Der Teamtechnik-Chef Stefan Roßkopf (links) und der Schulleiter Stefan Ranzinger begutachten die Lernfabrik. Das Herzstück ist ein Montageroboter. Foto: factum/Granville

Die Lernfabrik für das Berufliche Schulzentrum in Bietigheim-Bissingen ist fast fertig. Zur Probe führt sie der Hersteller Teamtechnik Freiberg einmal vor: Sie spuckt Modellautos aus.

Bietigheim-Bissingen - Kabel, die aus nackten Platinen ragen, jede Menge Knöpfe, Kippschalter und Digitalanzeigen: So stellt sich der Laie einen Roboter in Rohform vor – und so sieht in der Tat auch ein Teil der Lernfabrikdes Beruflichen Schulzentrums (BSZ) in Bietigheim-Bissingen aus. An dem Tisch mit dem Technik-Allerlei sollen künftig jeweils zwei Schüler Grundlegendes darüber lernen, wie ein Roboter, der in der industriellen Fertigung eingesetzt wird, bedient und programmiert wird. Dieses sogenannte Grundlagenlabor ist ein Modul einer kompletten Produktionsanlage, die eine industrielle Fertigung im Kleinformat simuliert. Kostenpunkt: eine Million Euro – je zur Hälfte finanziert vom Land und vom Schulträger, also dem Landkreis.

„Mit dieser Anlage arbeiten wir künftig auf Augenhöhe mit innovativen Unternehmen“, sagt der Schulleiter Stefan Ranzinger. Mit dem Projekt der Lernfabriken, angestoßen durch das Finanz- und Wirtschaftsministerium noch unter Nils Schmid (SPD), sollen die beruflichen Schulen fit gemacht werden für die Industrie 4.0, also die ganzheitlich vernetzte und computergesteuerte Produktion.

Weltmarktführer bei Getriebeprüfständen

Die Lernfabrik-Anlage für das Berufliche Schulzentrum wurde von Teamtechnik Freiberg hergestellt. Die Firma mit knapp 500 Mitarbeitern in Freiberg am Neckar ist spezialisiert auf Automatisierungstechnologie in den Branchen Automobil, Medizin und Solarenergie. „Jeder hat etwas im Gebrauch, das auf einer Teamtechnik-Anlage produziert wurde“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Stefan Roßkopf. Als Hersteller von Getriebeprüfständen ist das familiengeführte Unternehmen nach eigenen Angaben Weltmarktführer.

„Das hier ist kein Fisher-Price, sondern es sind echte Industrieprodukte“, sagt Thomas Weiler, verantwortlich für Technologie-Standardisierung bei Teamtechnik Freiberg, über die Lernfabrik: Die Laser kommen von Trumpf, Roboter von Kuka, Steuerungselemente von Siemens. Ein spielerischen Charakter hat die Anlage dennoch: Sie stellt Spielzeug-Autos her.

Wie ein Greifarm-Automat in Spielhallen

Der Anlagenbediener gibt dem Roboter das gewünschte Auto an: Farben und Karosserieformen können variieren. Die Bodenplatte des Fahrzeugs wird dann von autarken Prozessmodulen zugeführt, mit einem Code beschriftet, gewendet und an den Kuka-Roboter übergeben, der dann die richtige Mini-Karosserie auf die Bodenplatte montiert. Ein wenig erinnert das an die Greifarm-Automaten in Spielhallen: Die Anlage ist fast komplett verglast. „Die Schüler müssen nachvollziehen können, was da läuft“, sagt Weiler. Deswegen laufe die Anlage langsamer als in der Industrie.

Die Lernfabrik des Beruflichen Schulzentrums ist auch insofern etwas Besonderes, weil sie als einzige mit Komponenten arbeitet, die so auch in der Industrie verwendet werden – fast alle anderen Schulen setzen auf den Lernmittelhersteller Festo Didactic. Auch der Schulleiter Ranzinger betont dies, ohne den Namen Festo zu nennen: Man habe eben keine „vorgefertigte Lernfabrik“ haben wollen. Das Ergebnis sei nun für Schule und Firma Neuland. Dazu wurde eigens ein Beirat gegründet, in dem Lehrer und Vertreter von Pädagogischen Hochschulen und Wirtschaft sitzen, unter anderem von Trumpf, Valeo und Dürr.

Genutzt werden soll die Lernfabrik vom kommenden Schuljahr an nicht nur von Schülern des Beruflichen Schulzentrums. Denn den Zuschlag für die Lernfabrik hat das BSZ zusammen mit der Carl-Schaefer-Schule in Ludwigsburg bekommen. Deren Schüler sollen – ähnlich wie bei geteilten Turnhallen – Zeitkontingente für die Nutzung der Lernfabrik bekommen.

Die Lernfabriken in Baden-Württemberg

Projektvolumen:
Statt wie ursprünglich geplant acht hat das Finanz- und Wirtschaftsministerium des Landes nun 15 Lernfabriken in Baden-Württemberg bewilligt und fördert sie mit 6,5 Millionen Euro. Die Ausweitung sei erfolgt wegen der hohen Zahl der Antragsteller – 28 – und der Qualität der Projekte.

Standorte
: Die Lernfabriken sind in Stuttgart, Bietigheim-Bissingen, Tettnang, Singen, Biberach, Karlsruhe, Mosbach, Wiesloch, Gaggenau, Reutlingen, Schwäbisch Hall/Crailsheim, Offenburg, Aalen, Villingen-Schwenningen und Balingen.

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