Ein altes Handwerk kehrt zurück, doch anders als erwartet. Nach jahrzehntelangem Stillstand dreht sich das Rad der Eltinger Lahrensmühle wieder – dank enormer Anstrengungen.
Sie ist die erste Perle in einer Kette von 19 geschichtsträchtigen Mühlen, die sich noch entlang der gut 40 Kilometer der Glems von Leonberg bis nach Unterriexingen reihen – die Lahrensmühle. Über Jahrhunderte haben die Glems-Müller die Wasserkraft des rund 200 Meter hohen Gefälles des Flusses von der Quelle bis zur Mündung in die Enz genutzt, um vorwiegend das Getreide des Strohgäus zu Mehl zu malen, oder Holz zu sägen. Einst waren sieben Mühlen zwischen Eltingen und Höfingen angesiedelt, von denen heute noch vier stehen.
Das erste historische Kleinod in dieser Kette ist die Eltinger Lahrensmühle. Sie ist das Ziel einer Stadtführung der besonderen Art gewesen mit der ehemaligen ASG-Geschichtslehrerin Gudrun Sach und dem Eltinger Zimmermeister Jürgen Ziegler, dem Restaurator des alten Mühlrades. „Nein, die Mühle gehört nicht mir, sondern ich der Mühle“, sagt Thomas Lautenschlager, als Gudrun Sach den Inhaber vorstellt. Das kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, wenn man auf die Begeisterung und das Herzblut blickt, mit denen er sich in den letzten 30 Jahren dem Erhalt und der Sanierung seines großelterlichen Anwesens verschrieben hat.
Eine erste, unidentifizierte Mühle auf Eltinger Gemarkung wird um 1100 erwähnt. Erstmals wird die Mühle an der Glems 1350 im Lagerbuch des Amtes Leonberg erwähnt, in dem die Abgaben an den Landesherrn verzeichnet waren. Denn die Mühlen gehörten dem Grundherrn, damals dem Grafen Eberhard II. von Württemberg, wegen seines cholerischen Wesens auch der „Greiner“ genannt.
Die erwähnte Mühle lag am „Alten Kirchhof“ – Kirchhof stand damals für Friedhof. Das lässt Historikerin Gudrun Sach vermuten, dass es ein alemannisches Gräberfeld in Richtung Ezach gewesen sein könnte, lange bevor die Kirche dort gebaut wurde.
Woher kommt der Name der Mühle?
Im Jahr 1523 taucht zum ersten Mal der Namensgeber der Mühle auf. Der Müller Laurins Hans wird in den herrschaftlichen Akten geführt, weil er zwei Mal keine Abgaben gezahlt hat. Ob er wohl damit gegen den berüchtigten Bauernschlächter Georg III. Truchseß von Waldburg, genannt „Bauernjörg“, protestieren wollte? Der hat 1514 maßgeblich zu der blutigen Niederschlagung des Bauernaufstandes „Armer Konrad“ beigetragen. Auch während des Bauernkrieges 1524 ging der Truchseß gnadenlos vor. Mehr als 20 000 Menschen fielen seinen Soldaten zum Opfer.
Auf jeden Fall musste Laurin die Mühle abtreten und sie wurde an einen Bernhard Miller verliehen, der als Unterpfand Wiesen am Schopflochberg aufbringen musste. Der Name wechselte in „Neue Mühle“, weil der Herzog 1571 eine neue, mit drei Mahlgängen errichtete. Das deutet darauf hin, dass ein modernes Mühlengetriebe als Kraftübertragung eingebaut wurde, sodass nunmehr für alle Mahlgänge ein einziges Mühlrad genügte. Dann wurde sie zur Oswald Mühle oder Pfarrherrnmühle (der jüngere Oswald war Pastor). Fast 200 Jahre lang, von 1704 bis 1907, mit der Übernahme der Mühle durch Veit Wankmüller, wurde sie zur Veitenmühle.
Es bahnte sich eine Zeit an, in der die Obrigkeit immer mehr in Mühlenalltag eingreift. So wird die Tiefe des Mühlbachs geregelt und dessen Reinigung. Mit dem Mühlenbann wurden Bezirke festgelegt, welcher Bauer, wo sein Getreide malen musste. Es geht um die Reinlichkeit in den Mühlen und die Tricks der Müller, heimlich Mehl beiseite zu schaffen. Aber es ging auch darum, dass 15 Kreuzer Strafe bezahlt werden mussten, wenn der Müller mit dem Esel in die Mühle fährt, denn der frisst das Mehl oder das Korn der Kunden weg.
Ein betrunkener Müller muss vor Gericht
Aus alten Gerichtsakten von 1782 geht hervor, dass der Müller Johann Georg Wankmüller, wenn er betrunken war, ziemlich in Rage geraten konnte. Bei einem Streit mit einem Warmbronner Bürgerssohn muss es ziemlich heftig zugegangen sein. Er könne sich erinnern, ihn beschimpft und heftig geflucht zu haben, gab der Müller vor Gericht zu. Nicht erinnern könne er sich aber, die Mitglieder des Eltinger Magistrats allesamt als Spitzbuben tituliert zu haben. Trotzdem musste er als Strafe vier Gulden und 15 Kreuzer an die Armenkasse abdrücken.
Nicht weniger streitlustig und wehrhaft war auch die seine Ehefrau Magdalena, hat Gudrun Sach herausgefunden. Sie zog vor Gericht, weil ihr Mann ohne ihr Wissen einen Acker an den Schweizermüller verkauft hatte. Diese Mühle stand, wo heute Aldi ist. Daraufhin verbünden sich die beiden Männer und der Schweizermüller wird im Eltinger Rathaus ausfällig. Hätte er ein Weib, das ihm so begegne, wie sie ihrem Ehemann, so schlüge und trete er sie alle Tage beim Blitz!, räsonierte er über die Wankmüllerin. Das brachte ihm eine Strafe von 21 Kreuzern und drei Heller ein, zahlbar in die Armenkasse.
Plötzlich gab es Maschinen und Elektrizität
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert bringt große Umwälzungen in das Handwerk der Müller. Nach der Revolution von 1848 büßen die Fürsten viele Rechte ein, auch das auf die Mühlen. Gegen eine Ablösung in Geld konnten die Müller sie erwerben. Gravierend war die industrielle Revolution, die Maschinen, Dampfkraft und Elektrizität brachte. Viele sind in ihrer Existenz bedroht und es wird immer schwieriger für die nicht industriellen Mühlen. 1906 übernimmt Albert Kühnle von David Wankmüller die Mühle. Doch nach wenigen Monaten schmeißt er, im wahrsten Sinne des Wortes alles hin und lässt mit der Mühle auch Frau und Kind im Stich und geht nach Amerika.
Emil Lautenschlager aus Flacht ersteigert 1908 die Mühle. 1924 schafft er einen Elektromotor an, denn es mangelt häufig an Wasser, weil die Stadt für ihre Wasserversorgung die Glems anzapft. 1953 stirbt Emil Lautenschlager an der typischen Berufskrankheit der Müller: der Staublunge. Mit dem Mühlenstilllegungsgesetz von 1957 setzt sich bei seiner Witwe Emilie die Erkenntnis durch, dass der Mahlbetrieb nicht wirtschaftlich fortgeführt werden kann.
Das Mehl kommt im VW-Bus angeliefert
Die neu angeschafften Maschinen werden verkauft, mit den alten wurde Tierfutter hergestellt. Mit Mehl wurde weiter gehandelt. Die Müllertöchter Irmgard und Lina, die Mutter von Thomas Lautenschlager, haben noch lange die Ware mit Pferden und ab 1967 mit einem VW-Bus verkauft. Die Mühle selbst fällt in einen mehr als 40 Jahre währenden Schlaf, die charakteristische Anlage mit Mühlkanal und Wasserfall verschwinden endgültig.
Dann hat das alte Gehöft Thomas Lautenschlager in seinen Bann gezogen. 1998 ließ er die Mühle sanieren, 2001 die Scheune und 2004 die Nebengebäude. Bei der Gelegenheit wurden unter Tonnen von Schutt die Metallwelle und die historischen Lauflager gefunden. Immer mit an Bord waren die Fachleute der Eltinger Zimmerei Ziegler.
Ihnen ist es zu verdanken, dass sich seit 2013 wieder ein Mühlrad dreht, allerdings nur zu Schauzwecken. „Es war für uns völliges Neuland,“ erläutert Zimmermeister Jürgen Ziegler den Teilnehmenden der Führung. Nachdem zahlreiche Privatspenden den Kauf des notwendigen sibirischen Lärchenholzes ermöglicht hatten, haben sich Jürgen Ziegler und sein Vater Willi an die Arbeit gemacht und in mehr als 400 unentgeltlichen Arbeitsstunden das rund zwei Tonnen schwere Mühlrad mit einem Durchmesser von etwa 3,5 Metern angefertigt.
Das Rad, das mit gespeichertem Wasser angetrieben werden kann, bringt die Maschinen wieder zum Laufen, allerdings nur noch zu besonderen Anlässen, wie etwa während einer technischen oder geschichtlichen Führung. Die Mühle selbst ist häufig Bühne für Kleinkunst und kann in der Regel anlässlich des Tages des offenen Denkmals im Herbst wieder besichtigt werden.