Egal ob Familien, Senioren oder Behinderte – im Mehrgenerationenhaus leben alle als Gemeinschaft zusammen. Foto: Neue Wohnformen

Schon bald entsteht das erste Mehrgenerationenhaus in der Stadt auf dem Gelände des Elly-Heuss-Knapp-Kindergartens. Gesucht werden für das gemeinschaftliche Wohnprojekt vor allem noch junge Familien. Gegenseitige Hilfe ist hier oberstes Gebot.

Leonberg - Jalousien oder doch ein Rollladen? Und wenn Letzteres, dann mit elektrischem Anschluss oder eher mit einer Kurbel? Innenbelag aus Eiche, Linoleum oder doch lieber Mehrschichtparkett? Und welches Material für die Fenster – Kunststoff oder Holz-Alu? Es sind Fragen über Fragen, die die künftigen Einwohner des Mehrgenerationenhauses umtreiben, das auf dem jetzigen Gelände des Elly-Heuss-Knapp-Kindergartens am Reiterstadion entstehen soll. Fragen, die sie auf ihren Gemeinschaftsitzungen gemeinsam erörtern.

Gemeinschaft – das ist nämlich das über allem schwebende Schlagwort bei dem generationsübergreifenden Wohnprojekt, das in dieser Form im Altkreis seinesgleichen sucht. Das vierstöckige Haus soll das Gemeinschaftsleben der Bewohner fördern und das Miteinander zwischen Jung und Alt beleben. Der Spatenstich auf dem knapp 3000 Quadratmeter großen Grundstück an der Ecke Fichte-/Schleiermacherstraße sind für den kommenden Herbst und die Fertigstellung für 2017 angepeilt. Neben einem großen Gemeinschaftsraum mit Küchenzeile sind 25 teils barrierefreie Wohnungen geplant, die es in unterschiedlicher Größe mit Balkon oder Terrasse und als Eigentum oder zur Miete gibt. Einziehen werden Familien mit Kindern, Singles, Senioren und auch Menschen mit Behinderung.

Ein Mehrgenerationenhaus stelle sich gegen den heutigen Trend der Neubaugebiete, die ausschließlich von jungen Familien bezogen würden, erklärt Sylvia Frederich. „Hier wird ein Wohnumfeld geboten, in dem alle Generationen ihren Teil dazu beitragen, das gemeinschaftliche Leben mit zu gestalten.“ In der Praxis heißt das: „Unter den Bewohnern wird es sicherlich jemanden geben, der Klavier unterrichten oder auf die Kinder aufpassen kann, während die Nachbarn im Gegenzug die Sprudelkisten vom Supermarkt holen“, sagt die Sprecherin der Arbeitsgruppe Neue Wohnformen, die an die Lokale Agenda Leonberg angedockt ist. Die Interessengruppe hat sich 2008 gebildet und ist inzwischen als Planungsgemeinschaft eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), der die künftigen Bewohner, die Sozialeinrichtung Atrio und die Genossenschaft Bau- und Heimstättenverein als Gesellschafter angehören.

Aus den von Sylvia Frederich genannten Gründen hat sich auch Ingrid Schumacher für das Wohnkonzept entschieden. „Ich wollte etwas finden, wo ich nicht alleine bin und auf Hilfe zählen kann“, sagt die 63-Jährige, die sich eine Drei-Zimmer-Eigentumswohnung gesichert hat. Doch es sind nicht nur die gemeinsamen Aktivitäten, die sie von der Idee überzeugten. „Dank des Aufzugs und der barrierefreien Räumlichkeiten kann ich auch bis ins hohe Alter möglichst selbstständig sein“, betont die Frau, die sich auch schon um eine Wohnung in dem Mehrgenerationenhaus „Mikado“ in Gerlingen bemüht hatte.

Die künftigen Bewohner kommen gemeinsam mit dem verantwortlichen Architekten seit Anfang des vergangenen Jahres im zweiwöchigen Rhythmus im Bürgerzentrum Stadtmitte zusammen, um über den Stand der Dinge zu beraten. Die Mieter und Eigentümer haben ein Mitspracherecht hinsichtlich des Grundrisses der Wohnung, ihrer Ausgestaltung und eben der dazu verwendeten Baumaterialien. „Nicht jeder kann sich verwirklichen, denn je kostengünstiger wir sind, desto größer ist auch der Kreis der Menschen, die einziehen können“, erklärt Sylvia Frederich. Diese Selbstbeschränkung schweiße die Gruppe aber auch ein Stück weit zusammen. „Außerdem soll die Qualität über die Bewohner kommen“, ergänzt sie.

Wer Interesse daran hat, in die Gruppe aufgenommen zu werden, der sollte zunächst einmal an den öffentlichen Sitzungen teilnehmen. „Zwecks eines gegenseitigen Kennenlernens treffen wir uns darüber hinaus auch zu verschiedenen Aktivitäten außerhalb der Termine“, berichtet Frederich. Über die endgültige Aufnahme eines neuen Mitglieds entscheidet am Ende die Zwei-Drittel-Mehrheit der Gesellschafter.

Die Nachfrage nach einer Wohnung in dem Mehrgenerationenhaus ist groß, die meisten Appartements sind bereits reserviert. „Nicht zuletzt liegt dies daran, dass den Mietern aufgrund der Genossenschaftslösung keine Kündigung wegen Eigenbedarf droht“, sagt Frederich. Damit das angedachte Gleichgewicht zwischen Jung und Alt eingehalten wird, sucht die Gemeinschaft vor allem noch junge Familien – für sie stehen drei Wohnungen im Erdgeschoss bereit. „Die Familien kommen bei uns in eine Umgebung, die sie mit offenen Armen empfängt“, betont Frederich. „Denn wir sehen Kinder nicht als Lärmquelle, sondern als Lebensquelle.“

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