Der in Deutschland lebende, auf Deutsch schreibende Abbas Khider erzählt in seinem Roman „Der Palast der Miserablen“ vom Erwachsenwerden im Irak.
Bagdad - Was für ein Gefühl. So herrlich wie beunruhigend. Jahrelang hat der Junge mit seiner Schwester in einem Bett geschlafen, behaglich war das, plötzlich ist es aufregend. Und schon räumen die Eltern die Matratzen der Kinder auseinander. Oft schon wurde das sexuelle Erwachsenwerden eines Jungen in Romanen und Filmen beschrieben. Abbas Khider gelingt es in „Der Palast der Miserablen“ zart und witzig zugleich. Plötzlich findet Shams es auch aufregend, der Limonaden-Verkäuferin zu begegnen, er trinkt jetzt mehr Limonade, als er sich leisten kann – bis sie plötzlich verschwunden ist. Sie hat einen Polizisten geheiratet. Vielleicht wurde sie auch verheiratet. Besser nicht fragen, Polizisten können gefährlich werden.
Eine Hütte aus Schrott
Shams ist ein irakischer Junge, der aus dem Süden des Landes Richtung Hauptstadt zieht, um der Armut zu entkommen und den Schikanen der Geheimpolizei des Diktators Saddam. Eine Wohnung ist nicht zu bezahlen, die Familie muss sich außerhalb Bagdads eine Hütte aus Schrott bauen.
Blechviertel heißt die Gegend – mit Sand gefüllte Blechdosen lassen sich mit Mörtel zu Wänden auftürmen. Mit jedem eingenommenen Dinar, der nicht für Lebensmittel draufgeht, wird die Hütte stabilisiert. Shams verkauft Plastiktüten im Basar, die Mutter liest aus der Hand, sein Vater verkauft, was er auf dem Schrottplatz gefunden und repariert hat. Er verabscheut den Hokuspokus seiner Frau, aber der ist einträglicher als alles andere und damit unverzichtbar.
Bloß nicht Soldat werden
Beide Geschwister dürfen zur Schule gehen, trotz Geldmangel. Nur eines verbietet der Vater aus eigener Kriegserfahrung: Shams darf nicht Soldat werden. Das will der Junge gar nicht, zu schrecklich sehen die menschlichen Wracks aus, die er aus dem Iran und aus Kuwait nach Hause kommen sah. Es gibt aber nur eine Chance, vom Militärdienst befreit zu werden: lernen, Abitur machen, studieren und bloß nicht die Regierung kritisieren. Mit seinem Schulfreund sucht Shams auf dem Flohmarkt nach Erotik-Heftchen und findet, vor allem wegen der halb nackten Frau auf dem Cover, ein Buch des Italieners Alberto Moravia. Er liest es zweimal hintereinander und schreibt jetzt selbst auf, was ihn beschäftigt.
Seit der ersten Seite dieses Romans wissen wir, dass Shams ins Gefängnis kommt. Sein Erwachsenwerden wird nach jedem Kapitel unterbrochen durch knappe Sätze über die demütigenden Erfahrungen, die er einige Jahre später im Knast macht. Unvorstellbar, was diesen Jungen, der die Literatur für sich entdeckt hat, zu einem gefährlichen Staatsfeind gemacht haben könnte.
Schillernde Grautöne
Abbas Khider hat erst als Erwachsener Deutsch gelernt und einen beneidenswert lebendigen, farbigen Ton ausgebildet. Seine früheren Romane waren kürzer, das hat ihre Lakonie beinahe noch besser zur Geltung gebracht. Nicht jeder Job, mit dem Shams zum Familieneinkommen beiträgt, ist nötig, um zu verstehen: „Ein guter Tag für uns war einer, an dem die Dinge nicht schlimmer wurden, als sie ohnehin bereits waren.“
Khider war als junger Mann selbst in arabischen Gefängnissen inhaftiert, er kann Folter aus eigenem Erleben beschreiben. Sicher auch ein Grund dafür, dass in diesem Roman kein Platz für Heroisierungen ist, kein Platz für Schwarz und Weiß. Dafür schillern die Grautöne, mit denen er seine Hauptpersonen charakterisiert. Zum Beispiel die aufbegehrende Schwester, die ins Bankgeschäft einsteigt und ihre Kunden ausnimmt, auch sie keine Heldin. Wie schon im Roman „Die Orangen des Präsidenten“ stattet Khider seine Figuren mit Galgenhumor und Schlagfertigkeit aus. Deshalb bleibt man beim Lesen an ihrer Seite, auch wenn einen das Grauen packt. Man möchte das Buch nicht weglegen, sondern will wissen: Wie hat der Junge das überlebt?