Momente des Glücks: Zehnkämpfer Leo Neugebauer nach seinem Triumph bei der WM in Tokio sowie im Dezember mit seinem Ex-Trainer und Förderer Hans-Joachim Budach bei einer Veranstaltung unserer Zeitung im Café Gottlieb in Bad Cannstatt. Foto: Imago/Chai v.d. Laage, Laci Perenyi

Leichtathletik-Trainer Hans-Joachim Budach förderte und formte Leo Neugebauer bei der LG Leinfelden-Echterdingen – und traut dem Zehnkampf-Weltmeister nun auch Olympia-Gold zu.

lhr letztes Treffen liegt schon ein Weilchen zurück. Ende Dezember, bei einer Talkveranstaltung unserer Zeitung im Café Gottlieb in Bad Cannstatt, haben Leo Neugebauer (25) und Hans-Joachim Budach (77) in Erinnerungen geschwelgt, über die Silbermedaille gesprochen, die der Zehnkämpfer im Sommer zuvor bei den Olympischen Spielen in Paris gewonnen hatte, und auch nach vorne geblickt: auf die WM 2025 in Tokio. Dort holte Leo Neugebauer am Sonntag den Titel, er ist nun der König der Leichtathleten – was auch seinen Jugendtrainer und wichtigsten Förderer berührt. „Es ist unfassbar, was Leo leistet“, sagt Hans-Joachim Budach, „es erfüllt mich mit Stolz.“ Weil dieser Triumph keine Selbstverständlichkeit war. Sondern hart erarbeitet.

 

Der Wettkampf in Japan glich einer Achterbahnfahrt. Leo Neugebauer, normalerweise der Mann des ersten Tages, war am Abend nur Vierter. Und machte seine Schwäche zur Stärke. Am Sonntag zeigte er erst einen überragenden Diskuswurf und steigerte dann seine Bestleistung mit dem Speer um mehr als fünf Meter. „Das war die entscheidende Disziplin“, sagt Hans-Joachim Budach, der daheim in Schorndorf vor dem TV-Gerät saß, „das Speerwerfen hat Leo schon immer Probleme bereitet, wir haben damals in seiner Jugendzeit die Landestrainer mit ins Boot geholt, aber auch die waren ratlos. Ich habe mir den Wurf von Tokio auf 64,34 Meter immer wieder in Zeitlupe angeschaut – alles, was früher nicht geklappt hat, funktionierte bei diesem Versuch. Nach diesem Wurf wusste ich: Jetzt holt er Gold!“

Leo Neugebauer muss sich schinden

Den abschließenden 1500-Meter-Lauf hatte Leo Neugebauer, der Mann vom VfB Stuttgart, allerdings noch zu überstehen. Er musste alles geben, um Ayden Owens-Delerme (Puerto Rico) nicht zu weit wegziehen zu lassen, doch trotz aller Hochspannung befielen Hans-Joachim Budach nie Zweifel. „Im 1500-Meter-Rennen geht es nicht mehr um Technik, sondern nur noch um die Willenskraft – und eines konnte Leo schon immer: sich schinden. Er musste sich voll verausgaben, und das hat er geschafft. Ich habe großen Respekt vor ihm.“

Zugleich dachte Hans-Joachim Budach einen Moment daran, sich auch kurz mal auf die eigene Schulter zu klopfen. „Ein paar Dinge“, sagt er, „habe auch ich richtig gemacht.“

Die entscheidende Steigerung: Leo Neugebauer beim WM-Speerwerfen. Foto: Imago/Beautiful Sports

Budach stammt aus der ehemaligen DDR. In Eisenhüttenstadt studierte er Sportwissenschaft, arbeitete dann als Leichtathletik-Trainer. 1989 flüchtete er in seinem Trabant über die grüne Grenze in den Westen und wurde 1991 hauptamtlicher Coach bei der LG Leinfelden-Echterdingen. Es vergingen fast zwei Jahrzehnte, bis ein Junge bei ihm auftauchte, über den Hans-Joachim Budach heute sagt: „Menschlich ist er der beste Athlet, den man sich als Trainer vorstellen kann.“

Leo Neugebauer musste sich zwischen Fußball und Leichtathletik entscheiden

Leo Neugebauer war damals zehn Jahre alt, hatte bereits den einen oder anderen Dreikampf bestritten. Nebenher spielte er Fußball. Hans-Joachim Budach bot ihm an, ihn unter seine Fittiche zu nehmen – sofern er sich für die Leichtathletik entscheidet. Das tat der talentierte Junge. „Wir haben anschließend ein perfektes Athlet-Trainer-Eltern-System entwickelt“, sagt der Coach, „in dem Alter, das er zu dieser Zeit hatte, geht es in erster Linie darum, die Begeisterung für den Sport zu wecken. Man kann man noch nicht vorhersagen, wo der Weg mal genau hinführen wird. Doch die Grundlagen waren vorhanden.“

Dazu gehörte immer auch Respekt. Noch heute siezt Leo Neugebauer seinen großen Förderer, dem das gar nicht recht ist. „Es zeigt aber, wie er tickt“, sagt Hans-Joachim Budach, „sein Erfolg ist ihm nie zu Kopf gestiegen. Er ist der Leo geblieben, der er immer war.“

Als Neugebauer 14 oder 15 Jahre alt war, ist dann auch zu sehen gewesen, über welches Potenzial er verfügt. Nachdem die älteren Jungs im Training ihn immer wieder auf die Schippe genommen hatten, weil er mal die Spikes vergessen oder nur einen Turnschuh dabei hatte, ließ er plötzlich alle hinter sich. „Die Sprüche haben ihn angestachelt und geformt“, sagt Hans-Joachim Budach, „er hat eine unglaubliche mentale Stärke entwickelt.“ Und erste Medaillen geholt. Bei der U-18-WM in Kenia, für die ihn der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV), der lange nicht an das Talent aus Leinfelden-Echterdingen geglaubt hatte, aufgrund starker Vorleistungen nominieren musste, holte er 2017 Bronze. „Dass er es weit bringen kann, war schon vorher klar“, erklärt Budach, der die Reise nach Nairobi selbst bezahlen musste, weil der DLV keine Heimtrainer mitnehmen wollte, „diese Medaille war die Bestätigung.“

In den USA wurde Leo Neugebauer zum besten Zehnkämpfer der Welt

Der Rest der Geschichte? Ist bekannt. Zwei Jahre später ging Leo Neugebauer in die USA, wo er in Austin/Texas nicht nur ein Wirtschaftsstudium abschloss, sondern auch zum stärksten Zehnkämpfer der Welt wurde. Der Abschied vor sechs Jahren hat seinen Entdecker zwar geschmerzt, Hans-Joachim Budach sagt aber auch: „Er ist der Beste, den ich je trainiert habe – der Schritt in die USA war absolut richtig. Dort wird Athleten ein System aus Sport und Studium geboten, das wir in Deutschland mit unseren großen Egoismen auf Trainer- und Funktionärsebene nicht hinbekommen. Die Entwicklung, die Leo genommen hat, wäre in Deutschland nicht möglich gewesen.“ Und auch die Perspektive ist vielversprechend.

Hans-Joachim Budach ist überzeugt, dass Leo Neugebauer – sofern er gesund bleibt – in der Lage ist, 2028 in Los Angeles Gold zu holen, weshalb er sich den Termin der Olympischen Spiele im Kalender bereits jetzt rot angestrichen hat. „Dort Gold zu gewinnen wäre der absolute Höhepunkt“, sagt Budach, der fest vorhat, dann im L. A. Memorial Coliseum zu sitzen, „ich wünsche es ihm so sehr.“