S-21-Führung am Stuttgarter Hauptbahnhof: 15 der insgesamt 28 Kelchstützen stehen bereits. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Leserinnen und Leser unserer Zeitung haben am Sonntag an Führungen durch die S-21-Baustelle teilgenommen. Das Angebot stieß auf großes Interesse. „Wir waren um 4500 Plätze überbucht“, erzählt Baustellenführer Sebastian Heinel beim Rundgang.

Stuttgart - Am Rand der steilen provisorischen Rampe, die in die Baugrube hinunterführt, zücken die Teilnehmer der dreistündigen S-21-Baustellenführung am Sonntagvormittag zum ersten Mal ihre Fotoapparate: Tief unten breitet sich vor der Gruppe die riesige Fläche der 450 Meter langen und 80 Meter breiten künftigen Bahnsteighalle aus. „Das ist wahrscheinlich der gefährlichste Ort der ganzen Baustelle“, sagt Sebastian Heinel. „Hier müssen die Betonmischfahrzeuge beim Herauffahren aus der Bahnhofshalle aufs Gas drücken, sonst kommen sie die Rampe nicht hoch“, erzählt der Teamleiter Besucherdienst des Bahnprojektvereins Stuttgart–Ulm den gespannt lauschenden Besuchern.

70 000 Tonnen Stahl für die Kelchstützen

Die 14 Leserinnen und Leser unserer Zeitung, die am Sonntag an der 10-Uhr-Führung durch das Baustellengelände teilnehmen, haben bis dahin nicht gezögert, mit ihren kritischen Fragen Heinel und der Baustellenführerin Gaby Leicht auf den Zahn zu fühlen.

Der Anblick der künftigen Halle löst nun aber erst einmal kollektives Staunen aus. „Man kann die Modelle noch so oft anschauen, der Eindruck vor Ort ist ein ganz anderer: gigantisch“, kommentiert ein Teilnehmer seine Gefühle beim Blick unter das Dach des künftigen Bahnhofs. Über insgesamt vier Baufelder sind die zwölf Meter hohen Kelchstützen, die die Architektur des künftigen Bauwerks prägen, bereits zu einer geschlossenen Decke verbunden. 15 der am Ende 28 geschwungenen Kelchstützen stehen bereits. „Wie viel Tonnen Stahl wird in den Betonkelchen verbaut?“, will ein Teilnehmer wissen. In allen zusammen sind es rund 70 000 Tonnen, erfahren die Baustellenbesucher.

Nachfrage ist riesig

Nach eineinhalb Jahren Pandemiepause veranstaltet der Bahnprojektverein Stuttgart–Ulm seit vergangenem Wochenende wieder Führungen durch die Stuttgarter Großbaustelle sowie entlang der Schnellbahnstrecke. 14 Führungen waren am Sonntag für Leser und Leserinnen unserer Zeitung reserviert. Der Andrang auf die Anmeldungen war, wie der Verein berichtet, entsprechend gewaltig: „Wir waren um 4500 Plätze überbucht“, erzählt Sebastian Heinel. Vor der Pandemie fanden jährlich rund 2000 Führungen im ganzen Bahnprojektgebiet statt. „Und da wollen wir auch wieder hinkommen“, sagt der Leiter des Besucherdienstes. Anders als bei den sonstigen Führungen des Vereins, erhielten die Leser unserer Zeitung am Sonntag nun bereits Einblick in die neue Bahnhofshalle.

Auch wenn die Begeisterung über die ingenieurtechnischen Leistungen bei den Teilnehmern der Führungen sichtlich groß ist: Nach wie vor werden auch die kritischen Fragen gestellt. So die nach der Kapazität des neuen unterirdischen Bahnhofs: Die Antwort von Baustellenführerin Gaby Leicht, dass durch modernste Steuerungstechnik in Zukunft eine schnellere Zugfolge realisiert werden könne, kann indes nicht jeden überzeugen. Zumal die Erfahrung von Bahnfahrern wie Thomas Pfeiffer eine andere ist: Der regelmäßige S-Bahn-Kunde und Zeitungsleser beklagt die häufigen und zum Teil massiven Verspätungen der Züge. Die versprochenen Kapazitätszuwächse durch das moderne Zugsicherungstechniksystem ETCS seien für ihn fragwürdig: „Auch hier wird das Ergebnis am Ende nur sein, dass die Züge sich verspäten“, glaubt Thomas Pfeiffer.

Neue Fragen rücken in den Vordergrund

Das Thema Brandschutz in der neuen Bahnhofshalle und den Tunnelröhren der Neubaustrecke, das während der Baustellführung ausführlich angesprochen wird, weckt ebenfalls nach wie vor großes Interesse. Hier gibt Sebastian Heinel jedoch Entwarnung: „Das Brandschutzkonzept ist durch“, betont er. Dass es bei Stuttgart 21 ein Szenario wie beim neuen Berliner Flughafen geben könnte, verneint Heinel.

Doch nicht nur bahntechnische Fragen wollen viele Teilnehmer am Sonntag beantwortet wissen. Je näher das Projektende, das auf das Jahr 2025 terminiert ist, kommt, umso dringlicher rücken andere Fragen in den Vordergrund: Städtebauliche oder beispielsweise solche nach der Gestaltung des Parkgeländes im Bereich des künftigen Rosensteinquartiers oder auch direkt neben dem neuen Bahnhofsbauwerk. Hier fragt beispielsweise eine kritische Leserin, wie in Zukunft das Gefälle zwischen dem zwar ebenerdigen, aber höher liegenden Bahnhofsdach und dem dahinter liegenden tieferen Park überwunden werden soll. Bei den Führung am Sonntag wird eines deutlich: Beim Blick in die Großbaustelle klären sich manche Fragen. Je weiter das Bauprojekt fortschreitet, desto mehr drängen sich jedoch neue auf.

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