaf. Es gab die Schubart-Buchhandlung in der Körnerstraße, Weltbild in der Seestraße und im Breuningerland den Wittwer. Dass bald auch Aigner, der vermeintlich ewige Platzhirsch, der Vergangenheit angehört?

Ein Abschiedsbrief im Schaufenster

„Tragisch, dramatisch, traurig“ sind Vokabeln, die aus dem Stimmengewirr des Abends immer wieder herausdringen. Eine Kundin, deren Brief zum Abschied im Schaufenster hängt, hat es so formuliert: „Mit Aigner geht ein unersetzliches Stück Heimat verloren, und die Stadt verliert etwas von ihrem Glanz, den auch ein Barockschloss nicht aufwiegen kann.“

Andererseits: So voll wie an diesem Abschiedsabend war es sonst halt schon lange nicht mehr beim Aigner. Und auch an diesem Abend sind die wenigsten der Besucher das, was man wirklich jung nennen könnte. Und ist es nicht auch so, dass das Barockschloss noch älter ist als Aigner und trotzdem jedes Jahr immer noch mehr Besucher zählt?

Erinnerungen an Hesse und Grass

Hanns-Josef Ortheil, sagt die Dame, die Hanns-Josef Ortheil in den Abend einführt, passe für die letzte Lesung „perfekt in die Szene“. Weil nämlich auch Ortheil „Wechselbäder des Lebens“ habe hinnehmen müssen. Ortheil, das zum Verständnis, hatte als Jugendlicher Pianist werden wollen, was er wegen einer chronischen Sehnenscheidenentzündung jedoch nicht werden konnte. Vor allem aber musste Hanns-Josef Ortheil unter schwierigen Umständen im Wortsinne zu seiner Sprache finden. Dieser Vergleicht hinkt natürlich etwas, denn der Schriftsteller hat schon zwei Mal bei Aigner gelesen, als die Buchhandlung sich nicht im Wechselbad einer Schließung befand. Andererseits zeigt das eben eins: Ortheil ist immer gut.

Und ist es natürlich ganz wunderbar, dass der 67-Jährige ein drittes Mal in Ludwigsburg liest. Sein neues Buch „Mittelmeerreise“ ist gerade einmal drei Wochen frisch – und es sagt einiges aus über Aigners Gewicht, dass der zurzeit besonders gefragte Schriftsteller zu ihm gekommen ist. Wie damals, 2006, bei Gerhard Schröder. Der frische Alt-Kanzler stellte seine „Entscheidungen“ nicht etwa in Stuttgart vor, sondern: beim Aigner. Womöglich aber sagt das auch etwas aus über den Zustand beim Aigner. Man hätte ja auch versuchen können, einen anderen Autor zu bekommen. Einen jüngeren, etwas moderneren. Einen wie Joachim Meyerhoff oder einen wie Kai Wieland. Aber hätte das zu Hermann Aigner gepasst? Dem 87-jährigen Chef, der am Mittwochabend mehrfach daran erinnerte, dass in seinem Hause schon Hermann Hesse gelesen hat und Günter Grass.

Das Publikum lauscht andächtig

Auf jeden Fall: Das Publikum auf den leer geräumten Bücherboards, den verstopften Treppen und den maximal besetzten Stühlen lauscht beinahe andächtig dem Mann, der aus den Aufzeichnungen vorliest, die er während der titelgebenden Mittelmeerreise als Jugendlicher mit seinem Vater unternahm. Geradeso als folgten die Damen und Herren dem Schiff bei der Fahrt aus dem Hafen von Antwerpen; als gingen sie mit Vater und Sohn auf die Suche nach einem Restaurant in Patras; als suchten sie mit ihnen den Horizont nach neuen Küsten ab. „Man sah die Fantasie des Lebens, das dort hätte stattfinden können“, heißt es an dieser Stelle bei Ortheil.

Ein Satz, der auch Hermann Aigner in den Sinn hätte kommen können, wenn er an diesem Abend durch seine vollgestopfte Buchhandlung blickte, in die freundlichen Gesichter mit den versonnenen Blicken und den vielen Büchern in den Händen.

Der Chef verliert gegen den Kloß im Hals

Hermann Aigner hat sich aufgeschrieben, was er zum Schluss sagen möchte. Aigner, dessen drei Kinder alle Buchhändler gelernt haben, sagt, es sei unsäglich für ihn, sich den Aigner geschlossen vorzustellen. Doch nach vielen schlafarmen Nächten habe er begriffen, dass er nicht weitermachen kann wie bisher. Dass er nicht Jahr für Jahr hohe Summen in den Laden stecken kann, nur um ihn am Laufen zu halten. Dass ihm sein Steuerberater zu seiner Entscheidung gratuliert hat, sagt Aigner auch. Er dankt den Kunden, die dem örtlichen Buchhandel die Treue halten und nicht dem „Scheiß-Amazon“ huldigen. „Mein Herz ist übervoll“, kann er noch sagen – und dann verliert er gegen den Kloß im Hals.

Der Applaus des längst stehenden Publikums ist herzergreifend und er dauert sehr, sehr lange. Am Ende ist Hermann Aigner nicht der einzige, dem Tränen in den Augen stehen. Bei Amazon, das ist sicher, gibt es so etwas nicht. Vielleicht ist das dem Beschließer der ehemals königlichen Hofbuchhandlung wenigstens ein kleiner Trost.

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