Am Montag wurde die Leonhardstraße erstmals mit dem Poller gesperrt. Darüber freuen sich Erhard Bruckmann vom Verschönerungsverein Stuttgart, Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle, Bürgermeister Martin Schairer, CDU-Stadträtin Beate Bulle-Schmid, Bernd Langner vom Schwäbischen Heimatbund sowie Wolfgang Müller vom Verschönerungsverein (von links). Foto: Leif Piechowski

Die Leonhardstraße ist seit Montag eine Fußgängerzone. Die Stadt will damit zum Schutz der Anwohner den „aggressiven Straßenstrich“ zurück­drängen und verhindern, dass Freier mit dem Auto durchs Rotlichtviertel fahren. Doch es gibt Zweifel, ob die Straßensperrung die gewünschten Effekte hat.

Stuttgart - „Es ist ein nur kleiner Pfosten – doch der wird für das Leonhardsviertel eine große Wirkung haben.“ Mit diesem Satz hat Veronika Kienzle (Grüne), Bezirksvorsteherin im Stadtbezirk Mitte, am Montag die Erwartungen der Stadtverwaltung auf den Punkt gebracht.

Der Pfosten, der am Montag erstmals zum Einsatz kommt, ist ein Poller aus Edelstahl. Er wird die Leonhardstraße zwischen der Jakob- und der Weberstraße – und damit das Herzstück des Stuttgarter Rotlichtbezirks – künftig jeden Tag von 14 Uhr am Nachmittag bis 5.30 Uhr in der Früh für den motorisierten Verkehr komplett sperren. Aufgestellt und entfernt wird der Poller per Hand von einem Schließdienst. Vormittags zwischen 5.30 und 14 Uhr ist die Fußgängerzone für den Lieferverkehr zu den diversen Gaststätten, Bars und Sex-Betrieben frei. Reguläre Parkplätze am Straßenrand gibt es überhaupt nicht mehr.

„Der Poller ist ein Versuch, den Freiersuchverkehr einzuschränken und damit den Lärm im Viertel zu reduzieren“, sagte am Montag Martin Schairer (CDU), Bürgermeister für Recht, Sicherheit und Ordnung. „Unser Ziel ist es nicht, das Nachtleben zu vertreiben“, betonte er. Doch das „Gleichgewicht“ zwischen Wohnen und Nachtleben müsse wiederhergestellt werden. Das sei im Sinne der Anwohner und der Geschäfte, die nicht mit Sex ihr Geld verdienten. „Der Poller ist ein kleiner Beitrag in diese Richtung“, sagte Schairer. Ein Jahr lang soll die Sperrung getestet werden, ehe die Stadt entscheidet, ob es bei der Fußgängerzone bleibt oder nicht. Der Versuch kostet im ersten Jahr insgesamt 6000 Euro.

„Der Poller hält keine Kundschaft ab. Er ist gut fürs Geschäft“

Kienzle ging in ihren Erwartungen noch weiter als Schairer. Sie sieht seit Jahrzehnten gewachsene Strukturen im Viertel mit einem „einvernehmlichen Miteinander von Milieu und Nicht-Milieu “ seit einigen Jahren gestört, weil die Prostitution überhandgenommen habe. Mit der Umwandlung der Leonhardstraße in eine Fußgängerzone soll der dortige Straßenstrich „zurückgedrängt“ werden, sagte Kienzle. Im zweiten Schritt wolle man die Straße durch bessere Beleuchtung, mehr Grün und einen neuen Straßenbelag aufwerten. Im dritten Schritt könnte man bürgerlichen Gaststätten die Außengastronomie gestatten, regte sie an. Bisher ist das im Viertel nicht gestattet.

„Wir begrüßen es, dass die Stadt sich darum bemüht, das Leonhardsviertel aufzuwerten“, sagte am Montag Polizeisprecher Olef Petersen. Ob der Poller die erhoffte Wirkung habe, werde man in einem Jahr wissen, wenn der Versuch ausgewertet wird. An der Basis ist man bei der Polizei deutlich skeptischer. „Der Poller ist Augenwischerei, das bringt nichts", sagen Beamte, die die Verhältnisse im Viertel gut kennen. Schließlich verirrt sich in das kurze Straßenstück, das zudem eine Sackgasse ist, schon jetzt nur sehr selten ein Freier mit seinem Auto.

„Wir begrüßen die Sperrung. Die Kunden können jetzt ungestört auf der Straße auf- und abflanieren, und unsere Geschäfte können sich besser in Szene setzen“, meint der Chef eines Sex-Betriebs. Für die Zukunft erwartet er: „Der Poller hält keine Kundschaft ab. Er ist gut fürs Geschäft.“

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