Leonberg Fünf von elf Verkehrstoten sind Senioren

Von Sven Hahn 

Derzeit ist keine Sehprüfung verpflichtend Foto: Chris Lederer
Derzeit ist keine Sehprüfung verpflichtend Foto: Chris Lederer

Rentner sind immer häufiger an Verkehrsunfällen beteiligt. Im Landkreis Böblingen ereigneten sich im vergangenen Jahr 20 Prozent mehr Unfälle mit Älteren. Spezielle Kurse des ADAC sind kaum gefragt.

Leonberg - Zum Autofahren gehört eine Portion Erfahrung. Doch mit steigendem Alter lassen Reaktionsfähigkeit und Sehvermögen nach. Die Zahl der Verkehrsunfälle, an denen Autofahrer jenseits der 65 beteiligt waren, ist im vergangenen Jahr so stark gestiegen wie nie zuvor. Senioren waren 2011 im Landkreis Böblingen an 921 Unfällen beteiligt – eine Steigerung um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Kein Einzelfall, im benachbarten Landkreis Ludwigsburg stieg die Zahl der Unfälle, an denen Senioren beteiligt waren, ebenfalls deutlich an. 2011 waren es dort 1120 Unfälle, 13 Prozent mehr als noch vor Jahresfrist.

Dazu kommt: die älteren Verkehrsteilnehmer sind überdurchschnittlich oft an diesen Unfällen schuld. In knapp zwei Drittel aller Fälle waren die Senioren auf den Straßen im Landkreis Böblingen Unfallverursacher. Das geht aus der Polizeistatistik für das Jahr 2011 hervor. Und: wegen des demografischen Wandels wird die Zahl der älteren Verkehrsteilnehmer in Zukunft weiter deutlich ansteigen.

Forderungen nach verpflichtenden Tests zur Fahrtauglichkeit im Alter wurden in der Öffentlichkeit zuletzt hitzig diskutiert. Dagegen wehrt sich der ADAC: „Wir nehmen diese Entwicklung sehr ernst“, sagt Reimund Elbe, Pressesprecher des Automobil-Clubs, „aber ich halte verbindliche Tests oder einen Führerscheinentzug nicht für die richtige Lösung.“

Die meisten Senioren passen ihre Fahrweise den nachlassenden persönlichen Fähigkeiten an. „Ältere Autofahrer sind nur ganz selten zu schnell auf den Straßen unterwegs“, sagt Elbe, „allerdings sollten sich gerade die Autofahrer ab 75 Jahren selbst hinterfragen.“

Die Qualität entscheidet: „Wir müssen uns die Schwere und Heftigkeit der Unfälle mit Senioren einmal genau anschauen“, sagt der ADAC-Mann. Obwohl Senioren selten mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs sind, fallen ihre Zusammenstöße nicht harmloser aus als die anderer Autofahrer. Zum Vergleich: die als Risikogruppe bekannten Fahranfänger im Alter zwischen 18 und 28 waren im vergangenen Jahr an 988 Unfällen beteiligt, dabei erlitten 56 Personen schwere Verletzungen. Senioren waren an 921 Unfällen beteiligt, dabei wurden 57 Personen schwer verletzt.

Elf Menschen starben 2011 auf den Straßen im Landkreis Böblingen . „Fünf von ihnen waren älter als 70 Jahre, zwei weitere zwischen 54 und 56“, sagt Polizeisprecher Frank Natterer, „fast jeder zweite tödlich Verunglückte war damit älter als 70.“

Sowohl die Polizei als auch der ADAC reagieren mit speziellen Angeboten für Senioren: „Wir bieten Infoabende und angepasste Fahrsicherheitstrainings an“, sagt Elbe. Doch die Erfahrung des Verkehrs-Clubs deckt sich mit denen der Polizei: „Die Älteren rennen uns bei diesen Geschichten nicht gerade die Tür ein“, sagt Elbe. Die Präventionsmaßnahmen finden bei den Senioren nur wenig Zuspruch.

An den Veranstaltungen zur Verkehrssicherheit der Polizei nahmen im Landkreis im vergangenen Jahr 1810 junge Fahrer zwischen 18 und 25 teil. An den Maßnahmen für Senioren beteiligten sich im Gegensatz lediglich 254 Autofahrer. „Viele Ältere haben Angst, dass man ihnen gleich den Führerschein wegnehmen will, wenn sie eine Schwäche zeigen“, sagt ADAC-Sprecher Elbe und fügt hinzu: „In diesem Bereich müssen wir noch deutlich mehr Aufklärungsarbeit leisten.“

„Fakt ist: Es wird künftig viel mehr Senioren auf den Straßen geben“, sagt Elbe. Anstelle von Zwangstest genügten oft schon kleine Hinweise: „Viele Senioren sind mit neuer Technik nicht vertraut“, betont der ADAC-Sprecher, „da reicht manchmal schon der Hinweis, dass sie in einem neuen Wagen mit ABS auch während einer Vollbremsung weiter lenken können.“

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