Martin Georg Cohn wendet sich kurz vor dem Jahreswechsel an die Bürger. Foto: Schmidt

Bei der Leonberger Altjahrabendfeier spricht der Oberbürgermeister Martin Georg Cohn auch über die Herausforderungen im neuen Jahr. Seine in der Rede zum Ausruck gebrachte Zuversicht beruht auch auf drei Persönlichkeiten der Stadt, die in diesem Jahr in den Blickpunkt rücken.

Warum kommen die Menschen, am letzten Tag des alten Jahres auf den Marktplatz ihrer Stadt zusammen? Sind es die festlichen Klänge von Ökumenischem Bläserkreis und Lyra Leonberg im Schein des Weihnachtsbaums vor Fachwerkkulisse? Der ausgeschenkte Glühwein? Das mag alles auch zur traditionellen Altjahrabendfeier gehören. In deren Zentrum aber steht seit jeher die Rede des Oberbürgermeisters. Martin Georg Cohn (SPD) blickt zurück, richtet den Blick natürlich auch nach vorn. Aber er sagt am Dienstag auch: „Es sind nicht nur die großen Ereignisse, die uns alle prägen. Es sind vor allem die kleinen Momente des Zusammenhalts, wie der heutige Abend, die das Fundament unserer Gemeinschaft bilden.“

 

Haben die Leonberger erwartet, dass sich Cohn zur Situation im Rathaus äußert? Zu seiner Auseinandersetzung mit der Bürgermeisterin? Am Ende geht er kurz darauf ein, mehr als eine Wiederholung der Begründung des Verzichts einer neuerlichen Kandidatur ist es nicht. Das Publikum reagiert entsprechend verhalten.

Kurz vor seinem letzten Auftritt OB bei einem Altjahrabend: Martin Georg Cohn Foto: Geronimo Schmidt

Statt dessen geht Cohn auf Identität, Zusammenhalt und Zuversicht ein, die die Stadtgesellschaft auszeichneten, der OB nimmt damit einen Aspekt aus der Neujahrsansprache des Bundeskanzlers auf. „Die Herausforderungen, die vor uns liegen, erfordern genau diese Eigenschaften mehr denn je“, so der Oberbürgermeister.

2024 sei ein Jahr gewesen. „in dem wir die Bedeutung unserer demokratischen Grundwerte erleben durften, aber auch die Notwendigkeit, diese aktiv zu verteidigen.“ Es werde immer wieder deutlich, wie wichtig es sei, die Demokratie und die pluralistische Gesellschaft zu bewahren. „Auch hier in Leonberg müssen wir uns fragen, was wir tun können, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und die Demokratie zu verteidigen. „In einer Demokratie ist es essenziell, dass wir uns nicht auf unsere Differenzen konzentrieren, sondern auf das, was uns verbindet.“ Cohn fordert dazu auf, „sowohl in Leonberg, aber auch auf Landes– und Bundesebene, weiterhin an einem konstruktiven Dialog zwischen allen gesellschaftlichen Gruppen“ zu arbeiten.

Bekannte Themen bleiben relevant

Der Rathauschef blickt auf die Themen, welche die Stadt im alten Jahr beschäftig haben, die aber eben auch im neuen Jahr „relevant bleiben werden“: Einerseits die Klimakrise, andererseits die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Stadt „als einen Ort der Teilhabe und des respektvollen Miteinanders zu gestalten“. Die Leonberger hätten die Möglichkeit, sowohl innovative Lösungen für die Herausforderungen des Klimawandels zu finden als auch „weiterhin ein Zeichen für eine starke, solidarische Gesellschaft zu setzen“. Er verweist auf den geplanten Stadtgarten und die Entwicklung des Postareals, in dessen Zentrum der nicht nur symbolische Brückenschlag zwischen neuer Stadtmitte und Altstadt stünde: „Die Brücke wird die lang ersehnte Verbindung Eltingen, Neuköllner Platz und Marktplatz ermöglichen und unsere schöne Stadt noch stärker zusammenwachsen lassen.“

Neben den Bauprojekten geht der Oberbürgermeister auf drei Persönlichkeiten der Ortshistorie ein, welche „die Bedeutung von Geschichte, Kultur und Verantwortung noch einmal ganz besonders vor Augen führen“ – und die im jetzt begonnenen Jahr 2025 besonders ins Licht der Öffentlichkeit rücken sollen. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, 1775 in Leonberg geboren, zählt zu den bedeutenden Philosophen des 19. Jahrhunderts. Seine Überlegungen zur Freiheit hätten die Geistesgeschichte europaweit geprägt, so Cohn. Mit Albrecht Goes soll außerdem ein Schriftsteller gewürdigt werden, der sich mit den ethischen Fragen des Lebens und der Verantwortung des Einzelnen befasst habe. „Gerade in Zeiten von Umbruch und Konflikt, wie wir ihn auch in diesem Jahr haben, fand er immer wieder Worte, die uns auch heute noch zur Reflexion über unser eigenes Handeln anregen.“ Goes wurde im Jahr 1908 geboren und war später Pfarrer in Gebersheim. Er starb vor 25 Jahren, im Februar 2000. Gedacht werden soll zudem Frei Otto. Der Architekt hätte dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. „Frei Otto war mehr als nur ein Baumeister – er war ein Denker, der die Prinzipien der Natur und der Technik miteinander vereinte und in seinen Bauwerken ein harmonisches Zusammenspiel von Funktion und Ästhetik schuf.“ Diese drei Persönlichkeiten, so Cohn, seien „ein Beispiel dafür, was möglich ist, wenn wir groß denken – und wenn wir den Mut haben, neue Wege zu gehen.“ So wie es auch vor 50 Jahren angesichts der Gemeindereform der Fall gewesen sei.

Kurz vor Beginn der Altjahrabendfeier. Foto: Geronimo Schmidt

Cohn selbst wird diesen Weg nicht mehr an der Spitze des Leonberger Rathauses beschreiten. Er bekräftigt bei der Altjahrabendfeier sein Kandidaturverzicht, spricht erneut vom Band des Vertrauens – auch und gerade im Gemeinderat – das er in den vergangenen Jahren nicht in der notwendigen Stärke gespürt habe.

Am Ende seiner Rede geht der scheidende Oberbürgermeister abermals auf die Herausforderungen ein, mit denen er seine Rede begonnen hatte. Diese Herausforderungen trügen auch Chancen in sich, sagte er und wandte sich ausdrücklich an die Ehrenamtlichen im Ort. „Es sind die vielen Leonbergerinnen und Leonberger, die sich Tag für Tag in den Vereinen, bei sozialen Projekten, in der Kultur oder bei der Integration Geflüchteter einsetzen, die Leonberg zu dem machen, was es ist: Eine lebendige und mitfühlende Stadt. Ihr Einsatz ist unbezahlbar und dafür danke ich Ihnen allen von Herzen.“ Nach diesen Worten des Oberbürgermeisters Martin Georg Cohn brandete Beifall auf – das erste und während der Rede einzige Mal.