Marc Bensch hat in lockerer Atmosphäre gelesen. Foto: Christoph Kutzer

Marc Bensch hat seinen Debütroman „Die unverhoffte Genesung der Schildkröte“ im Schlampazius vorgestellt. Es geht darin um einen erfundenen Zeitungsartikel – der dann doch von der Realität eingeholt wird.

S-Ost -

Ein Lächeln geschenkt zu bekommen ist schön. Wenn das Lächeln gar nicht mehr aufhört, kippt die Stimmung allerdings und es beginnt unheimlich zu werden. Diese Erkenntnis traf den gebürtigen Stuttgarter Marc Bensch bei einer Stadtbahnfahrt so vehement, dass sie sich in einer Romanfigur manifestierte: Konstantin von Kornweg, genannt „der Lächler“. „Ich habe mir sagen lassen, dass eine Gesichtslähmung, die zu einem beständigen Lächeln führt, medizinisch unmöglich sei“, bekennt sich der Autor bei seiner Lesung im Schlampazius zur schriftstellerischen Freiheit. Damit berührt er eines der Kernthemen seines im Carpathia-Verlag erschienenen Debüts „Die unverhoffte Genesung der Schildkröte“: die Frage, was Wahrheit ist, ja ob es überhaupt eine universelle Wahrheit gibt.

Ein Lächler, ein Schmierfink und ein Schnüffler

Der Journalist Paul Gram, eine weitere zentrale Figur, geht davon aus, dass jeder seine eigenen Wahrheiten findet. Folglich hat er keine Manschetten, sich reißerische Zeitungs-Storys aus den Fingern zu saugen. Als er Mauscheleien zwischen der lokalen Wirtschaft und der Stadtverwaltung lanciert, die er frei erfunden hat, stellt sich überraschend heraus: Die Fiktion deckt sich mit der Realität.

Die Idee, einen erfindungsreichen Medienmann ins Rennen zu schicken, kam Bensch lange bevor Claas Relotius zum Synonym für unseriöse Berichterstattung wurde. „Relotius hat mich eingeholt und überholt“, so der Autor, der am Mittwoch zwischen den Lesepassagen immer wieder mit dem Print-, Rundfunk- und Webjournalisten Christian Ignatzi über die Hintergründe der Romanentstehung plauscht. Die Atmosphäre ist locker. Die wohnzimmerähnlich mit Sesseln bestückte Bühne unterstreicht den Eindruck, Bensch präsentiere sein Buch einer großen Runde von Freunden.

Der Erzähler spricht den Leser an

Diese Lässigkeit zeichnet auch „Die unverhoffte Genesung der Schildkröte“ aus. Durch die Hintertür schleust Marc Bensch allerdings ein literarisches Experiment ein: Der Erzähler tritt mit dem Leser in Kontakt. Er erläutert nicht nur als allwissende Instanz das Geschehen, er fordert auch. Er appelliert. Er beleidigt. „Ich hatte keine Kontrolle über ihn“, gesteht Bensch seufzend. „Zum Glück können manche Leser darüber lachen, was er treibt. Einige fühlen sich allerdings auch auf den Schlips getreten.“ In der zweiten Romanhälfte lehnen sich dann selbst die Figuren auf. Auch wer sich an dieser Stelle zu fragen beginnt, ob Marc Bensch wirklich nur Marc Bensch sei, könnte richtig liegen.

Gefragt, wie viel Stuttgart denn in seinen Erstling eingeflossen sei, zeigt sich der Mann mit dem geschliffenen Sprachduktus unentschieden. Sein Berliner Verleger finde, man erkenne die Landeshauptstadt überall wieder. Er selbst sehe das eigentlich gar nicht.

Vielleicht hat auch Lissabon Spuren hinterlassen. Dort entstand der Roman im Zeitraum von zwei Monaten und Bensch erklärt, dass die portugiesische Kapitale aufgrund ihrer Kessellage gewisse Ähnlichkeiten aufweise. „Man schaut sich dort um, wo man kreucht und fleucht“, überlegt das schreibende Silvesterkind. Es sei natürlich, dass sich die Eindrücke im Text ausmachen ließen.

Das gilt beispielsweise für die Schilderungen der Zeitungsarbeit. Bensch verfügt über 16 Jahre Redaktionserfahrung. Die Methoden von Paul Gram hätten kein Vorbild in der Realität, stellt er klar. Verübeln kann er dem Journalisten sein Treiben jedoch nicht. „Wahrheit ist immer subjektiv“, ist sich Marc Bensch sicher. Er hat damit sehr spezielle Erfahrungen: Vor Jahren hatten Ärzte einen Tumor in seinem Kopf diagnostiziert. Nach der Operation stellte sich heraus: Es hatte sich um eine Entzündung der Blutgefäße gehandelt.

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