Leonberg Vom Puppendoktor zum Ernstfall

Von Hans Jörg Ernst 

Der lebensrettende Einsatz am Dummie  wird gefilmt – und später in der Gruppe offen diskutiert. Foto: factum/Weise
Der lebensrettende Einsatz am Dummie wird gefilmt – und später in der Gruppe offen diskutiert. Foto: factum/Weise

Bei Simulationstrainings mit High-Tech-Puppen können sich Notärzte und Helfer der DRF-Luftrettung gegenseitig über die Schulter schauen. So klappt die Arbeit im Einsatz mit dem Hubschrauber „Christoph 41“ später reibungslos.

Müssen Sie spucken, Herr Müller?“, fragt die Notärztin Simone Marquardt. Der Patient ist blass und hat kalten Schweiß auf der Stirn. Das Ärzteteam beginnt im Rettungswagen damit, den Patienten zu beatmen und legt eine Infusion an. Verdacht auf Herzinfarkt.

Was sich am Wochenende im Patientengarten des Leonberger Krankenhauses abspielt, ist eine lebensnahe Simulationsübung der DRF-Luftrettung. Jetzt zählt jede Minute und jedes noch so kleine Detail ist wichtig. Die Seitentür geht auf und die Crew des Rettungshubschrauber „Christoph 41“ übernimmt den Patienten. „Ich möchte gerne, dass wir jetzt die Schrittmacherelektroden anbringen und den Herzschrittmacher aktivieren, während ich ihm noch ein paar Fragen stelle“, instruiert der Helikopter-Notarzt Matthias Plattner. „Haben Sie Schmerzen?“, fragt Plattner. „Ja, das zuckt so“, antwortet der Mann, der gar kein Mensch ist, sondern eine lebensgroße Puppe, vollgestopft mit Technik.

„Das ist die allerhäufigste Situation, dass wir einen Patienten übernehmen“, erklärt Matthias Plattner das Szenario. Er ist der leitende Notarzt der Station in Leonberg, die seit fast 28 Jahren von der DRF- Luftrettung hinter dem Klinikgebäude betrieben wird. In Baden-Württemberg sind neben „Christoph 41“ sechs weitere Rettungshubschrauber stationiert, insgesamt betreibt die DRF-Luftrettung in Deutschland und Österreich 30 Stationen.

Die Notärzte und Rettungsassistenten, die mit „Christoph 41“ fliegen, sind allesamt erfahrene Profis. 102 Mal startete der rot-weiße Hubschrauber allein im September zu lebensrettenden Einsätzen. Täglich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang ist er mit seiner dreiköpfigen Besatzung einsatzbereit und fliegt in die Kreise Böblingen, Stuttgart, Rems-Murr, Schwäbisch-Hall, Heilbronn, Göppingen, Ludwigsburg, in den Enzkreis, nach Calw, Tübingen, Reutlingen und Esslingen.

„Ziel des Trainings mit Patientensimulatoren ist es, die medizinische Besatzung optimal auf ihre Einsätze vorzubereiten und die Zusammenarbeit im Team zu verbessern“, erklärt Gerson Conrad. Der Notarzt ist verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung bei der Deutschen Rettungsflugwacht. „Simulatortrainings für Notärzte und Rettungsassistenten führen wir seit zehn Jahren an allen Stationen durch“, betont er. Trainiert wird eineinhalb Tage lang. Dabei gibt es unterschiedliche Szenarien, darunter ist das Ein- und Ausladen von Patienten in den Hubschrauber oder die Übernahme eines Patienten aus der Intensivstation. Als Simulationspuppen stehen Männer und Frauen, ein siebenjähriger Junge und auch ein sechs Monate alter Säugling zur Verfügung. Die Notärzte und Rettungsassistenten aus Leonberg haben für das Training die Übernahme eines erstversorgten Erwachsenen aus dem Rettungswagen ausgewählt.

Markus Rall leitet das Training im Auftrag der DRF. „Die High-Tech-Puppe kann man komplett mit klinischen Symptomen ansteuern, beatmen, intubieren, abhorchen und sogar sprechen lassen“, erklärt Rall. Hierzu sind im Rettungswagen Kameras installiert, die Bild und Ton direkt zu den Kollegen in den Schulungsraum und ans Kommandopult der Instruktoren übertragen. Von dort wird die Puppe über ­W-Lan gesteuert. Gerson Conrad beantwortet die Fragen, die die Notärzte und die Sanitäter dem Kunststoffpatienten stellen. „Selbst diese Profis vergessen nach zwei Minuten, dass sie sich hier in einer Simulation befinden, mit einer komischen Plastikpuppe“, sagt Conrad. Als die Gruppe später noch einmal die Videoaufnahme in der Gruppe anschaut, wird diskutiert. Selbst „alte Hasen“ wie Thomas Offenhäußer, der seit 1987 auf dem Hubschrauber als Rettungsassistent mitfliegt, lernen noch dazu: „Hier hat man die Gelegenheit, sich selbst im Einsatz zu sehen und wie man dabei mit dem Team zusammenarbeitet“, sagt er. Habe ich alles richtig gemacht, alles abgefragt? „Man entdeckt dabei eigentlich immer etwas, was man noch besser machen kann.“

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