Wolfgang Schorlau Foto: dpa

Fiktion und Realität: Autor Wolfgang Schorlau stellt in Leonberg seinen neuen Kriminalroman vor. Erst mit 40 Jahren hat der Wahl-Stuttgarter mit dem Schreiben angefangen – anfangs mit mäßigem Erfolg.

Leonberg - Schon Mist, wenn man keine Kohle hat. Wolfgang Schorlau kennt dieses Gefühl. Als er mit 40 einen sicheren Posten in der IT-Branche aufgibt, um Schriftsteller zu werden, läuft es anfangs gar nicht gut. 20 Jahre später ist der Wahl-Stuttgarter, der im beschaulichen Idar-Oberstein an der Nahe auf die Welt gekommen ist, einer der gefragtesten deutschen Krimi-Autoren. Kein Wunder also, dass die Hauptstelle der Stadtbücherei rappelvoll ist, als er seinen neuesten Roman vorstellt.

Schorlau, der auf Einladung der Bibliotheksleiterin Ingrid Züffle und der Buchhandlung Röhm zum vierten Mal in Leonberg liest, schreckt vor heißen Eisen nicht zurück. Sein Held Georg Dengler hat sich im Umfeld des Attentats beim Münchener Oktoberfest umgetan, Licht ins dunkle Geschäftsgeflecht der Pharmaindustrie gebracht oder die brutalen Umstände der Massentierhaltung aufgedeckt.

In „Die schützende Hand“ stellt der Autor seinen Privatdetektiv vor die härteste Aufgabe: Dengler muss Widersprüche im Fall des rechten Terrornetzwerks NSU aufklären. Und da sind wir wieder beim Geld. So viele untreue Ehefrauen gibt es in Stuttgart nicht, als dass Dengler durch deren Observierung reich werden könnte. Im Gegenteil: der Detektiv schuldet seiner Wohnungsbesitzerin vier Monatsmieten. Schlechte Karten.

Zu viel für 20 Sekunden?

Doch plötzlich erhält er einen Brief mit 15 000 Euro und einem Auftrag: Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt? Denn dass die Killer und mutmaßlichen Komplizen der vor Gericht stehenden Beate Zschäpe sich selbst umgebracht haben, wie es offiziell heißt, das hält Schorlau via Dengler für unmöglich: Die beiden geben eine MP-Salve ab, Mundlos ermordet Böhnhardt mit einer Pumpgun, legt Feuer und erschießt sich selbst, all das in nur 20 Sekunden: das kann nicht funktionieren.

Es ist keine klassische Lesung, mit der Wolfgang Schorlau sein Publikum fast zwei Stunden fasziniert. Wie ein Kriminalist nimmt der Autor Widersprüche in den offiziellen Angaben zum Tathergang auseinander, blickt auf die Arbeit des westdeutschen Geheimdienstes nach der Wende („Das waren die kältesten der kalten Krieger“) und analysiert die Rolle der Stasi, die schon zu DDR-Zeiten auf dem rechten Auge blind war. Wirklichkeit und Fiktion liegen bei Schorlau stets eng beieinander.

Kein klassischer Held

Fast erinnert der Krimi-Autor, wie er an seinem Lese-Tischen sitzt und mit einer Erkältung kämpft, an einen typischen Tatort-Kommissar: eine Mischung aus schlaksig und lässig, alles andere als ein klassischer Held und doch hellwach im Kopf.

„Es hat mich einfach interessiert“, beantwortet er die Frage aus dem Publikum, warum er sich ausgerechnet an diesen brisanten Stoff gewagt hat. Gleichwohl hat Schorlau erstmals mit einem professionellen Rechercheur zusammengearbeitet, um die oft unglaublichen Verfehlungen gerade bei den Geheimdiensten zu enthüllen. Und natürlich hat er seine eigenen Quellen: „Ich kenne eine Reihe guter Kriminalisten“, sagt er mit einem Hauch von Lächeln. „Die geben mir Fachauskünfte.“ Seine Informanden müssen verdammt gut sein.