„Ich bin kein Pessimist von Haus aus“, sagt Erhard Eppler über sich. Er sehe aber, was „in Gesellschaft und Politik wirklich los ist“ Foto: Georg Linsenmann

Erhard Eppler hat in der Pauluskirche in Zuffenhausen aus seinem Buch gelesen und aus seinem Leben erzählt und den Zuhörern so einen intensiven, nachdenklichen Abend beschert.

Zuffenhausen - Ein 90-Jähriger, ganz alleine mit dem Zug aus Schwäbisch Hall gekommen, so sehr ins Lesen und Erzählen vertieft, dass er ganz zu vergessen scheint, dass der letzte Zug zurück eine fixe Abfahrtszeit haben könnte, und der mit einem leisen „Aha“ reagiert, als er daran erinnert wird – und doch weiter liest, erzählt und mitnimmt ins Nachdenken über den Lauf vergangener Zeiten und die Frage- und Hoffnungszeichen der Zukunft. Und sich auch nach zwei Stunden noch jede Zeit nimmt beim dutzendfachen Signieren: Für Gespräche, bei denen die ihm Zugeneigten auch bewegt scheinen von der Kostbarkeit dieser vielleicht vorletzten Gelegenheit.

Aber ist ein einziger Abend nicht eh zu klein für ein Auditorium und einen Mann, der als Sozialdemokrat etwa neben drei Bundeskanzlern, die länger schon das Zeitliche gesegnet haben, als „Entwicklungshilfeminister“ gedient hatte? Eines der „Gesichter der Friedensbewegung“, des „Atomausstiegs“, einst Zentralfigur des keimenden ökologischen Denkens in der Politik, „Querdenker“ auch in der Evangelischen Kirche. Als „Traumtänzer“ und „Gesinnungsethiker“ an die Seite gedrängt von Alt-Kanzler Schmidt, was ihn bis in diesen Abend hinein zu beschäftigen scheint. Selbstredend ist so ein Abend mit Erhard Eppler zu klein, zu kurz, was der Gelegenheit um so größeres Gewicht verlieh.

Leuchtstern der Vernunft in wirren Zeiten

Ein Gespür für diese Bedeutung und Größe hatte der Stammheimer Jazz-Pianist Werner Lener, als er zur Begrüßung den Standard „Stella by Starlight“ augenzwinkernd als „Mr. Eppler at Pauluskirche“ präsentierte. Gewiss eine Hommage auch für einen Leuchtstern der Vernunft in wirren Zeiten – und als solcher sollte sich Eppler auch an diesem Abend erweisen. Wobei er selbst, eh jeglichem Pathos abhold, gleich erdiger justierte: Man werde „nichts Dramatisches hören“, denn er konzentriere sich bei der Premierenlesung aus seinem neuen Buch „Links leben“ auf „die Kindheit in Schwaben“ – die dann aber zum Randthema wurde in der Fülle eines Horizontes, der ein ganzes Jahrhundert umgreift.

Berührend aber doch der Anfang. Wie da im gebürtigen Ulmer die Liebe zum Vater, „ein nüchterner, solider Schwabe“, aufleuchtete – am Vorabend von dessen 75. Todestag. Mit Gesprächen auf langen Spaziergängen, dem „ersten Brötchen mit Butter und Honig“ für den Siebenjährigen. Auch der Hintergrund der Mutter, einer „Pfarrerstochter“: „Eine kultivierte Familie. Da wurde musiziert, gesungen, man hatte eine Bibliothek, Gäste gingen ein und aus.“

Ob ihn das nicht geprägt habe? Eppler antwortet, indem er ein Kapitel seines Buches rekapituliert, frei sprechend. Also nicht mit „rein Privatem“, sondern Selbiges nur in Verknüpfung mit dem erwachenden politischen Bewusstsein des Knaben. Die Erkenntnis etwa, „dass Hitler lügt“, schon 1938 mit dem „Münchner Abkommen“, worauf der 13-Jährige ein Stück Garten umgräbt: „Ich wusste, es gibt Krieg. Krieg bedeutet Hunger. Wir sollten Kartoffeln pflanzen.“

Nie wieder Krieg

„Nie wieder Krieg!“ Ja, das habe sein politisches Handeln motiviert. Hinzu kam ein bis heute wirksames Movens, „als ich lernte, die Welt mit den Augen des Ökologen zu sehen“. Ja, er habe da einen Traum gehabt: „Ich hielt es für möglich, eine Form des Zusammenlebens, der Produktion, des Verkehrs zu finden, die sich dauerhaft als lebbar erweisen und uns nicht durch Klimawandel bedrohen würde.“ Mit atemloser Spannung folgten die Zuhörer nun der Schilderung einer Desillusionierung, vor allem der „Macht der Marktradikalen“ geschuldet. Ob denn alles den Bach runtergehe? „Ich bin kein Pessimist von Haus aus.“ Er sehe aber, was „in Gesellschaft und Politik wirklich los ist“, verwies auf die Panama-Papers, las ein geißelndes Kapitel zur „Ich-Gesellschaft“ – und zeigte sich, nun ganz aus Privatem heraus, als „Handlungsethiker“: „Ich sehe meine sechs Urenkel krabbeln. Die wollen, die sollen leben. Sie werden ihren Weg gehen, auch wenn wir ihnen Schlimmes hinterlassen.“ In „Links leben“ fasst er dies am Ende in eine Synthese aus „sensibler Sozialpolitik und selbstbewusster Freiheit“. Auch der „Freiheit, sich solidarisch mit anderen zusammenzutun“: Ein 90-Jähriger, noch immer angetrieben und tief bewegt von einer verantwortungsbewussten, moralischen Liebe zum Leben: ein großer Abend.

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