Bernhard Lange, geschäftsführender Gesellschafter der Paul Lange & Co. OHG, macht sich stark für eine Mobilitätswende im Land. Foto: Paul Lange & Co. OHG

Innovationsgeist und Entwicklungsarbeit - dafür sind Stuttgart und seine Region bekannt. Dass dies im Auto-Mekka auch für die zunehmend boomende Fahrradbranche gilt, wissen meist nur eingefleischte Drahtesel-Fans. In loser Folge porträtieren wir daher Macherinnen und Macher der Bike-Szene, wie Bernhard Lange.

„Manchmal ist das Leben ganz schön leicht. Zwei Räder, ein Lenker und das reicht“…

Das Lied „Fahrrad fahr’n“ von Max Raabe schallt aus dem Lautsprecher des Telefons. Warteschleife. Der Fuß wippt im Takt. Schließlich dringt ein lautes und freundliches „Guten Morgen“ aus dem Hörer ans Ohr. Das Gespräch mit Bernhard Lange kann beginnen.

Wegen Corona gibt es kein persönliches Treffen in seinem Büro in der Hofener Straße in Bad Cannstatt. Keinen gemeinsamen Gang durch die dortigen Hallen der Paul Lange und Co. OHG, einem führenden Unternehmen der europäischen Fahrradbranche. Gegründet 1949 von Bernhard Langes Eltern Paul und Fernanda, die instinktiv spüren, dass es stetig vorwärtsgeht, mit dem Fahrrad in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit. Zehn Jahre später kommt Sohn Bernhard zur Welt.

Einstellungskriterium Menschlichkeit

Gemeinsam mit seiner Schwester Barbara Schattmaier leitet der Stuttgarter als Geschäftsführender Gesellschafter das Unternehmen, das in acht europäischen Ländern unter dem Dach der Paul Lange Group Fahrradkomponenten und Zubehör vertreibt.

Doch Bernhard Lange schafft Nähe. Auch wenn er seinem Gesprächspartner nicht in die Augen schauen kann. Es ist seine verbindliche Art, die wahres Interesse am Gegenüber signalisiert.

Menschliche Werte sind dem 61-Jährigen wichtig. Allen voran Zuverlässigkeit. Das schätzt er auch an seinen Mitarbeitern. Rund 600 sind es europaweit. Mit 30 verschiedenen Nationalitäten. Menschlichkeit als Einstellungskriterium. Umgekehrt gibt es von Bernhard Lange mehr als den monatlichen Gehaltsscheck. „Wir stehen zu unseren Leuten“.

„Wenn ich mit meinem Fahrrad fahr' Dann ist die Welt ganz einfach“…

… singt Max Raabe unbeschwert. Doch ganz so geschmiert läuft es auch im Leben des Bernhard Lange nicht. Als sein Vater 1989 stirbt, bleibt ihm nicht viel Zeit zum Trauern. Mit knapp 30 Jahren steht er einer Firma vor, muss schauen, dass die Zahnräder richtig ineinandergreifen und der Laden läuft. „Ich war damals jung verheiratet, hatte zwei Kinder und wenig Zeit für meine Familie.“

Bernhard Lange kniet sich rein. Hat er auch vorm Tod des Vaters schon gemacht. Er geht für eine Weile nach Japan, zu Shimano, dessen Generalvertretung die Paul Lange und Co. OHG ist. Danach zieht es ihn in die USA. Als Lange 85 wieder nach Cannstatt zurückkommt, will er das Mountainbike groß rausbringen. Doch Industrie und Verbraucher sind noch nicht bereit für das Geländerad. Erst als Crossrennen Zuschauer in Scharen anziehen, erfährt das MTB seine Sozialisation.

Die Paul Lange und Co. OHG bleibt jedoch bei ihren Leisten. Baut keine Räder, sondern konzentriert sich weiter auf den Handel mit Fahrradkomponenten. Den Mauerfall 1989, den der gebürtige Berliner Paul Lange seinen ungläubigen Kindern prophezeit hat, erlebt er selbst nicht mehr. Seinen Sohn zieht es nach Osten. Er sieht die unternehmerischen Chancen. Beißt beim Versuch, die Nationalteams der Ostblockländer weg von Campagnolo und hin zu Shimano zu bringen, zunächst auf Granit.

Deal mit Wodka besiegelt

Dann steht eines Tages Jan Kubr, der ehemalige Trainer der tschecheslowakischen Fahrrad-Nationalmannschaft vor der Firmentür. „Ich kann schießen und Radfahren“, sagt er. Der Rest ist Geschichte. Kubr wird 1991 Geschäftsführer des Verkaufsbüros in Prag. „Wir waren die ersten dort aus der Radbranche“, erzählt Lange.

Der ehemalige Nationaltrainer lässt seine Beziehungen spielen, stellt für Lange den Kontakt zum damaligen Leiter des Olympischen Komitees der Sowjetunion her. „Sie sind der Kapitalist, der mich auf Shimano bringen will?“, fragt dieser beim ersten Treffen. „Und sie sind der Kommunist, der es umsetzen wird“, kontert Lange schlagfertig. „Dann gab es Wodka, das war der Deal.“

Später lernt der Cannstatter Größen wie den einstigen tschecheslowakischen und ersten Präsidenten der Tschechischen Republik, Václav Havel, kennen. Und bleibt immer auf dem Boden. Für ihn ist das Familienunternehmen eine „Chance, eine fantastische Aufgabe“. Einen Plan B gibt es für Bernhard Lange nicht. Nur einmal will er abheben. Mit Anfang 20 sei da mal der Gedanke gewesen, Pilot zu werden. „Ich hab‘ mich bei der Lufthansa beworben. Aber dann kam die Ölkrise und die hatten Einstellungsstopp.“

Im Jahr 2020 werden dem Kranich erneut die Flügel gestutzt. Die Corona-Pandemie und ein monatelanger Lockdown treiben nicht nur die Luftfahrtindustrie in eine schwere Krise. Auch in der Fahrradbranche stehen zunächst die Räder still. Lange macht, was er immer macht. Er kämpft. Als Vorstand des Fahrradindustrieverbands erwirkt er mit seinen Kollegen die Öffnung der Werkstätten und später der Läden. In Cannstatt arbeitet man im Zwei-Schicht-Betrieb, 120 Mitarbeiter werden über Nacht ins Home-Office geschickt. „Wir hatten Glück, wir durften arbeiten. Die Leute haben das alte Rad im Keller oft neu entdeckt. Wir haben plötzlich Schaltsysteme gebraucht, die vor zehn Jahren produziert wurden.“

Winfried Hermann ist Freund und Mitstreiter

Lange macht nicht bloß seinen Job, er engagiert sich. Etwa mit der Fernanda Lange School in Ghana. Sein Glaube ist sein Antrieb. „Ich danke meinem Herrgott jeden Tag für mein Leben. Offen zu sein, Dinge aufzusaugen, Menschen kennenlernen zu wollen, das hängt stark mit der Religion zusammen“, sagt der Geschichtsinteressierte, der sich gerade durch einen 800 Seiten-Wälzer über den 30-jährigen Krieg schmökert.

Für seinen gesellschaftlichen Einsatz ist er mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet worden. Überreicht von Verkehrsminister Winfried Hermann, mit dem ihn gegenseitiger Respekt und Freundschaft verbindet – und die Liebe zum Radfahren. Auch und gerade in den Städten.

„Die Autos stehen im Stau, ich fahr' vorbei Alle Ampeln grün, die Bahn ist frei. Wenn ich mit meinem Fahrrad fahr'. Mitten durch die Stadt“ (Max Raabe)

Der Mobilitätswandel, der im Gange ist, gefällt Lange. Durch Stuttgart mit dem Fahrrad zu fahren mache jedoch immer noch keinen Spaß. Das Auto verdrängen gehe nicht. „Das E-Bike wird aber immer mehr zum Zweitwagen. Daher braucht es mehr Sicherheit für Radfahrer. Das muss in die Köpfe rein.“ Baden-Württemberg spiele hier eine Vorreiterrolle mit seinem „Verkehrsminister des Fahrrads“.

Die Politik sieht Lange auch gefordert, wenn es um das Lieferkettengesetz sowie die umweltgerechte Entsorgung der Batterien fürs E-Bike und die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern gehe. „Wir müssen in der Welt vernünftig zusammenarbeiten.“ Die Vereinigten Staaten von Europa wären sein Traum. Auch als Gegengewicht zu den USA und China. „Ich habe einen deutschen Pass, bin aber Europäer.“

Persönlich will er in den kommenden Jahren den Standort in Stuttgart weiter ausbauen und das Familienunternehmen in die nächste Generation führen. Zwei seiner drei Kinder arbeiten bereits mit an der schwäbischen Erfolgsgeschichte.

Er selbst sei ruhiger geworden, stehe nicht mehr so unter Strom wie früher und freut sich darauf, mehr Zeit für seine Frau zu haben. „Sie ist ein wunderbarer Mensch. Wir haben ein tolles Leben zusammen.“

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Weiterlesen: Wolfgang Renner im ersten Teil der Serie

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