Renate Fritzsch und ihr Sohn Thaddäus kämpfen für die gleiche Sache. Foto: Andreas Reiner

Renate Fritzsch aus Esslingen hat ihren Sohn Thaddäus von klein auf für den Umweltschutz zu begeistern versucht. Er reagierte mit Trotz und lebte ein Gegenmodell. Dann lernte er die Letzte Generation kennen. Eine Reportage aus unserer Reihe "Lesenswert aus 2023"

Als Renate Fritzsch ihren Sohn das erste Mal auf der Straße kleben sah, verschob sich etwas im Familiengefüge. Thaddäus, 27, hatte ihr zuvor beiläufig gesagt, dass er mit Klimaaktivisten der Letzten Generation an der Geroksruhe in Stuttgart eine Straße blockieren werde. Aus Sorge, dass ihm etwas zustößt, fuhr sie hinterher. „Wie ich ihn da kauern sah, inmitten hupender Autos, empfand ich Bewunderung“, erzählt sie. Instinktiv griff sie zum Handy und filmte die Szene – damit Beweise vorhanden sind, sollte Thaddäus angefahren werden.

 

Sie machte das, was bei der Letzten Generation zur Aufgabe der Hummeln gehört: Die Bienen kleben sich mit Sekundenkleber auf die Straße, die Hummeln filmen das Ganze. Das war ihr damals nur noch nicht bewusst. „Ich war weit entfernt von der Vorstellung, mit diesen jungen Leuten gemeinsame Sache zu machen“, erinnert sich die 51-jährige Erzieherin aus Esslingen. Sie hatte gerade erst verdaut, dass ihr Sohn, vor Kurzem noch ohne Orientierung, jetzt für die gleiche Sache kämpft wie sie – wenn auch mit anderen Mitteln, dass er ihr vorausgeht.

Eigentlich sei immer sie diejenige gewesen, die allen in der Familie mit moralischen Appellen auf die Nerven ging. Früher beim Abendbrot, als sie noch direkt am Neckartor in Stuttgart wohnten, hielt sie Vorträge über Feinstaub und Plastikmüll, über Sweatshops in Bangladesch und andere Folgen des Neokolonialismus. „Für diese Themen hatte mich mein Ex-Mann sensibilisiert, Thaddäus’ Vater, der aus Kamerun stammt.“

„Ich wollte zu den Coolen gehören“

Ihre drei Kinder mussten über Jahre in uncoolen Biotextilien zur Schule gehen und kannten McDonald’s nur vom Hörensagen. Umso heftiger wurde der Widerstand in der Pubertät. Besonders Thaddäus, der Älteste und von klein auf der Zornigste, begehrte auf. „Ich spürte, dass die Ideale meiner Mutter in meinem Umfeld belächelt wurden“, sagt er. „Aber ich wollte doch – wie alle – zu den Coolen gehören.“ So schlug Thaddäus ins Gegenteil um und erklärte zum Ziel, einmal „richtig fett Kohle zu machen“ und auf großem Fuß zu leben. Als die Familie nach Heidelberg zog, wechselte er auf ein Wirtschaftsgymnasium. „Ich feierte den Neoliberalismus und verehrte Christian Lindner.“

Nach dem Abitur ging er allerdings erst mal für zwei Jahre zur Bundeswehr. „Ich dachte, dort hole ich mir den letzten Schliff, die nötige Disziplin für meine Senkrechtkarriere“, erzählt er. So trennten sich zunächst ihre Wege. Alles sah danach aus, als würden sich Mutter und Sohn entfremden.

Aus der Senkrechtkarriere wurde dann doch nichts. Noch während des Wehrdienstes kroch in ihm eine seltsame Leere hoch. „Meine Ziele erschienen mir auf einmal sinnlos und oberflächlich“, erinnert sich Thaddäus. So machte er zunächst eine Lehre als Zimmerer in Bayern. Die Arbeit mit Holz versprach irgendwie, erfüllend zu sein, sie ernüchterte ihn aber rasch. „Da wird viel mit Styropor und anderen künstlichen Baustoffen gearbeitet.“ Weit weg von zu Hause schimmerte auf einmal eine Vorliebe für naturbelassene Materialien auf. Trotzdem schloss er die Lehre ab und begann in einem Betrieb bei Aschaffenburg zu arbeiten.

Dann passierte das Unglück, das sich im Rückblick auch als Glück umdeuten lassen könnte. In einem Wald stürzte er mit seinem Mountainbike einen Abhang hinunter und brach sich beide Handgelenke. Er befand sich damals noch in der Probezeit. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zur Mutter zurückzukehren, die inzwischen geschieden und von Heidelberg nach Esslingen gezogen war, um näher bei ihren Verwandten zu wohnen. So kamen sich Mutter und Sohn zwangsläufig wieder näher. „Ich wusch ihn, band ihm die Schnürsenkel, öffnete Flaschen, servierte Essen, als wäre er wieder mein kleiner Junge.“ Sie nutzten diese Zeit auch, um Konflikte von früher aufzuarbeiten und sich gegenseitig einiges zu verzeihen.

Sie erklärte ihm unser Parteiensystem

Thaddäus waren ein halbes Jahr sprichwörtlich die Hände gebunden. Auch kannte er niemanden in Esslingen, mit dem er hätte abhängen können. „Ich hatte massig Zeit, mir zu überlegen, was ich mit meinem Leben anfangen will.“ Er hatte 1000 Ideen: Japanisch wollte er lernen, Spitzenkoch werden – oder Sänger oder Sprecher von Hörliteratur. Er las der Mutter Bücher vor, darunter politische wie das von Harald Welzer mit dem Titel „Selbst denken – eine Anleitung zum Widerstand“ oder „Arm und Reich – Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“ von Jared Diamond. Das gefiel beiden.

Diese Bücher weckten in Thaddäus das Bedürfnis, die Welt ein wenig zu verbessern. Seine Mutter musste viele Wissenslücken stopfen. „Ich erklärte ihm unser Parteiensystem und was Demokratie konkret bedeutet.“ Eine Weile faszinierte Thaddäus der Gedanke des bedingungslosen Grundeinkommens. Er wurde sogar Mitglied beim Bündnis Grundeinkommen, einer Kleinstpartei. Dann sahen er und seine Mutter eines Tages im Fernsehen Aktivisten der Letzten Generation. „Wir waren uns sofort einig, dass die auf der guten Seite stehen.“

Beide hatten bis dato wenig Protesterfahrung. Renate war mal mit Parents for Future auf der Straße und Thaddäus bei Protesten gegen Stuttgart 21. Und beide haben sich dort ein wenig verloren gefühlt. „Ich habe da keinen Hebel wahrgenommen“, erinnert sich Renate. Das gelte auch für die vielen Petitionen. „Seit wie vielen Jahren unterzeichne ich Appelle gegen Glyphosat? Nun wird die Zulassung wieder verlängert.“ Auch Thaddäus fehlte das Gefühl, wirklich etwas zu bewirken. Viel besser gefalle ihm die Protestkultur in Frankreich, wo die Menschen häufiger und heftiger demonstrierten und Revolutionen in der Geschichte Wirkung gezeigt hätten, sagt er. „Dort genießt Widerstand gegen die Regierenden eine ganz andere Akzeptanz in der Bevölkerung.“

Thaddäus wollte mehr erfahren über „die LG“ und nahm an einem Live-Onlinevortrag der Organisation teil. Wenig später wurde er von der Stuttgarter Ortsgruppe zu einem „Widerstandsgruppentreffen“ eingeladen. „Da waren etwa 15 Leute, alle supernett und wertschätzend, alle mit derselben Motivation. So hatte ich das bisher noch nie erlebt.“ Als reihum gefragt wurde, wer mitfährt zur nächsten Aktion in Berlin, zögerte er nicht lang. Vor der Abfahrt musste er seiner Mutter allerdings versprechen, sich in Berlin nicht auf die Straße zu kleben. „Ich hatte Angst um seine Handgelenke“, sagt sie. „Die waren gerade verheilt.“

Der Sohn gendert plötzlich

Nach seiner Rückkehr erkannte Renate ihren Sohn kaum wieder. „Auf einmal ernährte er sich vegan, trank kaum noch Alkohol, ging nicht mehr auf Partys. Er genderte sogar.“ Umso häufiger war er nun unterwegs für die Letzte Generation, hielt Vorträge in Stuttgart und Esslingen, verteilte Flyer. Bei den Straßeneinsätzen achtete er jedoch stets darauf, im Hintergrund zu bleiben und nur zu assistieren. „Ich wollte zuerst sichergehen, dass ich mich mit dem Protest der LG identifizieren kann“, sagt er.

Bei einer Straßenblockade in Heidelberg war es dann so weit. Er will sich erklären: „Ich halte friedlichen zivilen Ungehorsam, wie ihn die LG ausübt, gerechtfertigt vor dem Hintergrund, dass die Maßnahmen der Regierung nicht ausreichen werden, um die Klimaziele zu erreichen. Sie bricht selbst das Recht, verstößt sogar gegen die Verfassung.“

Seine Mutter schaute zunächst nur interessiert zu, wie sich ihr Sohn zunehmend engagierte. „Ich hatte ziemlich Magengrimmen, als dann die Polizei ins Spiel kam.“ Zivilbeamte hatten Thaddäus beim „Flyern“ in der Stuttgarter Königstraße erwischt und seine Personalien aufgenommen. „Da musste ich schon schlucken.“ Renate Fritzsch hatte stets darauf geachtet, nicht anzuecken. „Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem man darauf vertraut, dass die da oben in Politik und Wissenschaft schon wissen, was zu tun ist, um uns vor einer Klimakatastrophe zu bewahren. Heute weiß ich, dass wir selbst aktiv werden müssen.“

Zunächst winkte sie ab, als Thaddäus sie eines Tages einlud, zu einem Treffen der LG mitzugehen. „Ich dachte, das ist nur was für junge Leute. Außerdem war das doch sein Ding.“ Dann durchkämmten im Mai dieses Jahres 170 Beamte in sieben Bundesländern Wohnungen und Geschäftsräume der Organisation, sperrten Webseiten und Konten. Das harte Vorgehen der Beamten stand in der öffentlichen Kritik.

Als Thaddäus seiner Mutter damals sagte, er gehe jetzt deswegen demonstrieren, gab sie ihre Vorsätze auf. Sie malte das erste Mal in ihrem Leben ein Protestschild. Darauf stand „Solidarität mit dem friedlichen Protest der LG“. Das hängte sie an die Lenkstange ihres Fahrrads und fuhr damit ebenfalls zu der unangemeldeten Demo in Stuttgart. Wohl war ihr dabei nicht. „Wir wurden von Polizisten mit Hunden begleitet.“ Dort habe sie viele in ihrem Alter gesehen. „Viele haben sogar eine Nähe zur Kirche.“

Renate, die Biene

Inzwischen ist Renate Fritzsch auch eine Biene. Ihren ersten Einsatz hatte sie in Berlin, wo sie sich mit anderen Aktivisten auf einer Autobahnabfahrt festklebte. „Da kommt kein Gefühl von Triumph oder Macht auf“, sagt sie. „Im Gegenteil – ich entschuldige mich die ganze Zeit innerlich, weil es mir wirklich leidtut für die Autofahrer.“

Während sie dasaß, habe sie mit der anderen Hand ein Plakat mit dem Appell „Weg von fossilen Energien“ festgehalten. „Das erinnerte mich daran, wofür ich mir das Ganze antue: Ich will meinen Protest gegen die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen kundtun – da, wo es stört, damit niemand meinen Protest übersehen kann“, sagt sie. „Und es fühlt sich richtig an.“

Klimaprotest in Stichworten

Ziele
Die Letzte Generation ist ein Bündnis von Klimaaktivisten, das sich vor allem einsetzt für den sozial gerechten Ausstieg aus fossilen Energien. Gegründet hatte sich die Gruppe nach einem Hungerstreik vor der Bundestagswahl 2021, der durch ein Gespräch mit Kanzler Scholz endete.

Protest
Um Aufmerksamkeit zu erregen, blockieren die Aktivisten vor allem befahrene Autostraßen und riskieren dabei bewusst Geld- und Haftstrafen wegen Nötigung. Die Aktivisten verstehen die Sitzblockaden als spontane politische Kundgebung, die unter die grundgesetzlich geschützte Versammlungsfreiheit fällt, da ihr eigentliches Ziel ist, auf den drohenden Klimawandel hinzuweisen.

Gesetz
Unter Juristen wird derzeit gestritten, ob die Letzte Generation nach Paragraf 129 des Strafgesetzbuchs als kriminelle Vereinigung eingestuft werden kann. Die Berliner Justizverwaltung sieht das nicht so. Andere Staatsanwaltschaften ermitteln dagegen in diese Richtung.