Ein neuer Auftrag: Behinderte montieren Heizungsschläuche Foto: factum/Granville

Die Behindertenwerkstatt im Leonberger Stadtteil Höfingen braucht für neue Aufträge mehr Platz. Deshalb wurde ein neues Gebäude errichtet. Im neuen Haus haben nun 60 Mitarbeiter mit Handicap Platz.

Leonberg - Es sieht nicht sehr spektakulär aus. Ein schwarzes Gebilde aus Schläuchen wird an ein schwarzes Ventil montiert. Doch wenn die Mitarbeiter der Werkstatt Pfad in Höfingen einen Fehler dabei machen, bekommen die Fahrer des neuen Porsche-Modells Macan kalte Füße. Damit dies nicht passiert, wird jedes einzelne Stück am Ende kontrolliert – so will es der Stuttgarter Autobauer, der einen Teil seiner Serienfertigung in Höfingen erledigen lässt. Geliefert werden die Teile dann ins Porsche-Werk nach Leipzig.

Große Aufträge wie diese sorgen dafür, dass die Behindertenwerkstätten des Vereins Atrio in Leonberg ein echtes Erfolgsmodell sind. Nicht nur der Sportwagen-Hersteller lässt hier fertigen. Für die Firma Tritec montieren die Werkstattmitarbeiter Ständer für Fotovoltaik-Anlagen oder für Geze-Rollen für Schiebetüren. „Bei uns verteilen sich die Aufträge etwa zu 50 Prozent auf die Automobilbranche und zu 50 Prozent auf den Bereich Bau“, erklärt Thomas Holderrieth, der Leiter des Bereichs Arbeit der Behindertenwerkstätten.

Dank der guten Auftragslage ist der Platz in der 2004 eingerichteten Werkstatt in Höfingen zu klein geworden. Deshalb musste ein größeres Gebäude her: die Werkstatt Pfad, die am Freitag offiziell eröffnet wurde. Knapp 3,4 Millionen Euro hat der Bau gekostet. Rund eine Million davon musste Atrio selbst aufbringen. 60 Mitarbeiter mit Handicap finden hier Platz. Derzeit arbeiten 42 Menschen mit psychischer Erkrankung oder Behinderung dort. „Feste Arbeit gibt ihnen psychische Stabilität, bringt ihnen aber auch mehr Lebensqualität und Vertrauen in ihre Umwelt“, erklärt Wilfried Geißert, der Aufsichtsratsvorsitzende von Atrio. Jeweils zwölf Arbeitsplätze gibt es in den vier großen Werkräumen. Zwischen den grauen Betonwänden und dem hellgrauen Bodenbelag sind die Mitarbeiter in ihren bunten Pullovern richtige Farbkleckse. Ihre neue Arbeitsstätte finden sie schöner, aber auch noch ungewohnt. „Ich muss mich erst noch dran gewöhnen, dann gefällt es mir bestimmt noch besser“, sagt eine junge Frau.

Mit Farbe wird auch nebenan gearbeitet, denn über einen gläsernen Übergang ist die Werkstatt Pfad mit dem Kreativwerk verbunden. Dort finden Kunst- und Musiktherapie statt. Dieses Gebäude, das auch den Berufsbildungsbereich beherbergt, wurde bereits vor einem Jahr eröffnet. Im Mai 2012 war mit dem Bau der Werkstatt begonnen worden, im Oktober zogen die Mitarbeiter schon ein.

„Ich bin beeindruckt von der Baugeschwindigkeit“, bekannte der Landrat Roland Bernhard. Psychisch Kranke und Behinderte hätten viele Talente und Fähigkeiten, die es wieder aufzudecken gelte. „Das Geld ist hier gut angelegt“, sagte Bernhard. Seit 2005 sind die Landkreise für die Eingliederungshilfen für Behinderte zuständig „Beim Thema Inklusion steht uns eine riesige Herausforderung bevor. In vielen Bereichen ist Leonberg da schon weit vorn.“

Der Erste Bürgermeister, Ulrich Von-derheid, bedankte sich beim Verein Atrio für die Investition, die Arbeitsplätze schaffe und Wertschöpfung sichere. „Sie sind ein Wirtschaftsfaktor in Leonberg. Nicht, weil sie ein soziales Projekt sind, sondern weil auch das Unternehmerische im Mittelpunkt steht“, lobte Vonderheid.

„Bei den Auftraggebern gibt vielleicht das soziale Gewissen den letzten Ausschlag. Aber wir müssen trotzdem auf höchstem Niveau arbeiten“, erklärte Bernhard Siegle, der Geschäftsführer der Atrio gGmbH, der die Werkstätten betreibt. „Wir sind schon zusammengewachsen wie ein altes Ehepaar“, bekannte Michael Sautter von Perma-Trade. Die benachbarte Firma für Wassertechnik ist einer der Hauptauftraggeber. Für die innovative Technik und das Engagement für Menschen mit Behinderung hatte Sautter erst kürzlich die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg erhalten. „Von Anfang an haben die Mitarbeiter der Werkstatt sehr gewissenhaft gearbeitet und sie produzieren die geringste Fehlerquote“, berichtete Sautter.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: