Leonberg Mann für Gartenträume und Traumgärten

Von Barbara Bross-Winkler 

Der „Big Boss“ des Gartencenters  war Siegfried Kriesten. Foto: pr
Der „Big Boss“ des Gartencenters war Siegfried Kriesten. Foto: pr

„In meinem Garten wächst das Glück“, sagt unsere Mitarbeiterin Barbara Bross-Winkler und schreibt darüber regelmäßig in ihrer Kolumne.

Leonberg - Im Grunde hat meine bescheidene Feierabend-Gärtnerkarriere im Mahdental begonnen. Drei Wochen meiner Sommerferien in den 70er-Jahren habe ich im größten Garten-Center Leonbergs vor allem mit dem Umpflanzen und Vermehren von Cotoneaster verbracht. Dieses Pflänzchen, hierzulande auch als Zwergmispel bekannt, ist für mich untrennbar mit dem Mahdental verbunden, wenngleich es für mich eher zu jener Art von Grün zählt, die ein wenig „bäh“ ist, eine Art Architektentrost zweiten Ranges, zu dem wir immer dann gern greifen, wenn wir bequem etwas verdecken oder zumindest bedecken wollen.

Die Arbeit im Mahdental-Garten, diesem regionalen Epi-Zentrum paradiesischer Gartenlust und Gartenkunst, habe ich indes in allerbester Erinnerung, zumal das reizende Fräulein Ehrtmann eine liebeswürdige Ferienjob-Chefin war. Der „Big Boss“ des Gartencenters war Siegfried Kriesten – und wer den zwischen jovialem Charme und robusten Alpha-Mann-Eigenschaften oszillierenden Gartenparadies-Experten auch nur ein wenig kennt, ahnt, dass er im Mahdental-Garten noch heute mehr ist als ein zurückhaltender Elder-Statesman, auch wenn seine Tochter Birgit und sein Schwiegersohn den Betrieb 2005 übernommen haben.

Die Familie von Siegfried Kriesten war nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vertrieben worden. Gärtner zu werden war alles andere als sein Traumberuf. Der Erschaffer des Mahdental-Gartens konnte Dreck unter seinen Fingernägeln nie leiden. Vorlieben hin, der Traum vom Beruf des Hochbauarchitekten her: Danach gefragt hat damals niemand.

Nach der Lehre landete Siegfried Kriesten in Köln, wo er bei einem der damals führenden Gartenarchitekten, Gottfried Kühn, einem Schüler des Staudenpapstes Karl Foerster, anheuerte. Abends ging er noch mal zur Schule, weil er studieren wollte. Dafür wiederum brauchte er viel Geld, weswegen er in der Schweiz im Akkord Granit verlegte. Einige weitere Stationen zieren die Karriere des Ingenieurs für Landespflege, der früh wusste, dass er sich selbstständig machen wollte.

Leonberg lag verkehrstechnisch günstig – und es gab unweit des Mahdentals, in Warmbronn, einen Auffüllplatz – nicht unwichtig für einen Gartenbauer, der mit einem Tagelöhner als erstem und einzigem Helfer seinen Betrieb 1965 von Eltingen aus aufbaute. Und dann, erzählt der jung gebliebene 81-Jährige, habe er einfach „ganz viel Glück“ gehabt. Nach dem Krieg wollte die Stadt Stuttgart große Park-Projekte verwirklichen, die Karlshöhe wieder begrünen und den Stadtgarten erblühen lassen. Den Zuschlag bekam Kriesten, der sich, weil er keinerlei Bagger oder große Maschinen hatte, mit guten Ideen behelfen musste. „So konnte ich das hier schaffen“, erklärt er und zeigt von seinem Arbeitszimmer hinaus ins Gartenparadies, das er 1974 bezogen hat und in dem heute rund 60 Angestellte arbeiten. Von hier aus haben er und seine Leute in den vergangenen fast 50 Jahren zahllose Privatgärten in ganz Deutschland in grüne Kleinode verwandelt.

Nach wie vor ist Kriesten nicht der Mann, der über die meditative Wirkung des Unkrautzupfens räsonieren könnte – sie ist ihm fremd. Abschalten kann er eher angesichts von Kunst, die er sammelt und im Herbst im Galerieverein zeigen wird. „Ich kann Gartenarbeit nicht ausstehen, im Gegensatz zu meiner Frau!“, poltert er, „aber wenn ich ein Grundstück sehe, dann sehe ich sofort den fertigen Garten vor mir.“ Wie zum Beweis fängt er an, auf einem Papierfetzen aufzuzeichnen, welche Fehler der gemeine Gartler im Vorgarten oft macht. Da wird dann auch spürbar, dass der Mahdental-Garten-Erschaffer sehr wohl für den planerischen Teil seines Berufes brennt. Die Wegeführung, die Mülltonnen, die Sichtachsen, das Element Wasser im Garten und das Schaffen von Gartenräumen – es gibt Grundregeln, die man beherzigen sollte, will man die oft widerspenstige Wirklichkeit im Garten mit den schönen Ideen im Kopf in Einklang bringen.

„Arbeiten Sie gern im Garten? Was ist Ihnen Ihr Garten wert?“ Das sind die Fragen, die Siegfried Kriesten als erstes gestellt hat, wenn gestaltungswillige Hausbesitzer zu ihm kamen. Dazu kommen andere wie etwa jene nach den Urlaubsgewohnheiten – wer im Sommer wochenlang unterwegs ist, braucht nicht wirklich viele Sommerblüher – und natürlich die Fragen nach Farbvorlieben oder Lieblingspflanzen. In der Tat gebe es Menschen, denen der Garten wichtiger sei als das Haus selbst, hat Kriesten erfahren, und die reut es dann auch nicht, richtig viel Geld dafür in die Hand zu nehmen.

Manchmal indes redet er Kunden auch Ideen aus, wie etwa einer Dame, die sich wegen eines runden Geburtstages des schon betagten Gatten eine riesenhafte Terrasse wünschte. Einem anderen Ehepaar, das sich dringend einen „echten Kriesten-Garten“ wünschte, konnte er den Gefallen nicht tun. „Die hatten ein wunderbar eingewachsenes Grundstück mit einem tollen Charakter, in dem die Wege stimmten, die Pflanzen und die Materialien. Den wollte ich nicht zerstören.“ Das Ehepaar hat sich das Grundstück von einem anderen Planer runderneuern lassen. Nicht zum Besten des Gartens, wie der temperamentvolle Gartenplaner grantelt, der nicht dafür bekannt ist, auch nur den Hauch eines Blattes vor den Mund zu nehmen. Wäre er ein Mann der Mitte, würde er wohl kaum in der Garten-Bundesliga ganz oben mitspielen.

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