So steht Leonberg beim Einzug in EM-Halbfinale 2012 Kopf! Foto: Stefan Wentz

Ein EM-Besuch im Eltinger Ochsen: Nicht nur beim Fußball herrscht hier Multikulti auf schwäbische Art.

Eltingen - An der Fassade des Gasthauses Ochsen in Eltingen hängen die Flaggen von allerlei EM-Nationen. Doch direkt am Eingang flattern nur zwei: die deutsche und die griechische. Denn der Pächter Kiriakos Hatzikiriakidis, der seit 1969 in Deutschland lebt, ist ein schwäbischer Grieche. Sein Lokal ist ein beliebter Treffpunkt für alle Eltinger und Fans des VfB und TSV. Doch heute sind sich ausnahmsweise nicht alle einig, wer gewinnen soll. Heute drückt Hatzikiriakidis, der von seinen Freunden nur Jakob genannt wird, seinen Landsmännern die Daumen: den Griechen. Sie sind in Leonberg die größte Einwanderergruppe und dabei bestens integriert.

Der 66-Jährige trägt ein blau-weißes Griechenland-Trikot und steht an der Theke neben den Stammgästen Emil Feder, Heinz Morlok und Peter Stäbler. Sie trinken Pils und Weinschorle und sind schon jetzt, eine halbe Stunde vor Anpfiff, bestens aufgelegt. Die vier kennen sich schon seit Jahren, reißen einen Witz nach dem anderen und ziehen vor allem Jakob auf. „So sieht griechische Buchhaltung aus“, heißt es, als ein Mitarbeiter die Zettel seines Kellnerblocks sortiert, auf denen Getränke und Speisen notiert sind. Die Späße sind teils derb, aber immer freundschaftlich: „Wir sind hier Multikulti“, versichert Morlok.

Hatzikiriakidis stört sich nicht an den Neckereien seiner Gäste. Er bleibt optimistisch: „Zu 80 Prozent gewinnt Deutschland, aber 2004 bei der Europameisterschaft haben wir auch alle guten Mannschaften geschlagen“, sagt er. Der Stammtisch sieht das selbstverständlich anders: „Wir tippen auf ein 3:1 für Deutschland. Hoffentlich wird die Nationalmannschaft am Ende nicht leichtsinnig.“

Das Spiel fängt an. Lautstark trötet ein Gast auf seiner Vuvuzela. Nach wenigen Minuten gibt es die ersten Großchancen für Deutschland: Der Torwart blockt Khediras Schuss, Klose staubt ab, der Ball zappelt im Netz. Großer Jubel im Ochsen. „Abseits“, ruft Jakob und läuft fröhlich strahlend zu seinen Stammgästen. Auf dem Fernsehbildschirm wird die verfrüht jubelnde Angela Merkel gezeigt. „Angie, unser Milliardengrab“, kommentiert Stäbler. Jetzt sind die Griechen am Ball, Jakob hofft auf ein Tor, ruft: „Jetzt, ja!“. – „Wo ist denn der Unruhestifter?“, heißt es prompt von den Stammgästen. „200 Deutsche und ein Grieche“ beschreibt Hatzikiriakidis das Kräfteverhältnis im Ochsen. „Aber ein guter Grieche: ein Eltinger.“

Noch immer kommen vereinzelt Gäste in das bereits volle Restaurant. Provisorisch werden Bierbänke aufgestellt, damit jeder Platz findet. Plötzlich lauter Jubel, die Fans springen auf. Lahm hat das erste Tor geschossen. „Der Kleinste hat’s gemacht“, witzelt der Stammtisch erleichtert. Einer erzählt den Witz von den Griechen, die klein bleiben wollen, weil nur die Großen arbeiten müssen. „Aber verteidigen können sie richtig gut“, lobt Morlok. Hatzikiriakidis schaut etwas bedröppelt. Er wünscht sich ein Tor seiner Mannschaft.

Kurz nach der Pause schießen die Griechen den Ausgleich: „Jetzt kommt das 2:1 für uns“, hofft der Wirt. „Endlich gibt es Ouzo“, heißt es beim Stammtisch. Jetzt fallen die Tore im Minutentakt, am Ende steht es 4:2, die Griechen sind besiegt. „Ich bin trotzdem zufrieden. Zwei Tore gegen Deutschland reichen“, sagt Hatzikiriakidis. Michael Donder legt ihm tröstend die Hand auf die Schulter: „Bei aller Rivalität sind wir trotzdem gute Freunde“, sagt er und erzählt, er kenne den Wirt seit rund zwei Jahren. Jakob sei immer sehr hilfsbereit.

Im Ochsen wird bis in den Morgen gefeiert, die Gästeschar ist bunt gemischt. „Ich bin Türke, aber ich lebe in Deutschland“, sagt Ümit Sürücü. „Natürlich habe ich der deutschen Nationalmannschaft die Daumen gedrückt.“

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