Die ehemalige Flak-Kaserne 1968, rechts die Klinik, die gerade gebaut wird. Foto: Stadtarchiv

Nicht die lokalen Nazi-Größen bewirkten die Vereinigung von Leonberg und Eltingen, die 1938 vollzogen wurde. Vielmehr wurde die Entscheidung vom Oberkommando der Wehrmacht getroffen, hat der Historiker Axel Kuhn herausgefunden.

Leonberg - Zunächst ist es ruhig im Alten Rathaus in Eltingen. Doch dann macht sich bei einigen der etwa 140 Zuhörer im Saal Unmut breit. Denn so ganz möchten sie sich nicht verabschieden von der lieb gewonnenen und über 75 Jahre gepflegten Legende, wie ihr Ortsteil 1938 nach Leonberg eingemeindet wurde. Dass sich das Nazi-geprägte Leonberg das ehemals „rote“ Eltingen unbedingt einverleiben wollte.

Dass der Prozess wohl nicht so verlief, wie bisher angenommen, hatte soeben der emeritierte Geschichtsprofessor Axel Kuhn in seinem eineinhalbstündigen Vortrag anhand vieler Quellen dargelegt. Hunderte Akten hatte er über Monate in den Archiven studiert und war zu einer völlig anderen Erkenntnis gelangt. So fand der Warmbronner heraus, dass letztendlich das Oberkommando der Wehrmacht am 15. März 1938 das endgültige Okay zur Eingemeindung gegeben hatte. „In diesem Marsch durch die Instanzen zeigt sich unmissverständlich, dass Eltingen letztlich aus militärischen Gründen nach Leonberg eingegliedert wurde“, schlussfolgerte der Historiker.

Denn in der Stadt sollte nicht nur die heute noch in Teilen erhaltene Flak-Kaserne nahe dem Krankenhaus gebaut werden. Leonberg sollte zur Garnisonsstadt werden. Die Kaserne, geplante Wohnsiedlungen für Wehrmachtsangehörige sowie die versteckt liegende Verladestation der Flak-Abteilung zeigten die militärische Bedeutung Leonbergs. Soldaten sollten hier stationiert werden, um „die aus Westen kommenden, Stuttgart anfliegenden feindlichen Flugzeuge rechtzeitig abzuschießen. Es gab wohl keinen besseren Platz dafür“, meinte der Historiker. Die Kasernen seien bereits in der Aufarbeitung des Konzentrationslagers und der Zwangsarbeit betrachtet worden. Doch dass bereits ihre Planung die entscheidende Rolle bei der Eingemeindung Eltingens nach Leonberg spielte, sei bisher nicht bekannt gewesen.

Das Problem war nur, dass das Gelände, auf dem die Kaserne entstehen sollte, zu zwei Dritteln Eltinger Bürgern gehörte, zu einem Drittel Leonbergern. Durch die Zusammenlegung beider Orte sollten die Verhandlungen mit den Grundstückseigentümern beschleunigt werden. Immerhin bereiteten die Nazis zu diesem Zeitpunkt schon den Krieg vor. Deshalb sollte die „Einverleibung“, wie es in den Akten hieß, plötzlich so schnell gehen. Aus dem 1. April sei dann der 1. Oktober geworden, da zunächst am 10. April 1938 die Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an Deutschland anstand. Doch schon im Sommer wurde begonnen, die Gebäude zu planen und mit den Grundstücksbesitzern zu verhandeln, sagte Kuhn. Dass sie letztlich nie ihrer geplanten Bestimmung übergeben wurden, habe am frühen Kriegserfolg im Westen gelegen.

Zu Beginn seines gut anderthalbstündigen Vortrags ist Axel Kuhn bis ins Jahr 1924 zurückgegangen. Damals war der Zusammenschluss Leonbergs und Eltingens das erste Mal ausführlich besprochen worden. Dessen Geschichte teilte der Historiker in zwei Phasen ein: eine einigermaßen demokratische bis 1933 und eine diktatorische in der Zeit des Nationalsozialismus. In der ersten Phase war es noch auf die Meinung der Bevölkerung und die Beschlüsse der gewählten Gemeinderäte angekommen.

„Immer, wenn in Eltingen die Stelle des Ortsvorstehers frei wurde, stellte sich automatisch die Frage, ob sie überhaupt wieder neu ausgeschrieben oder Eltingen nicht besser nach Leonberg eingemeindet werden sollte“, erläuterte Axel Kuhn. So auch 1924. Zwei Monate lang wird in den Gemeinderäten debattiert, im Leonberger Tageblatt häufen sich Leserbriefe, und in Eltingen gibt es nach einer Bürgerversammlung sogar eine Volksabstimmung, in der die Bürger gegen den Zusammenschluss stimmten. Die Fronten seien damals aber nicht so klar gewesen, wie man bisher annahm. So plädierten die Sozialdemokraten in beiden Räten für eine Eingemeindung, die bürgerlich-konservativen Vertreter waren dagegen eher zögerlich. Beide Gremien hätten sich aber um eine klare Entscheidung gedrückt. Auch nach der Machtergreifung durch Hitler 1933 tat sich zunächst nicht viel. „Der wichtigste Beitrag war die Zerschlagung der kommunalen Selbstverwaltung“, erläuterte der Warmbronner. Die habe es möglich gemacht, dass der Zusammenschluss letztlich „von oben“ verordnet wurde.

Zwar sei das baden-württembergische Innenministerium damit betraut worden. Der aus Gebersheim stammende Innenminister Jonathan Schmid, der bislang als treibende Kraft betrachtet worden war, habe sich „nicht als ein strammer Anhänger der Eingemeindung“ erwiesen, was Axel Kuhn mit Quellen belegte. Lokale Befürworter des Zusammenschlusses waren bis 1937 regelmäßig mit ihrem Anliegen gescheitert oder vertröstet worden. Erst, als Hitler den Krieg vorbereitete, sei Tempo in die Sache gekommen, so der emeritierte Geschichtsprofessor.

Nach diesem schweren Thema gab es am Mittwochabend in Eltingen auch noch leichte Kost. Der 90 Jahre alte Willi Röckle unterhielt im Alten Rathaus mit Anekdoten aus dieser Zeit, die viele Zuhörer in ihre eigene Kindheit zurückversetzten.

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