Lebt ihren Traum: Patricia Rose führt zusammen mit ihrem Mann ... Foto: Velotraum

Innovationsgeist und Entwicklungsarbeit - dafür sind Stuttgart und seine Region bekannt. Dass dies im Auto-Mekka auch für die zunehmend boomende Fahrradbranche gilt, wissen meist nur eingefleischte Drahtesel-Fans. In loser Folge porträtieren wir daher Macherinnen und Macher der Bike-Szene, wie Patricia Rose.

Stuttgart - Während Patricia Rose erzählt, klopft und hämmert es im Hintergrund. In der Werkstatt von Velotraum wird Hand an Rahmen und Schrauben gelegt. Der Firmenname ist Produktions-Programm. Denn von den Rädern, die in der Manufaktur in Weil der Stadt gefertigt werden, träumen viele. 500 Stück im Jahr werden von zehn Bikebegeisterten rund um Patricia Rose und ihren Mann Stefan Stiener zusammengetüftelt. Jedes davon ein Unikat. Qualität geht über Quantität in der Radschmiede der Keplerstadt, in der alles vor Ort gefertigt wird. Einzig die Rahmen sind made in Taiwan. Exakt nach den Plänen und Zeichnungen der Kreativen aus Weil der Stadt gefertigt.

Billig zu produzieren habe dabei überhaupt keine Rolle gespielt. „In Taiwan herrscht preislich ein hohes Niveau. Wir haben in Europa schlicht keine vergleichbaren Rahmenbauer gefunden, die uns solch eine Qualität geboten hätten“, sagt Patricia Rose. „Das ist die Globalisierung. Wir leben in Deutschland umgekehrt extrem davon, dass unsere Exportgüter von anderen Staaten abgenommen werden.“

Alles aus einer Hand

Geliefert wird an den Einzelhandel in Deutschland, Österreich, Belgien, Holland und der Schweiz. „Außerdem haben wir einen Direktverkauf, denn wir wollen nah am Kunden und authentisch bleiben.“ Von der inhaltsvollen Webseite, über das Marketing bis hin zum „schlauen Buch“ wird bei Velotraum alles selbst gemacht. Die Einzelstücke der Handwerkskunst werden daher für manch einen ein Traum bleiben. Das Einsteigermodell liegt bei 3000 Euro, für ein Pedelec darf der Radenthusiast bis zu 8000 Euro berappen. Ein Rad fürs Leben? „Das kann es für manche durchaus sein. Es gibt Kunden, die mit unseren Rädern 200.000 Kilometer fahren“, sagt Patricia Rose. Nachhaltigkeit quasi im Preis inbegriffen.

Es sind Menschen jeden Alters, die den Weg zu Velotraum finden. Oft Radreisende oder Alltagspendler. „Die meisten eint, dass sie das Fahrrad – gemäß unserem Firmenmotto – als Lebensmittel sehen, so wie wir.“ Jäger von Statussymbolen nehmen eher selten Platz auf den Messmaschinen in den luftigen Verkaufsräumen mit den hohen Decken. Auf diesen wird buchstäblich erfahren, welche individuelle Sitzposition für den Kunden am besten passt und die Position von Lenker und Sattel durch das „ergonomische Dreieck“ bestimmt.

Maßgeschneiderte Architektur für maßgeschneiderte Räder

Die Großzügigkeit des Firmendomizils ist ein Segen – gerade auch während Corona. Einzeltermine mit Kunden werden vereinbart. Einfach mal zum Inspirieren lassen vorbeikommen darf momentan keiner mehr. Obwohl genügend Platz vorhanden ist. Maßgeschneiderte Architektur für maßgeschneiderte Räder. Den Neubau hat Patricia Rose entworfen. Ein ganz besonderes Herzensprojekt der Architektin, die ihren Mann beim Studium in Stuttgart kennenlernt. Wobei Stefan Stiener bei den Vorlesungen eher mit Abwesenheit glänzt. Viel lieber tüftelt er zusammen mit einem Kumpel in einer Kellerwerkstatt an Fahrrädern und der Gründung der ersten eigenen Firma. Das liegt 35 Jahre zurück.

Mit dem Rad zur Bio-Kiwi-Farm in Neuseeland

Patricia Roses Interesse an dem Freigeist ist zunächst freundschaftlich. Doch bald wird daraus Liebe. Und die gemeinsame Leidenschaft fürs Heilige Blechle auf zwei Rädern. „In meiner Studenten-WG und in meinem Freundeskreis hatte ich zuvor immer mit Sportlern zu tun, die alles extrem betrieben. Auch das Radfahren.“ Die gebürtige Stuttgarterin sitzt zwar gerne im Sattel. Auf Wadenmuskelspiele und schneller, weiter, besser hat sie jedoch keine Lust. Erst durch ihren späteren Mann lernt Patricia Rose das Genussradeln kennen. Die Frau, die gerne tanzt, weil es Kraft gibt, stählt fortan bei Radreisen quer durch Europa ihre mentale und körperliche Fitness. Der weiteste Trip führt die Radabenteurer nach Neuseeland. Auf die Bio-Kiwi-Farm von Patricias Schwester. Unvergessen die Tandemtour des jungen Paares von Wien nach Stuttgart. In den Gepäcktaschen nur das Nötigste. „Das Minimalste reicht zum Leben völlig aus“.

Eine tolle Erfahrung für Patricia Rose. Etwas, das sie prägt und erdet. Und zusammenschweißt mit ihrem Reisepartner, der auch im Leben eine lange Strecke mit ihr zurücklegt. Seit 30 Jahren sind sie privat wie beruflich ein Team, dem Ideen und Power nicht auszugehen scheinen. Die auf den ersten Blick zurückhaltend wirkende Blondine behauptet sich bei Velotraum als einzige Frau unter Männern. Ellenbogen ausfahren muss sie dafür nicht. „In der Branche sind Frauen sehr anerkannt, es gibt kein Gefälle.“ Gute Mitarbeiter zu gewinnen, sei in einer starken Industrieregion, in der auch Daimler und Porsche für sich Nachwuchs rekrutieren, ohnehin schwer. Doch weibliche Teamverstärkung zu finden, ist im technischen Bereich eine echte Herausforderung. „Frauen konnten sich hier oft nicht ausprobieren. Zudem muss man vielen erst zeigen, was in diesem Berufsfeld für sie möglich ist“, erklärt Patricia Rose.

"Den Fahrradboom muss die Politik als Chance begreifen"

Sie selbst ist dagegen immer die fürs Praktische und am technischen Gymnasium früh damit konfrontiert, als Frau fast alleine unter Männern zu sein. Bei Velotraum programmiert die zupackende Technik-Affine den Online-Konfigurator. Sozusagen die Wunschraderfüllermaschine. Mit dieser können sich die Kunden aus den verschiedensten Komponenten ihr ganz persönliches Traumgefährt zusammenstellen. Auf solch einem radeln Patricia Rose und ihre Mitarbeiter jeden Tag zur Arbeit. Fünfzehn Kilometer lang tritt die Hobbysportlerin von ihrer Haustür bis zu ihrem Schreibtischstuhl in die Pedale. Drei Kilometer Neben- oder Umwege nimmt sie hierfür gerne in Kauf. Denn die direkte Strecke an einer vielbefahrenen Straße beschert Abgas- statt Frischluft in den Lungen. „Es werden neue Straßen oder Industriegebiete gebaut ohne dazugehörige Radwege, das begreife ich einfach nicht.“ In Sachen Rad-Infrastruktur wird die sonst besonnen und ruhig wirkende Geschäftsfrau kämpferisch. Das Thema geht ihr nah. „Wir erleben derzeit einen Fahrradboom. Das ist eine Chance, die darf die Politik nicht ungenutzt verstreichen lassen.“

Auch die zusätzlichen Herausforderungen der Pandemie haben Patricia Rose emotionaler gemacht. Als eine, die gerne plant und die Fäden in der Hand hat, fühlt sie sich oft ausgeliefert. „Die Container standen plötzlich wieder irgendwo und wir konnten nicht weitermachen.“ Da die Fahrradindustrie als Gewinnerbranche der Krise gilt, schlägt ihr Gefühlsbarometer oft auch in Richtung Dankbarkeit und Demut aus. „Diese Zeit macht viel mit einem.“ Doch selbst unter größtem Druck ist für Patricia Rose eines stets klar: „Das Fahrrad ist derart positiv besetzt. Ich muss nie überlegen, für was ich arbeite. Es ist absolut erfüllend und sinnstiftend.“

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                       Teil drei der Serie über Fabian Auch

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