Bei beinahe südländischem Flair flanierten zahlreiche Kunstfans am Samstagabend durch die Leonberger Altstadt. Ihr Ziel: die Lange Kunstnacht.
Einen Abend lang kehrt südländisches Flair in die Leonberger Altstadt ein. Die Menschen bummeln bei fast sommerlichen Temperaturen durch die Gassen entlang der 25 Stationen mit den Werken von 30 Künstlerinnen und Künstlern der sogenannten „Lakuna“, der 18. Langen Kunstnacht.
Die Straßencafés und die Eisdiele sind sehr gut besucht, am Imbiss des Lions Club bilden sich lange Schlangen. Vor dem Wohnwagen der Design-Studentin Sophie Döll direkt vor dem Alten Rathaus tummeln sich neugierige Zaungäste.
Auf dem Stuhl vor ihr hat ein Kunde Platz genommen. Wer das wagt, lässt sich auf ein Experiment ein. Denn Sophie zeichnet blind, das heißt, sie schaut ihr Gegenüber an, schaut aber nicht auf ihren Stift und auf den Zeichenblock, auf dem teils skurrile Porträts entstehen. „Es ist immer eine Überraschung für mich und für die Leute, was dabei herauskommt“, sagt sie. Auf jede Fall macht es allen eine Menge Spaß. In ihrem als Ausstellungsraum dienenden Wohnwagen widmet sie sich diesmal dem Thema „Glück“ und zeigt Collagen mit Lottoscheinen und Rubbellosen.
Hand Mendler ist viel unterwegs
Nur wenige Meter weiter ist auch in den Ausstellungsräumen des Malers und Bildhauers Hans Mendler ein Kommen und Gehen. Seine großformatigen abstrakten Bildschöpfungen passen nicht in jedes Wohnzimmer, aber auch seine kleinformatige Hinterglasmalerei ist attraktiv für Besucher und Kunden. Hans Mendler ist immer aktiv. „Ich male immer weiter, ich kann ja nicht anders“, sagt der Künstler.
Wenn er nicht malt oder Skulpturen erschafft, bereitet er Ausstellungen vor, in diesem Jahr sind es besonders viele. Noch bis zum 12. Mai stellt er in Weil der Stadt in der Wendelinskapelle aus. Dann wird schnell abgebaut für eine Ausstellung in Compiègne in Frankreich zur dortigen Langen Kunstnacht. „Die sind gerade in Mode“, lacht Mendler.
Ganz besonders freut er sich über seine Ausstellung in Budapest ab dem 1. August. Dort kann er auch seine großformatigen Bilder ausstellen, darunter eines im Format zwei mal drei Meter. Und ab 22. September zeigt er im Leonberger Galerieverein seine Arbeiten.
Auch neue Namen sind dabei
Vor dem Haus der Mendlers haben es sich drei Rutesheimer Freundinnen auf der Fensterbank gemütlich gemacht und legen eine kurze Rast ein nach einem ersten Rundgang durch die „Lakuna“. „Heute ist es besonders schön hier, weil das Wetter mitspielt, wir bummeln von Tür zu Tür und freuen uns, andere Leute zu treffen“, berichten sie. Im Atelier von Doris Noeske haben sie gerade kleine Kunstwerke erstanden. Und auch später in dieser Nacht sind viele Menschen in der Stadt zu sehen, die große und kleine Bilder nach Hause tragen.
Neben bekannten Künstlern der Region sind auch immer wieder neue Namen zu entdecken, wie Elke Gaertner aus Möglingen, die zum zweiten Mal ihre Bilder bei Bannasch Immobilien und dazu farblich passende Keramik-Skulpturen in der aus Japan stammenden Raku-Technik zeigt. Beim Brennen der Figuren reißt die Glasur und enthüllt eine Art Mosaik.
Ebenfalls erst zum zweiten Mal dabei ist Harry Berndt, der Acrylbilder und grafische Arbeiten im Betreuungsverein Fish in der ehemaligen Volksbank ausstellt. Berndt zeichnet mit Feder und Acryltusche sich überlappende schwarz-weiß-Linien, die sich zu einem dreidimensionalen Bild formieren.
Blick in den sogenannten „Blümel-Saal“
Erstmals ist das ehemalige Gasthaus Sonne zu einem Ausstellungsort geworden. Der Eigentümer Michael Schuster hat in einem Raum alte Fotografien des Leonberger Stadtbilds zusammengetragen. Den Raum nebenan nennt die ehemalige Kulturamtsleiterin Christina Ossowski den „Blümel-Saal“. Sie ist eigens wegen der Blümel-Bilder zur Langen Kunstnacht gekommen. Sie erinnert sich gerne an die erste Ausstellung im Galerieverein 1998, damals noch im alten Gebäude im Zwinger, eine Blümel-Ausstellung. Der Maler, Bildhauer und Dichter Walter Blümel, der ab 1948 als Meisterschüler bei Willi Baumeister studiert hat, lebte in den 80er Jahren in einem Nebengebäude der Sonne. Er hat den Eigentümern einige Bilder als Mietzahlung überlassen, weitere hat Michael Schuster später erworben.
Im „Blümel-Saal“ zeigt sich das große Spektrum von Blümels Arbeiten, das einige Besucher etwas despektierlich als Sammelsurium beschreiben. Aber die Vielfalt hat einen Grund: Eigentlich wollte Blümel abstrakt arbeiten, aber in den 50er Jahren waren diese Arbeiten kaum verkäuflich. So hat er auch Landschaften gemalt und gefälligere Bilder erschaffen.
Skulpturen und Holzreliefs der Bauernkriege
In den Hof der Sonne hat Schuster schließlich einen bekannten Künstler mit seinen Skulpturen und Holzreliefs der Bauernkriege eingeladen, Walter Hörnstein, vor allem bekannt durch den von ihm ins Leben gerufenen Höfinger Kunstmarkt.
Über die 18. Lange Kunstnacht hinaus zeigt noch bis zum 5. Mai der georgische, heute in Stuttgart lebende Künstler Shalva Gelitashvili im Leonberger Galerieverein seine surrealen Arbeiten und seine begehbare Installation aus Malereien auf Glasscheiben alter Abbruchhäuser.