Ghazaleh Tabatabai, Regine Warth, Claudia Trick und Ulrich Karck (von links) Foto: Lg/Leif Piechowski

Hoffnung auf Fortschritte in der Krebstherapie machte das Leserforum Mittendrin von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten zum Thema „Mit neuen Waffen gegen den Krebs – reicht das aus?“. Bei einer Information ging ein überraschtes Raunen durch den Saal.

Die Diagnose Krebs sei für Betroffene lange einem Todesurteil gleichgekommen, stellte Regine Warth, Redakteurin unserer Zeitung, in ihrer Einführung fest, inzwischen sei aber dank großartiger Leistungen der Krebsforschung in vielen Fällen eine Heilung möglich. Gleichwohl stelle sich weiter die Frage: „Wie viel Angst muss man vor Krebs haben?“ Die Frage ging an das Trio auf dem Podium: Claudia Trick, Vertreterin aus dem Patientenbeirat im CCC-TS, dem Comprehensive Cancer Center Tübingen-Stuttgart, und selbst Betroffene, sowie an Ulrich Karck vom Onkologischen Schwerpunkt am Klinikum Stuttgart und an Ghazaleh Tabatabai, Ärztliche Direktorin der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Neuroonkologie der Uniklinik Tübingen.

 

„Krebs ist nichts für Feiglinge“

„Krebs ist nicht gleich Krebs“, antwortete Tabatabai. Es komme darauf an, „um was für einen Tumor“ es sich handle. Bei manchen Tumorarten sei eine erfolgreiche Behandlung nach wie vor schwierig, bei anderen aber „Stabilisierung bis hin zur Heilung möglich“. Karck allerdings stellte klar: „Krebs ist nichts für Feiglinge.“ Die Diagnose konfrontiere mit einer „Herausforderung, die die bisherigen Strategien der Lebensbewältigung überschreitet. Und das macht Angst.“ Auch Karck differenzierte nach Tumorarten: „Das kann eine kleine Katze sein, die sich wieder einsperren lässt, aber auch ein Löwe, bei dem das nicht gelingt.“

Claudia Trick sah sich nach der Leukämie-Diagnose im Alter von 26 Jahren vor der Alternative: „Will ich den Kampf aufnehmen oder den Kopf in den Sand stecken?“ Sie habe sich für den Kampf entschieden, und die Ärzte hätten „den bestmöglichen Plan“ für sie gemacht. Trick fügte hinzu: „Ich hatte Glück, ich bin noch heute hier.“

Claudia Trick überlebte die Diagnose Leukämie. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Den „neuen Waffen gegen den Krebs“ galt dann der Fokus, was zum Stand der Krebsforschung führte und welche Hoffnungen damit verbunden seien. Hier ist Tabatabai ganz nah dran, auch über Forschungsprojekte in Kooperation mit dem Tübinger Biopharmazeutik-Pionier Purevac. Der wichtigste Baustein sei, dass man nun „die Biologie hinter den Tumorarten“ verstehe. Speziell, wie sich Tumorzellen „vor dem Immunsystem verstecken“. Im Prinzip gehe es darum, mit entsprechenden Medikamenten „die Achillesferse der Tumorzelle zu treffen und ihr so die Tarnkappe vor dem Immunsystem zu nehmen“. Dieser Ansatz der „immuntherapeutischen Strategien“ habe zu einem „revolutionären Wandel in der Krebstherapie“ geführt. Jedoch habe man für viele Tumorarten „noch nicht die Medikamente, die die Zellen an ihren Schwachstellen zugänglich machen“.

200 bis 300 Gramm Fleisch genügt – im Monat

Tabatabai und Karck setzen beide auf die mRNA-Technologie, die mit einem körpereigenen Botenmolekül arbeitet, wobei es im Prinzip immer darum gehe, „das Immunsystem zu aktivieren und zu trainieren“. Karck setzt auch große Hoffnungen auf „therapeutisches Impfen“ und nannte Australien als Vorbild – etwa im Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs und Hals-, Nasen-, Ohren-Tumore. Eine Erfolgsgeschichte sei bei uns die Hepatitis-Impfung, Leberkrebs deshalb fast ganz verschwunden.

„Prävention ist sowieso das Beste, was man tun kann“, brachte Karck die Sache auf den Punkt und führte auch Lebensstil-Risiken wie Übergewicht und Bewegungsarmut an. „Und wir essen viel zu viel Fleisch“, stellte er fest, wobei ein Raunen durch den Saal ging, als er zu „200 bis 300 Gramm genügen“ hinzufügte: „Im Monat.“ Ganz neu im Fokus: „Schlafhygiene“, etwa mit Hinweis auf steigende Tumorzahlen bei jungen Menschen in den USA, die auf nächtlichen Handykonsum zurückgeführt werden.

Gespannte Aufmerksamkeit auch in der Publikumsrunde, die einen hohen Betroffenheitsgrad spiegelte. Zu den stärkenden Momenten zählten Hinweise in Sachen Lebensmut und Lebensbejahung. Etwa der Satz: „Wir alle werden eines Tages sterben, aber bis dahin wollen wir leben.“