Günter Oettinger mit Brückner-Chefin Regina Brückner und Familie. Foto: factum/Bach

Der EU-Kommissar Günther Oettinger hat bei der Leonberger Textilveredelungsfirma Brückner ein neues Technologiezentrum eingeweiht, dabei seinen Stakkato-Gedanken-Schnellsprechstil zelebriert, und sich dabei sichtlich wohl gefühlt.

Leonberg - Wie es sich für einen Spitzenpolitiker gehört, kommt der EU-Energiekommissar zu spät. Wenn auch nur eine halbe Stunde, was angesichts der Nähe zum vertrauten Ditzingen wohl erklärbar ist. Ist es schon drei Jahre her, dass Günther Oettinger nach Brüssel gewechselt ist? Kaum zu glauben, wenn man ihn wie früher im Stakkato-Stil die Fakten herunter rattern hört. Das Umfeld eines erfolgreichen Leonberger Familienunternehmens ist genau das richtige, damit der CDU-Politiker sich wohlfühlen kann.

Es ist Freitag, kurz nach 12.30 Uhr. Im neuen Technologiezentrum in der Leonberger Benzstraße haben sich 160 hochrangige Gäste versammelt. Viele schwarze Anzüge, fast nur Männer. Dazwischen die quirlige Firmenchefin Regina Brückner, die inzwischen die von ihrem Vater gegründete Firma leitet und sich erfolgreich in diesem technischen Umfeld behauptet. „Wir sind sehr froh, dass nach 18 Monaten das neue Zentrum fertig ist“, sagt sie.

Ihr Mann Axel Pieper, gleichzeitig Technischer Geschäftsführer, ist ebenso begeistert: „Mit der neuen Anlage können wir nicht nur Technik, sondern Technologie anbieten.“ Und das ganze energiesparend. 20 Prozent weniger wird etwa in dem großen Thermo-Ofen „Powerline Eco“ verbraucht, in dem Textilien getrocknet werden. 2,5 Millionen Euro hat das Unternehmen in Leonberg investiert. Der Standort ist für wichtig, wie Regina Brückner sagt: „Das ganze Know-How ist hier.“

So können im neuen Zentrum alle möglichen Versuche gemacht werden: Textilien können bedruckt, bearbeitet oder veredelt werden, von Medizinkleidung über Vorhänge bis Teppiche. Während noch die Fachvorträge laufen, betritt dann Günther Oettinger die Halle. Etwas ergraut, aber die scharfen Gesichtszüge unverändert. Da steht er also, der einst als Nachwuchshoffnung in der CDU im legendären „Andenpakt“ der Jungen Union mit Roland Koch und Christian Wulff konspiriert hat.

Rasante Gedanken im Stakkato-Stil

Stakkato-Stil mit rasenden Gedanken

Schon die ersten Sätze zeigen, dass er seinen Sprachstil nicht verändert hat. „Wenn man derzeit gefragt wird, in Brüssel, links und rechts, oben und unten, dann ja, gibt es einen Aufbruch in Deutschland“, tönt es da im besten Oettinger-Sprech. Man muss sich erst wieder ein wenig gewöhnen an die rasenden Gedankengänge des 59-Jährigen, der von 2005 bis 2010 als Ministerpräsident das Bundesland mit einer erstaunlichen Dauerpräsenz bereist hat. So wagt er einen Parforceritt durch die Historie. „Früher, der Handwerker, hatte Muskelkraft. Hammer, Sichel, Zange. Heute: Elektroenergie“, sagt er zum Beispiel.

Doch wie früher steckt hinter den rasanten Satzfetzen viel Durchdachtes. So lobt Günther Oettinger den Sohn der Chefin: „Ich habe ihn gefragt, was er einmal machen will. Er sagte: Die Firma übernehmen. Punkt.“ Dann setzt der EU-Kommissar zu einem Diskurs an über eine Kultur der Unternehmensnachfolge, den schwäbischen Mittelstand. Und, eine Reminiszenz an seine landespolitische Laufbahn, das gute Bildungssystem im Ländle. Und natürlich findet er lobende, passende Worte zur Lage von Brückner. „Sie praktizieren Weltoffenheit, reagieren rechtzeitig auf weltweite Entwicklungen“, sagt Oettiner.

Zu viele Juristen in der Politik?

Vor allem gefällt dem für Energie zuständigen Kommissionsmitglied natürlich die nachhaltige Strategie von Brückner. „Künftig werden die Energiekosten viel wichtiger sein als die Arbeitskosten“, analysiert der CDU-Mann, der in Korntal-Münchingen sein Abitur gemacht hat. Daher brauche Deutschland als Industrieland eine Strategie. „Aber ohne Romantik, ohne Idealismus, und vor allem ohne Ideologie“, fährt er einen Seitenhieb auf die Grünen: „Bei der Angst vor Technologie hätte Carl Benz sein erstes Auto nie gebaut.“

Außer einer kleinen rhetorischen Spitze Richtung SPD („Die verweigern den Vaterschaftstest für die Agenda 2010“) gibt es aber keine Parteipolitik. Bevor Oettinger mit Regina Brückner das rote Band fürs neue Zentrum durchschneidet, übt er sich in Selbstironie: „Es sollte mehr Ingenieure und weniger Juristen in der Politik geben – nach meiner Generation.“

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