Die Idee, dass Kinder Tieren vorlesen, stammt aus den USA, wo Tiere bereits seit den 90er Jahren zur Leseförderung eingesetzt werden. Foto: dpa

Hilft es leseschwachen Kindern, wenn sie Haustieren vorlesen? – Was Experten zu diesem beliebten Trend sagen.

München - „Vogelscheuche“: ein ganz schön schwieriges Wort. Der Zweitklässler Levi setzt mit „Vogel“ an, kommt ins Stocken, kämpft sich zu „scheu“ und bleibt hängen. Der große beige Hund zu seinen Füßen rührt sich nicht. Ihn scheint es nicht zu stören, dass Levi über die „Vogelscheuche“ gestolpert ist. Er liegt einfach nur da und strömt Wärme aus. Levi versucht es erneut. „Vogelscheuche“ liest er diesmal flüssig und klar.

Der Hund heißt Tammy und gehört Kimberly Ann Grobholz. Seit rund eineinhalb Jahren besucht sie mit einer Kollegin und zwei Hunden regelmäßig die Sinai-Ganztagsgrundschule in München. Diese ist eine der Einrichtungen, an denen Grobholz ihr „Lesehund“-Konzept anbietet: Kinder lesen regelmäßig Hunden vor, um sich dabei zu verbessern. Was zunächst kurios klingt, wird derzeit in Deutschland immer beliebter: ­Inzwischen hat Grobholz mehr als 80 ehrenamtliche Lesehunde-Teams ausgebildet, die vor allem in Schulen ihre Dienste anbieten.

Wissenschaftlich bewiesen ist der Nutzen nicht, Studien sind aber in Arbeit

Es gibt auch andere Initiativen, die Tiere zu pädagogischen Zwecken einsetzen, etwa das „Kids4Cats“-Projekt: Dabei lesen Kinder Tierheimkatzen vor – so wie in Bremen. Die Idee dazu stammt aus den USA, wo Tiere bereits seit den 90er Jahren zur Leseförderung eingesetzt werden.

Der Viertklässler Oskar ist ein gutes ­Beispiel dafür, wie positiv sich diese Form der Leseförderung auswirken kann. „In den ersten drei Jahren hat er im Unterricht nicht gesprochen“, so Grobholz. Seit er Tammy ­regelmäßig vorliest, geht eine Wandlung mit ihm vor: „Nach ein paar Wochen hat er in der Schule von dem Hund erzählt und sich allmählich geöffnet.“ Inzwischen hat er sogar ein Referat vor der Klasse gehalten.

Wissenschaftlich bewiesen ist der Nutzen zwar nicht, aber es gibt erste Studien: So ­begleitete Stephanie Berner, Grundschul­pädagogin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ein Jahr lang zehn ­leseschwache Grundschüler. Am Ende der Zeit hatten sich sowohl die Lese- als auch die Schreibfähigkeiten deutlich verbessert. Hauptverantwortlich sei der Entspannungseffekt, den die Tiere auf die Kinder hätten: „Wer entspannt ist, lernt besser.“ Das zeigte sich auch anhand von Speichelproben, die Berner den Kindern nach dem Lesen entnahm: Die Durchschnittswerte des Stresshormons Cortisol lagen bei allen Teilnehmer unter den altersüblichen Werten.

Der Körperkontakt zu den Tieren lässt Kinder ruhiger werden

Ähnlich positive Ergebnisse brachte eine Studie der Oldenburger Pädagogin Meike Heyer und der Erlanger Psychologin Andrea Beetz. Sie beobachteten 16 leseschwache Drittklässler, die an einem mehrmonatigen Förderprogramm teilnahmen. Eine Hälfte übte Lesen mit einem Stoffhund, die andere Hälfte mit einem echten Hund. Am Ende zeigte sich, dass sich die Teilnehmer der zweiten Gruppe hinsichtlich ihrer Lesekompetenz deutlich stärker verbessert hatten als die Schüler der Kontrollgruppe.

Bei den Erklärungsansätzen spielt Beetz zufolge der Körperkontakt eine wichtige Rolle. Streichelt man ein Tier, produziert der Körper vermehrt das beruhigende Bindungshormon Oxytocin. Zudem steigert das Beisein eines Hundes aber auch die Motivation und Konzentrationsfähigkeit.

Beim Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie sieht man die Lesehund-Projekte daher positiv. „Jede Gelegenheit, die leseschwache Kinder nutzen, um zu lesen, ist gut“, sagt Sprecherin Annette Höinghaus.

Tipps für kleine Lesemuffel

Wenn das Lesen schwer fällt, macht es auch keinen Spaß. Deshalb schmökern leseschwache Kinder meistens auch nicht gern in Büchern – was zur Folge hat, dass sie sich kaum verbessern. Hier ein paar Tipps, um bei Kindern die Lust am Lesen zu wecken:

Lieber einfach:

Bei Büchern für Leseanfänger empfiehlt sich, besser eine zu niedrige Lesestufe auszusuchen als eine zu hohe. Überforderung wirkt frustrierend.

Spannende Themen:

Manchmal finden Kinder Leseanfänger-Geschichten langweilig. Es kann helfen, sie bei ihren Interessen zu packen. Vielleicht ist das Kind ein „Star Wars“-Fan? Oder es findet das Alte Ägypten spannend? Auch zu exotischen Themen finden sich Bücher, die Kinder ansprechen.

Mitlesen:

Um eine längere, komplexe Geschichte allein zu lesen, brauchen Kinder anfangs viel Durchhaltevermögen. Sehr viel leichter fällt das, wenn sie dabei ein geübter Leser unterstützt. Man kann so verfahren: Erst lese ich eine Seite, dann bist du dran. Speziell dafür wurde die Reihe „Erst ich ein Stück, dann du“ konzipiert.

Digitale Medien:

Auch über die Begeisterung für Computer und Handy lässt sich Interesse am Lesen wecken. Interaktive Bücher, die als App auf Smartphone oder Tablet-PC geladen werden können, halten Kinder mit animierten Bildern, Soundeffekten und Spielen bei Laune. Für Leseanfänger eignen sich Kinderbuch-Apps mit einer Vorlesefunktion, die sich ausschalten lässt. Auch Lesestifte mit Audiodateien können als Einstieg dienen.

Comics:

Die Sprechblasen und Textpassagen von Comics sind kurz, Bilder regen zum Weiterlesen an. Sogar mit Mangas, die sehr wenig Text enthalten, kann ein Kind seinen Wortschatz erweitern. Mehr Text enthalten Comic-Romane wie die Reihe „Gregs Tagebuch“ (ab ca 9 Jahren).

Mitmach-Bücher:

Für Kinder, die Lesen schnell langweilig finden, sind Mitmach-Bücher eine gute Wahl. Auf dem Markt sind z.B. Ratekrimis oder Quizbücher. Auch „Kritzelblöcke“ für Schüler mit Rätseln und Witzen kommen der Lese- und Schreibfähigkeit zugute.

Buchreihen:

Optimal ist es, wenn es Eltern gelingt, Kinder an Reihen heranzuführen. Als Köder kann man den ersten Band als Hörbuch besorgen. Wenn der Lesemuffel unbedingt wissen will, wie die Geschichte weitergeht, bekommt er die Fortsetzung als Buch.

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