„Projection“ von Tim Eitel Foto: Uwe Walter/Galerie Eigen+Art/VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Einen seiner ersten Ausstellungsauftritte hatte der Maler Tim Eitel in der Stuttgarter Galerie Rainer Wehr. Von da aus ging es bald nach Berlin und 2010 dann nach Paris. Dort kann Eitel seine Werke aktuell in der Deutschen Residenz im Palais Beauharnais präsentieren.

Einen seiner ersten Ausstellungsauftritte hatte der Maler Tim Eitel in der Stuttgarter Galerie Rainer Wehr. Von da aus ging es bald nach Berlin und 2010 dann nach Paris. Dort kann Eitel seine Werke aktuell in der Deutschen Residenz im Palais Beauharnais präsentieren.

Paris – Vom Musée d’Orsay, dem Heiligen Gral der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts, führt die Rue de Lille zum Boulevard Saint-Germain. Der kundige Flaneur wird wissen, dass sich hinter den hohen Mauern und dem zumeist geschlossenen Tor der No. 78 das ­Palais Beauharnais verbirgt – das am besten erhaltene Gebäude aus der Zeit des Empire, der Epoche des Kaisers Napoleon Bonaparte, seit ungefähr zwei Jahrhunderten zuerst in preußischer, dann in deutscher Hand.

Das mit einem ägyptisierenden Portikus geschmückte Palais, in dem die Kronleuchter auf überbordendes Dekor, Gemälde, Wandteppiche und kostbares Interieur strahlen, ist die wohl schönste Residenz aller deutschen Botschaften. Paris eben, gefühlt immer noch die Hauptstadt von Kunst und Welt.

In den Räumen der Berliner Galerie Eigen + Art resümiert der Maler Tim Eitel, er habe sich der Präsentation seiner Arbeiten im ­Palais Beauharnais eher locker gestellt. In dessen erster Etage trifft ab und an deutsche Gegenwartskunst auf glorreiche Vergangenheit. Bis Ende Juni sind dies vier großformatige Ölbilder des 1971 in Leonberg geborenen Eitel. Gemalt zwischen 2006, noch in New York, und 2013, schon in Paris. Eine noble Bilderfolge, die Eitels Weg von seinen „hellen“ Arbeiten in die nuancenreiche, mit „Dunkel“ unzureichend charakterisierte Farbgebung exemplarisch demonstriert. Die aktuellste Fortsetzung dieses Weges, der bis ins Jahr 2014 hineinreicht, zeigt ­Eitels Galerie Eigen + Art unter dem poetischen Titel „Nebel und Sonne“. Große Wandbilder ebenso wie Kabinett-Stücke, Öl auf Leinwand, aber auch Grafisches.

Schwarz ist mehr

Drei Galerie-Ebenen laden in Berlin zum Flanieren ein – vorbei an unauflösbaren ­Rätseln. Zum Beispiel das Diptychon „Soleil noir“. Ob dessen Sonne bereits eiskalt erstarrt ist oder ob sie erst noch zum Feuerball erglühen muss? Oder könnte es auch sein, dass sie schwarz über einer uns unnahbaren Welt strahlt?

Schwarz ist nicht überall Trauerfarbe. In Japan nicht, wo sich Tim Eitel die Inspiration für „Stone“ holte. Ob das vom Maler fotografierte steinerne Vor-Bild nun wirklich Buddha meint oder einen buddhistischen Meister, scheint von geringer Bedeutung. „Stone“ ist eine Erscheinung. Ein Kahl­geschorener. Ein blinder Seher, könnte man meinen. Ein konturenreiches, fleischliches Gesicht. Es glänzt. Aus sich heraus oder auch beschienen von Eitels schwarzer ­Sonne. Zuerst nur vage sind die ­geöffneten Augen des Gegenübers im Zwielicht ­dieses wuchtigen Bildes zu erkennen – das doch ­gerade mal 40 Zentimeter hoch und 35 ­Zentimeter breit ist.

Tim Eitels Bilder taugen nichts für die schnelle Betrachtungsart. Auch professionelle Fotografen haben ihre Mühe, sie wiederzugeben. Für das Original gibt es keinen Ersatz. Erfassbar werden sie im Verweilen.

Auch „Brouillard“, das in zwei Flächen aufgeteilte Nebel-Gemälde, beweist dies. Tim Eitel fragt, ob die Figur auf der linken Seite mir entgegenkomme oder sich entferne? Verschwindet sie im Nebel? Die Figuration des Malers gibt die Lösung nicht preis. Eine wunderbare optische Irreführung ­wider die angeblichen Gewissheiten in Kunst und Leben.

Die etwas kleinere rechte Hälfte von „Brouillard“ ist eine hermetisch zugemalte schwarze Fläche. Sie lässt an Barnett Newmans Farbfeldmalerei denken, die Eitel vielleicht erstmals in der Staatsgalerie Stuttgart sah. Das undurchdringliche Schwarz verweist darauf, dass der Figurenmaler auch mit Farbfeldern operiert, mit denen seine Protagonisten nicht selten verschmelzen. Wie in den grandiosen beiden Varianten des Frauen-Bildes „Chevelure“ – die Frau, verschleiert mit ihrem eigenen Haar, geradezu eins werdend mit der tiefdunklen Leinwand.

Das andere Paris

Als ich Tim Eitel im Oktober 2010 in seinem Atelier in St. Denis, in der Bronx von Paris, besuche, thematisiert er, was er sprichwörtlich auf der Straße liegen sieht: Menschen, deren einziges Zuhause ein Pappkarton ist, den Müll, die alsbald aus Frankreich ausgewiesenen Sinti und Roma. Harte Themen des unmittelbaren Erlebens, künstlerisch verfremdet. Diese Bilder ­politisch zu deuten liegt nahe, denn sie ­zeigen die Phänomene gesellschaftlicher Entwicklung. Politische Analysen wollten und konnten sie keine sein.

Ein Prozess der Verallgemeinerung habe eingesetzt, sagt Eitel. Ein Prozess der „gedanklichen Abstraktion“ – begünstigt durch den Atelierwechsel auf den Montmartre. Hier seien die Themen auch andere geworden als in St. Denis. Denn alles, was er – wo auch immer –künstlerisch umsetze, basiere stets auf dem, was er sehe, erlebe.

Paris, wo er nun schon seit 2011 aus sehr privaten Gründen lebt, habe ihn gut aufgenommen. Wie gut, das wird sich zeigen, wenn er 2015 in der Galerie Jousse Entreprise seine erste öffentliche Einzelausstellung hat.

Tim Eitels aktuelle Bilder sind in ein eigenartiges Zwielicht getaucht, in ein diffuses Licht, an das sich die Augen erst gewöhnen müssen. Die Sammler vermutlich auch. Seine Kunst ist irritierender geworden, so irritierend und doch so einleuchtend wie der Titel seiner Berliner Ausstellung: „Nebel und Sonne“.

Bei aller Coolness, betont der Maler, habe er sich mit Respekt dem Palais Beauharnais genähert, denn man wisse ja nie, was einem dort passiere. Ihm keine Katastrophe: Ein Bild aber hat er wieder aus der Ausstellung herausgenommen. Es wollte sich nicht einfügen in diesen Ort des traditionsreichen französisch-deutschen Kulturaustausches. Bei einem solchen war 1931 der in der Stuttgarter Staatsgalerie mit wichtigen Werken vertretene Max Beckmann zu Gast. Dabei holte sich der große Dramatiker der bildenden Kunst die Anregung für sein Bild „Gesellschaft in Paris“.

Doch so ungezwungen ging es nicht immer in der Rue de Lille zu. Sieben Jahre nach Beckmanns Besuch erschoss im „deutschen Palais“ der 17-jährige Herschel Grynszpan den Botschaftsangestellten Ernst von Rath, um so ein Zeichen gegen die Judenverfolgung in Hitler-Deutschland zu setzen – im November 1938. Da hatte Max Beckmann, von den Nationalsozialisten als „entarteter Künstler“ diffamiert, Deutschland bereits verlassen.

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