Leonard Bernstein Der heimatlose Entertainer

Von Susanne Benda 

Leonard Bernstein 1987 in Luzern Foto: dpa
Leonard Bernstein 1987 in Luzern Foto: dpa

An diesem Samstag wäre der Komponist, Dirigent und Musikvermittler Leonard Bernstein 100 Jahre alt geworden.

New York - Vom „Untergang Gottes und der Tonalität“ hat Leonard Bernstein, der große amerikanische Komponist und Dirigent, einmal geschrieben – und beide für ziemlich lebendig befunden. „Gestorben“, so Bernstein, der sich auch mit Worten oft klug und unterhaltsam der Musik näherte,„sind nur unsere eigenen abgenutzten Begriffe.“ Hört man vor diesem Hintergrund seine 1965 uraufgeführten „Chichester Psalms“, dann wirken diese mit Chor, Orchester und Solisten groß besetzten, auch klanglich opulenten Werke so, als habe er mit ihnen Beweise für seine These liefern wollen, dass man heute zu „einer neuen Vorstellung von Gott und einer neuen Auffassung von Tonalität“ gelangen müsse.

Hans-Christoph Rademann hat die Psalmen 2015 in Stuttgart dirigiert; sie gehören zum Stärksten, was Bernstein komponiert hat. Dabei hat sich der Komponist, durch und durch Amerikaner, aber immer im Bewusstsein seiner jüdischen und russischen Wurzeln, zeitlebens vor allem an Musicals abgearbeitet – und 1957 mit der „West Side Story“ das bis heute meistgespielte Stück dieses Genres geschaffen.

Jazz, lateinamerikanische Tanzrhythmen, wundervolle Ohrwurm-Melodien („Maria“, „Tonight“, „America“), dazu eine von den ethnischen Konflikten der USA durchtränkte, wirkungsvolle „Romeo und Julia“-Geschichte: Das waren die Erfolgszutaten des Musicals, an das Bernsteins spätere Erfolgsstücke nie mehr herangekommen sind.

Aber der am 25. August 1918 in Massachusetts geborene Louis Bernstein, der sich später Leonard oder „Lenny“ nannte, war nicht nur Komponist. Er war auch ein international gefeierter Dirigent mit ungeheurem Charisma.

Als erster US-Amerikaner stand er – von 1958 bis 1969 – als Musikdirektor am Pult des New York Philharmonic Orchestra, dirigierte bis zu seinem Tod 1990 außerdem regelmäßig die Wiener Philharmoniker und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Als erster Dirigent hat er (mit den New Yorkern) in den 1960er und 1970er Jahren sämtliche Sinfonien eines Komponisten aufgenommen, dem er sich wesensverwandt fühlte: Wie Gustav Mahler suchte auch Leonard Bernstein zeitlebens nach Heimat und Identität, wie Mahler fühlte er sich zerrissen. Diese Zerrissenheit spiegelte sich in seinem Leben – Bernstein war verheiratet, hatte drei Kinder, aber gleichzeitig homosexuelle Beziehungen – und in seinem Dirigieren, das die Abgründe ertastete, aber verzweifelt nach Schönheit suchte und manche Äußerlichkeit effektvoll ausspielte.

Der Mahler des stets hoch emotionalen Genussmenschen Bernstein ist nicht metaphysisch, sondern physisch, nicht nebulös-dräuend, sondern direkt – ja manchmal gar ein bisschen derb.

Überdies war er einer der Ersten, die Musikvermittlung ernst nahmen. Nein, besser: denen das Sprechen über Musik ein Herzensanliegen war. Der Entertainer, den Lennie in sich trug, ließ ihn beim berühmten C-Dur-Akkord im Vorspiel von Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ im Konzertsaal in die Luft springen, zum Jubel der Zuhörer – aber Bernsteins verbale Volten konnten damit locker mithalten. Sie waren, gerade weil ihnen alles Dozieren fern war, sympathische Lockerungsübungen für die klassische Musik. Etliche Bücher hat Bernstein nach seinem Tod 1990 hinterlassen, das schönste von ihnen heißt auf Deutsch so schlicht wie treffend „Freude an der Musik“. Berühmt wurden aber vor allem seine Fernsehauftritte, unter anderem bei den „Young People’s Concerts“ mit den New Yorker Philharmonikern und in den 80er Jahren bei der Fernsehreihe „Bernstein/Beethoven“.

Von Bernstein konnte man vielerlei lernen. Zum Beispiel, dass Schönbergs Zwölftontechnik eine „demokratische Anarchie“ sei. Oder dass, wer Großes erreichen will, nur zwei Dinge braucht: „einen Plan und viel zu wenig Zeit“. Und schließlich auch, dass Kritiker überflüssig sind. „Ich war“, hat er einmal trocken festgestellt, „überall in der Welt und habe nirgends eine Statue von einem Kritiker gesehen.“ Danke, Lennie!

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