Die zwei noch verbliebenen Kinderärzte in Leonberg haben jede Menge zu tun. Foto: dpa

Eine dritte Kindermedizinerin ist seit Oktober im Ruhestand. Bislang sucht sie erfolglos nach einem Nachfolger. Eltern machen sich derweil Gedanken um lange Wartezeiten und fehlende Praxen für ihre Sprösslinge.

Leonberg - „Es gibt in Leonberg zwei Tierarztpraxen, aber nur noch eine Kinderarztpraxis“, kritisiert eine Leonberger Mutter. Mit ihren beiden Sprösslingen ging sie bisher zu Sabine Vilmar. Doch die Medizinerin ist seit Oktober im Ruhestand, die Praxis geschlossen. Damit gibt es in Leonberg nur noch die Gemeinschaftspraxis der Kinderärzte Mechthild Dahlhausen und Thomas Fischer. Die Leonberger Mutter, die ihren Namen nicht nennen möchte, ist besorgt. „Es ist wichtig, dass es eine Grundversorgung zu normalen Sprechzeiten gibt“, sagt sie. Zwei Kinderärzte für eine Stadt wie Leonberg, in der sich in den vergangenen Jahren besonders viele junge Paare mit Kindern oder Kinderwunsch niedergelassen haben, findet sie viel zu wenig.

Auch andere Eltern machen sich Gedanken. „Die Situation ist nicht in Ordnung. Schon jetzt müssen wir drei bis vier Monate auf normale Untersuchungstermine warten, weil so viele dringende Fälle drankommen müssen“, berichtet Cristiana Bradatsch, die mit ihren drei Kindern Doktor Dahlhausen konsultiert. Ist kein Arzt da, sind weite Wege programmiert, der Kindernotdienst ist zudem in Böblingen am Krankenhaus. Cristiana Bradatsch erinnert sich noch an die Zeit, als es in Leonberg vier Praxen mit fünf Medizinern gab. Gerade mal sechs Jahre ist das her. Dann schloss sich ein Leonberger Arzt mit Kollegen in Böblingen zusammen und wechselte dorthin.

Nun hat auch Sabine Vilmar ihre Laufbahn beendet. „Ich suche einen Nachfolger. Aber bisher habe ich noch niemanden gefunden“, erzählt sie. Dabei lief ihre Praxis gut. „Es war mehr als genug zu tun.“ Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg hat die Vertragsarztposition ausgeschrieben. „Noch bis Ostern gibt es die Möglichkeit, einen Nachfolger zu finden“, sagt Pressesprecherin Renate Matenaer (siehe Interview). Klappt das nicht, fällt die Vertragsarztstelle komplett weg, da es im Kreis Böblingen insgesamt zu viele Kinderärzte gibt. Dabei spiele es keine Rolle, wo diese praktizieren. Der Großteil hat sich in Böblingen und Sindelfingen niedergelassen, wo auch der kinderärztliche Notfalldienst am Krankenhaus angesiedelt ist. In Böblingen sind es sieben, in Sindelfingen vier. Gut versorgt ist auch noch Weil der Stadt mit vier Kinderärzten. Dazu kommt einer in Renningen. Nahe gelegen sind noch ein Mediziner in Ditzingen und zwei in Gerlingen. Die zwei verbleibenden Kinderärzte in Leonberg versorgen damit allein in der Großen Kreisstadt 7322 Kinder unter 18 Jahren. Zählt man nur die Kinder unter 13 Jahren, weil ältere Jugendliche eher den Hausarzt aufsuchen, sind es immerhin noch 5531 Kinder.

Sabine Vilmars Patienten sind nun größtenteils zu ihren Kollegen Dahlhausen und Fischer gewechselt. „Wir haben jetzt noch mehr als vorher zu tun. Wir können die kranken Kinder ja nicht wegschicken“, sagt Mechthild Dahlhausen. Allerdings werden Familien, in denen alle Kinder älter als sechs Jahre sind, gebeten, zum Hausarzt zu gehen. „Wir müssen erst einmal sehen, wie viele von Frau Vilmars Patienten noch zu uns kommen.“ Die Ärztin hat Verständnis für die Sorgen der Eltern angesichts der ungleichen Verteilung der Praxen. Sie sieht aber ein anderes grundsätzliches Problem als Ursache. „Es machen fast nur noch Frauen die Facharztausbildung Kindermedizin. Sind sie damit fertig, sind sie Anfang bis Mitte 30 und fangen erst einmal mit Familienplanung an“, sagt Dahlhausen. Eine Praxis wolle dann niemand übernehmen. „Es ist finanziell ein frustrierendes Geschäft. Wir bekommen pro Kind einen Festbetrag pro Quartal, egal wie häufig es zur Behandlung kommt.“

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