Diebe: Sie wollen eine Münze wechseln, bedienen sich dann aber an den Scheinen. Foto: dpa

Mit dem Geldwechseltrick zocken Diebe Senioren ab. Der Leonberger Polizeidienstleiter Steffen Grabenstein erklärt, wie sie vorgehen.

Leonberg - Sie wollen nur schnell etwas Kleingeld wechseln. Doch den angesprochenen Senioren ziehen sie dann buchstäblich das Geld aus der Tasche. Seit etwa zwei Wochen sind Betrüger verstärkt mit diesem Trick in Leonberg und Umgebung unterwegs. Bevor man merkt, was passiert, ist es schon zu spät, sagt Steffen Grabenstein. Der Leiter des Bezirksdienstes der Polizei ist für Leonberg zuständig und kennt die Maschen der Trickdiebe.

Immer wieder meldete die Polizei in den vergangenen zwei Wochen Fälle, in denen vor allem Senioren auf den Geldwechseltrick reingefallen sind. Wie viele Fälle sind es?
Seit Jahresbeginn wurden 64 Trickdiebstähle in den Kreisen Ludwigsburg und Böblingen gemeldet. In Leonberg waren es in den vergangenen zwei Wochen allein fünf, in einem weiteren Fall blieb es beim Versuch. Zwei Fälle passierten erst am Mittwoch in der Stadt (siehe unten). Bei einem anderen Trickbetrug wurden einem Senior gleich 1000 Euro abgenommen. Mindestens ein Mal wurde mit der gleichen Masche in Renningen vorgegangen. Weitere Fälle gab es in Korntal, Ludwigsburg, aber auch Böblingen. Die Dunkelziffer, also die Zahl der Taten, die erst gar nicht angezeigt werden, dürfte weitaus höher liegen.
Sind das immer die selben Täter?
Das lässt sich nicht genau sagen. Da können gleichzeitig mehrere Gruppen am Werk sein. Grundsätzlich sind es nie Einzeltäter. Sie sind immer in Gruppen von zwei bis sechs Leuten organisiert. Die Täter sind hoch mobil, oft wartet einer mit einem Auto in der Nähe. Dann ziehen sie von Tatort zu Tatort. Denn je länger sie an einem Ort bleiben, desto mehr steigt das Entdeckungsrisiko. Bei den gestrigen Fällen gehen wir von den gleichen Tätern aus, da die Personenbeschreibungen ähnlich waren.
Warum ist es so schwierig, diese Gruppen zu finden und zu fassen?
Es dauert oft sehr lange, bis die Opfer die Polizei verständigen. In dem einen Fall gestern dauerte es eine Stunde, bis das Opfer bei der Polizei vorgefahren ist. Solch ein zeitlicher Abstand macht es uns fast unmöglich, die Täter noch zu finden. Ein Problem ist tatsächlich, dass viele Senioren kein Handy haben. Außerdem können die Opfer die Täter meist nur vage beschreiben, höchstens noch die Kleidung. Wenn man die Täter aber nicht innerhalb von einer Stunde antrifft, dann haben sie sich oft schon umgezogen und dadurch nicht mehr erkennbar.
Was sollten die Opfer stattdessen tun?
Uns sofort vom Tatort aus anrufen. Am besten zurück in den Laden gehen oder jemanden bitten, der ein Handy hat. Nur so haben wir die Möglichkeit, sofort unsere Beamten rauszuschicken.
Das sind ja hauptsächlich Senioren. Diese werden gezielt ausgewählt, richtig?
Ganz klar. Die Täter wollen die Opfer kontrollieren. Die ältere Zielgruppe ist am ehesten hilfsbereit. Außerdem ist sie auch körperlich und geistig nicht mehr so flexibel. Den älteren Menschen fällt oft erst sehr viel später auf, dass sie betrogen wurden.
Wir haben immer wieder über diese Trickbetrügereien berichtet. Dennoch passieren sie aufs Neue.
Man muss davon ausgehen, dass da absolute Profis am Werk sind. Das sind Menschen, die mit Diebstahl und Betrug ihren Lebensunterhalt verdienen. Die sind schon fast psychologisch geschult. Sie merken genau, wie sie vorgehen müssen. Ob forsch oder auf die Mitleidstour. Die Täter sind Leute wie du und ich. Sie sind gut gekleidet, treten seriös auf, fragen höflich nach Wechselgeld. Warum sollte ich so jemandem nicht Geld wechseln?
Das heißt, die Menschen sind gegen diese Betrüger chancenlos?
Gerade die bei Älteren sehr ausgeprägte, anerzogene Höflichkeit soll ausgenutzt werden. Die Menschen müssen stattdessen aber ein gesundes Misstrauen mitbringen. Keiner hat in meinen Geldbeutel reinzugreifen oder auch nur reinzugucken, wenn nur Geld gewechselt werden soll. Man kann ganz einfach sagen, dass man kein Kleingeld zum Wechseln hat.
Wie können sich Senioren noch vor skrupellosen Betrügern schützen?
Es gibt Selbstbehauptungstrainings für Ältere, ähnlich wie etwa für junge Frauen. In Leonberg haben wir Präventionsbeamte, die nicht nur in Schulen gehen, sondern auch in Pflegeheime. Dort weisen wir auf solche Fälle hin. Die Menschen müssen das immer wieder hören, um es sich im Ernstfall vergegenwärtigen zu können.

Zwei neue Fälle

Vermutlich ein und demselben Trickdieb sind am Mittwoch zwei Senioren an einer Bushaltestelle in der Göppinger Straße in Leonberg zum Opfer gefallen. Der Mann gab gegen 10 Uhr vor, telefonieren zu müssen. Er bat zunächst einen 78 Jahre alten Mann und dann eine 77 Jahre alte Frau darum, ein Zwei-Euro-Stück zu wechseln. Bei der Suche nach Kleingeld kam der Täter den beiden Senioren auffällig nahe. Dem Mann stahl er 50 Euro, der Frau 150 Euro. Danach ging er zu einem grauen Auto.

Der Täter:
Er wird als 40 bis 45 Jahre alt und 1,75 bis 1,80 Meter groß beschrieben. Er hatte grau-melierte schwarze Haare und eine kräftige Statur. Er war gut gekleidet und sprach Deutsch mit ausländischem Akzent. Hinweise an die Leonberger Polizei unter der Nummer 0 71 52 / 60 50.

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