Filme machen statt schauen: Schüler produzieren ihren eigenen Film. Foto: factum/Granville

Die Kinder im Gebersheimer Schülercafé „Vollnormal“ schaffen in ihrem eigenen Trickfilmstudio mit der Stop-Motion-Technik kleine Filme. Mit einfachen Mitteln und viel Detailarbeit bringen sie ihre kreativen Ideen auf den Bildschirm.

Leonberg - Der weiße Holzkasten steht auf einem hüfthohen Tisch an der Wand des Raums. Er ist nur an der Seite offen, die sich der Raummitte zuwendet. Der Boden ist mit grünem Stoff ausgelegt, der Hintergrund ist bunt. Eine grelle Leuchte belichtet die schätzungsweise ein Meter breite, würfelförmige Box. Eine Metallstange ragt von der Unterkante der offenen Kastenseite weg, an deren Ende eine Digitalkamera befestigt ist, die das Geschehen in der Box dokumentiert. Auf dem Tisch liegen rundherum verteilt verschiedenste Figuren. Alle sind aus Knete gemacht. Während eins der selbst geformten Wesen den Betrachter lieb anlächelt, bleckt das nächste gefährlich seine Zähne.

Die Figuren sind die Protagonisten. Helden und Bösewichte, Gewinner und Verlierer. Die Box ist ihr Filmstudio. Dort werden sie bewegt von den Regisseuren, den Trickfilmmachern. Finn, einer der Macher, erzählt vom derzeitigen Streifen „Abenteuer im Murmelland“. „Bei dem Film, den wir gerade gemacht haben, wandert eine graue Murmel durch unterschiedliche Welten und versucht, Farben zu bekommen“, erzählt der Schüler vom Johannes-Kepler-Gymnasium. Er geht gerade in die sechste Klasse und ist damit einer der ältesten der Gruppe um das „Trickfilmstudio Gebersheim“ im Schülercafé „Vollnormal“.

Hier treffen sich montags und mittwochs am Nachmittag immer zehn bis fünfzehn Schüler, von denen einige versuchen, mit einfach Mitteln ein Video zu kreieren. Das Medienprojekt wird vom Jugendhaus Leonberg angeboten und durch den Pädagogen Jan Lippmann sowie den Praktikanten Florian Otten betreut. Es existiert bereits seit fünf Jahren. Diesmal ist das Motto „Fantasy“.

Das System ist auf den ersten Blick recht simpel. Die Kinder denken sich eine Geschichte aus, kneten Figuren und stellen sie in die kleine Box. Anschließend werden die Knetmassen immer ein kleines Stück bewegt und die jungen Trickfilmmacher schießen ein Foto mit der fest installierten Digitalkamera. Danach reiht Lippmann die Bilder aneinander, sodass ein Film entsteht. Das ist die sogenannte Stop-Motion-Technik. Nur müssen die Kinder für ein paar Minuten Film weit mehr als tausend Fotos schießen. „Diesmal ist es noch aufwendiger, weil die Schüler den Figuren zum ersten Mal eine Stimme geben“, erklärt der Betreuer. Das alles koste viel Zeit.

Noch während er redet, kommt die siebenjährige Alina angestürmt. „Ich hab auch geholfen, ich hab auch Figuren bewegt und fotografiert“, kommt es aus der Zweitklässlerin hervorgeschossen. Kein Zweifel, bei dem Gemeinschaftsprojekt liefert jeder seinen Beitrag. Tim zeigt die selbst gemalten Kulissenbilder für die verschiedenen Szenen. „Für jeden Ort, an den die Murmel wandert, gibt es einen anderen Hintergrund“, erzählt der Junge. Talia präsentiert stolz auf ihrer Hand einen kleinen Drachen, der in einem Ausschnitt seine Stimme von ihr bekommen hat. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, so etwas später als Beruf auszuüben, entgegnet sie, es sei zu viel Arbeit. „Deshalb spiele ich in einer Szene auch die faule Schnecke“, kichert das Mädchen und deutet auf eine kleines Knetweichtier mit rosa Haus.

Finn arbeitet währenddessen schon an einer neuen Story. Gerade macht er die Vorhänge zu, um Nacht und Dämmerung zu simulieren. „Ich habe eigentlich alles gemacht“, sagt der junge Trickfilmmacher. Natürlich nicht den ganzen Film alleine, aber er habe bei allen Schritten geholfen. Besonderes Schmuckstück von ihm ist ein fast tellergroßer schwarzer Kopf eines Knetwesens mit grünen Haaren, finsterem Blick, zwei spitzen Zähnen und einer knallroten, herausragenden Zunge.

„Für uns ist wichtig, dass die Kinder aus der Konsumentenrolle in den Medien herauskommen“, sagt Lippmann, „jetzt sind sie einmal Produzenten.“ Gerade jetzt, wo die Kinder von dem Angebot aus TV, Internet und Smartphones überflutet werden. Der Betreuer zeigt anschließend den ersten fertigen Ausschnitt des Films auf einem Bildschirm. Die starren Knetfiguren geraten jetzt in Bewegung und schreiten zur Tat. Die graue Fantasy-Murmel mit der Stimme von Finn macht sich auf die Suche nach Farben.

Am Ende wird der Streifen, an dem das Trickfilmteam über Wochen arbeitete, etwas fünf Minuten lang sein. „Wir wollen natürlich weiterhin Trickfilme machen, aber das hängt auch von den Ideen ab,“, erläutert der Pädagoge, „es muss eben immer ein gewisses Input geben.“ Schaut man sich an, wie die Schüler schon wieder selbstständig an neuen Sequenzen arbeiten und wie ständig neue Figuren entstehen, scheint das aber kein allzu großes Problem zu sein.

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