Isabelle Gansser (rechts) wehrt sich dagegen, dass ihre MS über ihr Dasein bestimmt. Die Regisseurin setzt der Krankheit eine positive Einstellung entgegen. Foto:  

Seit fünf Jahren weiß Isabelle Gansser, dass sie krank ist. Die junge Frau aus Lenningen will sich auch mit ihrer Krankheit nicht verstecken. Die Medienstudentin hat ein Video gedreht, das Mut macht und für Verständnis wirbt.

Lenningen - Es ist ein Schock gewesen. Erst hatte Isabelle Gansser ein Taubheitsgefühl im linken Arm, dann im linken Bein. Schließlich war die ganze linke Körperhälfte taub. Die Frau aus Lenningen ging ins Kirchheimer Krankenhaus. Nach den Untersuchungen folgte die niederschmetternde Mitteilung der Ärzte: „Sie haben Multiple Sklerose.“

Das war vor fünf Jahren. „Ich hatte das Bild von Menschen mit MS im Kopf, die im Rollstuhl sitzen. Ich dachte: Morgen geht’s dir genauso“, erinnert sich Isabelle Gansser an die ersten schweren Wochen nach der Diagnose. Doch dann rappelte sie sich auf, verschlang Fachliteratur und informierte sich über die Krankheit. Zwar ist die Multiple Sklerose (MS) – eine chronische Entzündung des zentralen Nervensystems, bei der Nervenstrukturen zerstört werden – nach wie vor nicht heilbar. Es gibt jedoch verschiedene Verlaufsformen mit unterschiedlichen Schweregraden. „Aus diesem Grund ist Multiple Sklerose auch als Krankheit mit den tausend Gesichtern bekannt“, erklärt Isabelle Gansser.

Die 36-Jährige schöpfte neuen Mut und lernte mit der Krankheit zu leben. Vor zwei Jahren drehte sie zum Welt-MS- Tag ihren ersten Kurzfilm. Isabelle Gansser outete sich und wandte sich an andere Betroffene mit dem Appell, positiv zu denken, nach vorne zu schauen und nicht zu resignieren.

Hier gibt es das Video auf Youtube

Schließlich erklärte Isabelle Gansser ihren Chefs bei der in Esslingen ansässigen Wurzel Mediengruppe ihre Situation. „Sie haben total cool reagiert und mir jede Unterstützung zugesagt“ – auch nachdem die Teamleiterin für digitale Zeitschriftenproduktion ihren Arbeitgeber mit ihrem Wunsch konfrontierte, an der Hochschule für Medien in Stuttgart ein Studium zu beginnen.

Betroffene sind mit ihrer Einstellung echte Vorbilder

Die Lenningerin ist nun im zweiten Semester­. Im Studiengang Audiovisuelle Medien­ hat sie zusammen mit ihren Kommilitonen Paul Weitbrecht (Kamera), Malena­ Trachte (Kamera) und Jan Hansen (Assistenz) ein neues Video gedreht, das die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) jetzt auf ihre Homepage stellt. Darin geben sechs Betroffene ebenso prägnant wie emotional einen Einblick in ihr Leben mit MS. Neben Isabelle Gansser selbst zählt Beate Lorenz aus Passau zu den Protagonisten, die alle im Alter zwischen Mitte 20 und Mitte 30 sind. Nach der Diagnose gab Beate Lorenz ihren Job auf und begann noch einmal zu studieren. Sarah Bianco aus Fürth hat sich aus dem Rollstuhl gekämpft. Sie hat zwar noch oft Probleme beim Gehen, was die Mutter von zwei Kindern aber nicht davon abhält, in einem Café zu arbeiten. Julia Schildt aus Frankfurt hat nach der Diagnose mit dem Bodybuilding angefangen. Die Ärzte sagten ihr, dass sie mit ihren vielen Entzündungen im Kopf eigentlich ein „neurologischer Totalschaden“ sein müsste.

Bilal Sengönül aus Schlaitdorf erfuhr von der Krankheit, als seine Frau das erste Mal schwanger war. Er ist heute dreifacher Familienvater. Und Julia Maye aus Tübingen ist dabei eine Familie zu gründen – und im sechsten Monat schwanger. „Ich kannte meine Mitstreiter bis zu den Drehs nicht persönlich, und wir waren sehr beeindruckt, was für starke und mutige­ junge Menschen das sind“, sagt die Regisseurin Isabelle Gansser. Sie ignorierten die MS nicht, ließen aber auch nicht zu, dass sie über ihr Leben bestimmt: „Mit ihrer wahnsinnig positiven Einstellung sind sie für mich echte Vorbilder.“

Multiple Sklerose ist immer noch ein Tabu-Thema

Menschen mit MS sollen sich nicht verstecken. Dieses Ziel verfolgt die DMSG mit ihrem diesjährigen Motto „Keiner sieht’s. Eine(r) spürt’s: Multiple Sklerose – vieles ist unsichtbar“. Unter diesem Titel läuft auch ein Wettbewerb, bei dem das Studenten-Filmteam sein Video eingereicht hat. Zu gewinnen wäre schön. Noch viel wichtiger ist Isabelle Gansser aber, dass folgende Botschaft rüberkommt: Betroffene sollen offen und ohne Angst über ihre Krankheit reden können. Dazu zählt auch, dass die Umgebung Verständnis für Begleiterscheinungen im Alltag aufbringt.

„Viele schämen sich dafür. MS ist immer noch ein Tabu-Thema“, sagt Isabelle Gansser. Konzentrationsschwächen, chronische Müdigkeit und Schmerzen sind häufige Begleiterscheinungen dieser unberechenbaren Krankheit. „Wenn man dann als Drückeberger hingestellt wird oder Sprüche kommen wie: Lass dich nicht so hängen, dann zieht einen das schon runter“, sagt Isabelle Gansser.

Neben dem Studium her arbeitet Isabelle Gansser noch

Die 36-Jährige hat nach dem Schock vor fünf Jahren ihren eigenen Weg gefunden. Neben dem Studium arbeitet sie weiter bei der Wurzel Mediengruppe. „Ich möchte 3D-Produktionen machen, Animation am Computer“, blickt sie zuversichtlich in ihre berufliche Zukunft. Trotz mancher Schwierigkeiten durch die Krankheit hat sie eines gelernt: „Man kann vieles unbeschwert machen und landet nicht zwingend im Rollstuhl.“

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