Für viele Urlauber gehören Strand und ein gutes Buch zusammen. Foto: imaginando/AdobeStock

Urlaub! Endlich Zeit zum Lesen. Doch welche Bücher gehören in den Koffer? Bei diesen Vorschlägen ist garantiert für jeden Geschmack etwas dabei.

Stuttgart - Sommer, Sonne, Strand – da darf die passende Urlaubslektüre nicht fehlen. Unsere Kulturredakteure haben ihre Empfehlungen zusammengestellt:

Eskapismus jetzt!

Manchmal ist die Wirklichkeit eine echte Drecksau. Was hilft, um den Ärger über die Kollegen, Trump und den Steuerbescheid zu vergessen, ist Urlaub zu machen und Bücher zu lesen, die sich nicht darum scheren, was draußen in der Welt tatsächlich passiert. Zum Beispiel Andrew Schaffers Krimi „Hope Never Dies: An Obama Biden Mystery“ (Quirk Books, ca. 10 Euro), der gerade auf Englisch erschienen ist und die Rückkehr Barrack Obamas und Joe Bidens feiert – nicht ­als Kandidaten fürs Weiße Haus, sondern als knallig-cooles Action-Duo, das sich mit Biker-Gangs, korrupten Cops und Drogendealern anlegt. Auch der Ausflug in frühere Zeiten kann ein probates Mittel der Realitätsflucht sein. Michel Decar nimmt einen mit dem Poproman „Tausend deutsche Diskotheken“ (Ullstein, 20 Euro), der sich wie ein besoffener Monolog liest, zurück in die 80er Jahre und vernebelt mit Bacardi-Cola und Madonna-Songs die Sinne. Und wer sich damit trösten will, dass alles noch viel schlimmer sein könnte, dem sei Mary Shelleys Horrorroman „Frankenstein“ (Manesse, 22 Euro) empfohlen, der vor 200 Jahren erschien und im Jahr 1816, dem berühmten „Jahr ohne Sommer“, entstand, als sich auch noch das Wetter als echte Drecksau gerierte. (gun)

Flussabwärts

Hilfe, ist das ein Drehbuch? Der Göhte-Gesamtschüler-Ton, den die Helden in „Fünf auf Crashkurs“ (DTV, 12,95 Euro, ab 12 Jahren) auf ihrer Ardèche-Tour anschlagen, sorgt bei jungen Lesern für so viel Wiedersehensfreude, dass sie das neue Buch von Hans-Jürgen Feldhaus erst nach Drohungen wieder rausrücken. Gut, dass sie in der Nähe lauern, da kann die Rezensentin fragen, ob man jetzt auch zu Jungs „Pussy“ sagt. So werden die Paddler von den „Ladys“ im Kanu nebenan aufgezogen, weil sie bei der Klassenfahrt Probleme damit haben, auszubüxen. Meer statt Camp? Unterwegs lauern witzige Begegnungen, Pointen noch und nöcher und sogar manche Einsicht. Auf großer Fahrt ist auch Finn in „Kannawoniwasein!“ (Carlsen, 12 Euro, ab 10 Jahren). Martin Muser erzählt erfrischend naiv aus der Perspektive des fast Zehnjährigen, der im Zug zu Mama nach Berlin soll, aber sich den Rucksack klauen lässt. Weil schiefgeht, was kann, ist Finn plötzlich mit der patenten Jola auf der Flucht vor Gummizelle und Hausarrest. Geklauter Traktor, wilde Rocker? Ein Roadmovie, an dem die Helden wachsen. (ak)

Freches Mundwerk

Urlaubs- und Ferienwochen sind die beste Zeit, die Trampelpfade der Bestseller- und Bestenlisten zu verlassen und sich auf Entdeckungsreise zu begeben (geht auch gut auf dem heimischen Balkon). „Das kunstseidene Mädchen“ bietet so eine Exkursion abseits des literarischen Massentourismus. Verfasst von der großartigen Schriftstellerin Irmgard Keun, als die Weimarer Republik in den letzten Zügen lag, erzählt es die Geschichte der achtzehnjährigen Doris, die mit frechem Mundwerk und großen Träumen im Berlin der schon nicht mehr ganz so Goldenen Zwanziger ihrer prekären Existenz zu entkommen versucht: „Ich will so ein Glanz werden, der oben ist.“ Was ihr an Grammatik und Satzbau fehlt, macht sie mit Witz und Schnauze wett. Nebenbei wird klar, dass die Nazis vor der Tür stehen, die, kaum an der Macht, den Roman als „Asphaltliteratur“ verdammten und ihn auf den Index „unerwünschten Schrifttums“ setzten. 156 Seiten sind für einen Sommerurlaub allerdings ein bisschen wenig. Wie gut, dass der Wallstein-Verlag zusammen mit der Wü­stenrot-Stiftung das gesamte Werk Keuns in einer dreibändigen Kassette herausgebracht hat, die nicht nur schön anzusehen, sondern zum sensationellen Preis von 39 Euro zu haben ist. Billigurlaub quasi. (say)

Intime Abenteuer und Verbrechen

Je trüber sich die politischen Verhältnisse in Rom entwickeln, desto leuchtender tritt die italienische Literatur in Erscheinung. Kaum ist das Ferrante-Fieber etwas abgeklungen, eine glückliche Phase im Leben jedes Lesers, drängt mit Francesca Melandris Epos „Alle, außer mir“ (Wagenbach, 26 Euro) schon das nächste höchst ansteckende Virus heran. Eingefasst in eine süffige Familienstory zeigt die Autorin, wie das, was gerade in dem Land passiert, mit der verdrängten Vorgeschichte zusammenhängt. Ihr fesselnder Roman verfolgt den Weg heutiger Flüchtlinge zurück in die koloniale Vergangenheit Italiens und erklärt damit zugleich die mentalitätsgeschichtliche Route, die von Mussolini zu Salvini führt.

Wie aus einem sexuell gebeutelten Knaben ein Schriftsteller wurde, erzählt Bodo Kirchhoff in seinem Lebensroman „Dämmer und Aufbruch“ (Frankfurter Verlagsanstalt, 28 Euro). Auch hier entsteht aus dem Blick in dunkle Vorgeschichten und ödipale Abgründe ein großes Werk.

Wer es kleiner liebt, kann mit Barbara Aschenbachs Erzählband „Lichter im Berg“ (Hoffmann und Campe, 20 Euro) in das Dorf Galtür reisen. Dort hat die Tiroler Autorin lokale Anekdoten zu kristallinen Erzählungen verdichtet. Kühle Schönheit und versponnene Hinterweltlichkeit finden darin märchenhaft zusammen. (kir)

Verstehenshilfen

Soll man im Urlaub die Nachrichten verfolgen – oder lieber ganz abschalten? Immerhin steht zu vermuten, dass wieder irgendein Irrer Handelskriege ausruft, Flüchtlinge ertrinken lässt oder den letzten vernünftigen Politikern ein Bein stellt, während man selbst seelenruhig am Pool liegt. Ein Kompromiss könnte sein, zu Büchern zu greifen, die helfen, das Chaos besser zu verstehen. Zum Beispiel nach dem Roman „Parker“ von Matthias Göritz (C. H. Beck, 22 Euro). Er spielt in Kiel, das auch in Wirklichkeit schon Schauplatz verwirrender politischer Intrigen war. Matthew Parker, der Protagonist, ist ein nicht mehr ganz so gefragter Rhetoriktrainer und Wahlkampfmanager. Auf Vermittlung eines Freundes soll er den aufstrebenden Landespolitiker Mahler zum deutschen Macron machen. Göritz zeigt sehr aktuell, wie Sprache Politik prägt – und Politik Sprache.

Noch tiefer schürft der US-Neurowissenschaftler Robert Sapolsky. In „Gewalt und Mitgefühl“ (Hanser, 38 Euro) erklärt er die zwischen Gut und Böse schwankende Natur des Menschen aus einer Prägung durch die Umwelt, den Genen und vielen Millionen Jahren Evolution. Das Buch ist wissenschaftlich anspruchsvoll und glänzend geschrieben. Aber Achtung, liebe Urlaubsleser: Es raubt Ihnen jede Illusion. (msr)

Der Ärger mit den anderen

Sie sei nicht wirklich beliebt, warnt uns die Erzählerin von Jane Gardams „Weit weg von Verona“ (Hanser Berlin, 22 Euro) freimütig. Und man kann das ganz gut verstehen, denn die Göre ist schon ziemlich besserwisserisch. Aber sie ist eben auch unwiderstehlich, wie sie in diesem im Original schon 1971 erschienenen, in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in der englischen Provinz spielenden Roman die Nöten, Krisen und Bedrängnisse der Schulzeit, der ersten Liebe und des Außenseitertums der Klugen schildert. Die großartigen Werke von Gardam, die gerade neunzig Jahre alt geworden ist, sind in Deutschland erst spät entdeckt worden, und hier kann man ein paar Stunden lang staunen, wie gut sie schon zu Beginn ihrer Karriere war. In der größten Krise seiner Karriere erleben wir Frankreichs Kinostar Gérard Depardieu in Mathieu Sapins „Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ (Reprodukt, 24 Euro). Der Zeichner dieses hochkomischen, intimen Reportage-Comics hat Depardieu in jener Zeit – auch mal unfreiwillig – begleitet, als der Schauspieler sich mit seinen Landsleuten überwarf und in der öffentlichen Wahrnehmung zum durchgeknallten Kumpel Wladimir Putins wurde. Sapin liefert einen viel faszinierenderen Blick auf das Geschehen – und das feine Porträt der inneren Deformation eines am Gipfel Einsamen. (tkl)

Manipulation

Wer ist eigentlich Schuld am Populismus? Die Schreihälse, die uns auf Twitter und Co. selbst in den Ferien noch mit ihren Parolen zuballern? Oder die anderen, die angesichts der Dauerbeschallung schon nicht mehr richtig hinhören? Juli Zehs „Leere Herzen“ (Luchterhand-Literaturverlag, 20 Euro) hat darauf eine deutliche Antwort. Der Roman beschreibt ein radikalisiertes Düster-Deutschland, in dem sorg­lose Großstädter zwischen Work-Life-Balance und Effizienzstreben aus Versehen jegliche Moral abgelegt haben. Die Unternehmerin Britta zum Beispiel vermittelt hauptberuflich Selbstmordattentäter an Terrororganisationen – schnell, sauber und mit minimalem Risiko für Zivilisten. Ein Skandal? Nicht für Britta. Denn sie ist Teil einer komplex erzählten Dystopie, in der eine Gesellschaft verlernt hat hinzusehen.

Ähnlich scharf ist auch Jarett Kobeks Blick auf den Populismus: Sein Roman „Ich hasse dieses Internet“ (Fischer, 12 Euro) erzählt die Geschichte einer semi-erfolgreichen Comiczeichnerin – und knüpft daran eine brutale Satire auf das manipulative Silicon Valley, seine Handlanger und die armen, fremdgesteuerten Internet-Junkies des 21. Jahrhunderts. (saf)

Familie & Terror

Manche Menschen suchen sich ihre Urlaubslektüre passend zum Reiseland aus. Im Fall von Fernando Aramburus „Patria“ (Rowohlt, 25 Euro) müsste die Reise demnach ins Baskenland gehen (wiewohl der gebürtige Baske seit Jahrzehnten in Hannover lebt). Doch das 750-Seiten-Werk sei guten Gewissens auch Island-Reisenden oder Türkei-Urlaubern empfohlen. Denn egal, wo man die Beine baumeln lässt: Aramburus originelle Erzählperspektive und Chronologie durcheinanderwirbelnder Roman fesselt: Es ist der erste große Roman über den baskischen Terror der Eta; er erzählt, wie dieser Terror zwei eng befreundete Familien entzweit und zu erbitterten Widersachern werden lässt; er macht die großen Themen wie Schuld und Sühne, Freundschaft und Liebe auf, er verbindet das große Gesellschaftspanorama mit einfühlsamer psychologischer Intro­spektion. Dass sich anders herum aus der Lieblingslektüre das Urlaubsziel ableitet, ist im Fall von Jean-Luc Bannalec nahezu unabwendbar: Wer seine Dupin-Krimis liest, will und muss die Bretagne sehen. Gerade ist der siebte Band, „Bretonische Geheimnisse“ (Kiepenheuer & Witsch, 16 Euro) erschienen. (uh)

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