Der Holzgerlinger Hans Schweizer schneidet seit exakt 40 Jahren jeden Tag die Karikatur aus der Zeitung aus. Dazu trieb ihn die Lust am politischen Witz. Und eine ausgeprägte Sammel-Leidenschaft.
Holzgerlingen - Hans Schweizer hat die Ordner für den Fototermin auf den Boden gestellt. Vielleicht, weil er nicht wusste, ob sie auf dem Esstisch Platz haben würden. Zwischen den 44 Ordnerdeckeln in den 22 Leitz-Ordnern befinden sich alle, ja wirklich alle Karikaturen, die seit dem 31. Dezember 1981 in der Kreiszeitung Böblinger Bote auf Seite zwei erschienen sind. Hans Schweizer hat sie gesammelt. Jede einzelne Karikatur ist perfekt ausgeschnitten, eingeklebt und mit Datum versehen. Damit frönt er diesem Hobby nun auf den Tag genau seit 40 Jahren. Nur, warum eigentlich?
„Der politische Witz hat mich immer interessiert“, sagt der 62-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln. Damals vor 40 Jahren war er gerade dabei, bei seinen Eltern auszuziehen, bei denen immer die Kreiszeitung gelesen wurde. „Die Karikatur am Neujahrstag 1982 war mit so viel Weitblick und Hintersinn gezeichnet, die musste ich einfach ausschneiden“, sagt er. Tatsächlich nahm der Karikaturist Horst Haitzinger viele weltpolitische Ereignisse in diesem einen Bild vorweg: US-Präsident Ronald Reagan reckt wie ein Schauspieler einen Dolch in die Höhe, Englands Premierministerin Margret Thatcher steckt ein solcher im Rücken und Bundeskanzler Helmut Schmidt schwebt als Engel über der Szenerie, sich selbst am Flaschenzug in der Luft haltend. Doch bei der einen Karikatur blieb es nicht. Bei weitem nicht.
Arbeit wie der korrekteste Archivar
Als Hans Schweizer auszog, um einen eigenen Hausstand zu gründen, abonnierte er selbst die Kreiszeitung. Und machte einfach weiter mit dem Ausschneiden, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahrzehnt für Jahrzehnt. „Am Anfang habe ich die Ausschnitte nur in Mappen gesammelt, relativ ungeordnet. Doch dann habe ich angefangen mit dem Einkleben“, sagt er. Dabei geht er seitdem wie der korrekteste Archivar zu Werke.
Auf DIN-A4-Papieren klebt er meist vier oder fünf der Zeitungsausschnitte ein und notiert mit dem Kugelschreiber den Erscheinungstag daneben. Anmerkungen? Notizen? Fehlanzeige. „Das Papier habe ich ein paar Mal gewechselt, bis ich ein gutes gefunden habe“, sagt der Sammler. Stimmt: Beim Blick über die aufgereihten Ordner fällt auf, dass die Achtziger- und Neunzigerjahre merklich vergilbt sind. Ab 1998 dann auf einmal: blütenreines Weiß. Schweizer: „Damals bin ich auf feines Papier aus dem Fachhandel umgestiegen.“ 250 Gramm, holzfrei und oberflächengeleimt verrät das Etikett.
Revolution: Karikatur in Farbe
Auch beim Klebstoff sah sich Schweizer nach Jahren genötigt, nachzubessern: „Der anfangs verwendete Pritt-Stift schlug nach ein paar Jahren Blasen, seit einigen Jahren nehme ich daher Uhu.“ Anfang der Neunzigerjahre legte er sich außerdem eine Papierschneidemaschine zu. Um in seinem eindrucksvollen Kompendium überhaupt Anomalien zu finden, muss man schon suchen. Eine kleine Revolution dann schließlich am 31. März 2020: Die Kreiszeitung druckte ihre zweite Seite von diesem Tag an in Farbe. Manchem Leser fiel die Veränderung gar nicht auf. Für den Liebhaber Schweizer bedeutete die Umstellung auf einmal ungeahnte Bunt-Genüsse.
Doch wer denkt, er lese in der Zeitung nur die Karikatur, irrt. „Mich interessiert vor allem das Lokale, Politik und Wirtschaft“, sagt er. Beruflich stand er 35 Jahre in Diensten des Anlagenbauers Eisenmann, war Konstruktionsleiter für elektronische Anlagen. Nach der Insolvenz orientierte er sich neu. „Ich war bei der Eisenmann-Insolvenz zwar schon 60, doch ich wollte unbedingt noch was machen.“ Und siehe da, seit sieben Wochen arbeitet er in ganz ähnlicher Position beim Leonberger Unternehmen Brückner, Weltmarktführer im Textilanlagenbau.
Karikaturen sind nur eines von vielen Hobbys
Neben den Karikaturen pflegt Schweizer auch noch eine Reihe anderer Hobbys, saß zwölf Jahre im Holzgerlinger Kirchengemeinderat und war 45 Jahre beim CVJM in in der Jugendarbeit aktiv. 30 Jahre lang organisierte er für den Verein jedes Jahr die Zeltlager. „Als ich da zwischen 2007 und 2010 mal stark gefordert war, habe ich drei Jahre nicht geklebt“, gibt Schweizer zu. Die nur grob ausgeschnittenen Karikaturen stapelten sich mit der Zeit. Selbstverständlich holte er das Archivieren nach.
Ob er sich denn an diesem biblischen Fleiß oft erfreue? „Eigentlich ziehe ich die Ordner selten heraus und blättere nach“, sagt er. Dabei offenbart die Sammlung einen eindrucksvollen Spiegel des politischen Geschehens seit 1981. Wie Helmut Kohl und Egon Krenz zum Mauerfall telefonieren, der ewige Kanzler Kohl nach dem Regierungswechsel 1998 zum Elefanten mutiert oder Gerhard Schröder seinen Thron nur widerwillig an Angela Merkel übergibt, das ist auch heute noch Satire auf den Punkt. Die Politiker sind mit wenigen Federstrichen unnachahmlich in ihrem Wesen getroffen – damals wie heute.
Haitzinger-Abgang bedauert
„Haitzinger war immer mein Lieblings-Zeichner“, gibt Schweizer unumwunden zu. „Andere waren auch gut, haben mir aber nicht ganz so zugesagt.“ Als Horst Haitzinger im Dezember 2019 aufhörte, widmete ihm die Kreiszeitung am 5. Dezember 2019 einen großen Abschieds-Artikel. Schweizer: „Der ist natürlich in der Sammlung drin, als einziger.“
Ein Grund fällt Hans Schweizer dann doch ein, für was die eindrucksvolle Sammlung einst gut sein könnte: „Vielleicht kann ich sie mal meinen Enkeln zeigen“, sagt er. Denn Schweizer ist nicht nur dreifacher Vater, sondern auch schon dreifacher Opa. Es wäre ja auch zu schade, wenn der ganze Sammeleifer nur im Regal schlummern würde.