Claus Fleischer hat im Turbo-Modus die Sparte eBike Systems ganz weit nach vorne gebracht. Foto: Bosch eBike Systems

Innovationsgeist und Entwicklungsarbeit - dafür sind Stuttgart und seine Region bekannt. Dass dies im Auto-Mekka auch für die zunehmend boomende Fahrradbranche gilt, wissen meist nur eingefleischte Drahtesel-Fans. In loser Folge porträtieren wir daher Macherinnen und Macher der Bike-Szene, wie Claus Fleischer.

Stuttgart - Claus Fleischer ist im Flow. Im Gesprächs-Flow. Wenn es ums Thema Radfahren geht, kennt er nur den Turbo-Modus. Volle Power voraus. Seine Sätze enden selten mit Punkten oder gar Fragezeichen. Fleischer setzt Ausrufezeichen. Auch in seiner Karriere bei Bosch.

Seit über 25 Jahren geht es steil aufwärts für den Maschinenbauingenieur beim schwäbischen Vorzeigeunternehmen. Er ist zwei Jahre lang Assistent von Franz Fehrenbach, sammelt Konzernerfahrung im In- und Ausland. 2012 übernimmt Fleischer die Führung von Bosch eBike Systems und katapultiert das Bosch-interne Start-up zu einem der führenden Anbieter im Bereich eBike-Antriebssysteme. Seit neun Jahren tritt er als CEO dieser Sparte dafür in die Pedale, jedem E-Biker das Uphill-Flow-Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Empfohlen hat er sich nach der Pensionierung seines Vorgängers kurzerhand selbst: „Ich bringe das Know-how zur technischen Systementwicklung mit, das unternehmerische Verständnis und das Netzwerk in der Radbranche.“ Ausrufezeichen!

Begeistert vom Uphill Flow: „da willst du nichts Anderes mehr“

Auch privat strebt Claus Fleischer ganz nach oben. Er liebt den Uphill Flow. Beim Hoch- und Runterradeln im Schwarzwald und in Stuttgarts Wäldern habe es ihn selbst gepackt, dieses Gefühl des Flows – verstärkt durch ordentlich Rückenwind. „Das begeistert, da willst du nichts Anderes mehr“, sagt er, der beim Mountainbike fast nur noch auf E setzt. „Mit Antrieb kann man länger, weiter, höher und flowiger fahren – und nach einer Tour ist man trotzdem nicht so kaputt.“ Seine Pulsfrequenz will er in seinem Alter schließlich nicht mehr so hochtreiben, sagt der 53-Jährige lachend.

Nach Feierabend tauscht er das Businesshemd gegen ein Radlertrikot und tritt mit dem Gravel-Bike im Schönbuch in die Pedale. Direkt von seiner Haustür in Stuttgart-Vaihingen aus radelt Claus Fleischer auch an die nahen Bärenseen. Die Pandemie lupft ihn noch öfter in den Sattel. Ende 2020 zeigt sein Display 6000 gefahrene Radkilometer an. Sonst kommt er auf 3000 bis 4000 Kilometer im Jahresschnitt. Beim Radfahren fliegen seine Gedanken, kommen die guten Ideen oder Lösungsansätze für ein Problem, das nicht zu knacken schien. Vor Corona packte er oft das E-Mountainbike in den VW-Bus. Nächster Halt Graubünden oder der Gardasee. Dann kommt er heim, mit leerem Akku, aber aufgetankt mit neuer Energie. Im Kofferraum und im Kopf neue Konzepte dafür, wie es zuhause in Stuttgart und Baden-Württemberg infrastrukturell rund laufen könnte fürs Fahrrad. „Viele gute Lösungen für Freizeitkonzepte gibt es schon, sie sind leider nur hier bei uns noch nicht umgesetzt.“

Etwas bewegen mit dem Mut zu gestalten

Claus Fleischer ist einer, der etwas bewegen will, das zieht sich wie ein Roter Faden durch seine Biografie. Schuld daran sei sein Vater, sagt er und lächelt. 1967 in Bad Kreuznach geboren, wächst er zusammen mit seiner Schwester in der Rheinpfalz auf. Während dem Maschinenbaustudium an der Universität in Kaiserlautern beginnt er mit dem Mountainbiken. Die Mutter ist kaufmännische Angestellte, der Vater Geschäftsführer bei einer Wohnbaugesellschaft. Der Sinn für Zahlen und das Unternehmertum wird Fleischer in die Wiege gelegt. Der Senior lebt als aktiver Handballer vor, dass Leistung für ihn auch im Sport wichtig ist. Und der Mannschaftsgedanke.

Werte, die den Teamplayer Fleischer prägen. Bei Bosch eBike Systems hilft ihm der Mut zu gestalten. „Als wir 2010 eingestiegen sind in den Markt, gab es elektrifizierte City- und Trekkingräder. Das war’s.“ Schön anzusehen waren diese nicht. Bosch eBike Systems nutzt die Chance, den einzigen Trend mitzugestalten, der von jung bis alt alle anspricht. „Mittlerweile ist vom Jugendrad bis zum Mountainbike alles elektrifiziert.“ Bosch liefert dazu modulare Systeme an Fahrradhersteller, bestehend aus unterschiedlichen Antrieben, Akkus und Displays. „Künftig werden vermehrt digitale Lösungen kommen“, sagt Fleischer. „Das physische Erlebnis wird mit dem digitalen Erlebnis verschmelzen.“

„Das Recycling-Thema beim E-Bike ist gelöst"

Auch das Design der E-Bikes macht was her. Die Fahrräder sind zu Lifestyleobjekten geworden. „Wir sind stolz drauf, mit unserer Arbeit auch einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Mit dem E-Bike nehmen wir den Leuten die Ausreden, kein Fahrrad zu fahren.“ Motorisiertes Fahrradfahren als präventiver Gesundheitsschutz. Doch wie sieht es mit dem praktizierten Umwelt- und Klimaschutz aus? „Fahrrad und Pedelec sind die nachhaltigsten Fortbewegungsmittel, sowohl bei Herstellung als auch bei der Nutzung. Und das Recycling-Thema ist auch bereits gelöst“, sagt Fleischer. „Es gibt ein etabliertes, branchenweites Rücknahmesystem für eBike-Akkus ähnlich dem grünen Punkt, an dem sich alle Hersteller beteiligen.“ Mehr als 80 Prozent der im Akku eingesetzten Rohstoffe werden durch Recycling wieder zurückgewonnen. „Diese Lösung gibt es schon lange, sie ist nur noch nicht bekannt.“ Daran soll sich Mitte 2021 etwas ändern. Zur Eurobike will Bosch die Nachhaltigkeit des E-Bikes in den öffentlichen Fokus rücken.

Etwas voranbringen will Fleischer auch als Privatmensch, der seit 30 Jahren fest im Sattel sitzt. Er engagiert sich im Alpenverein, gründet 2020 zusammen mit Gleichgesinnten den Mountainbike Stuttgart e.V., der bereits 1000 Mitglieder zählt. Alles in seiner Freizeit. Auch wenn ihm mancher Lobbyismus vorwirft, als Unternehmer wird er gehört. Gibt den Organisationen, für die er einsteht, eine lautere Stimme. Sind deren Interessen in der Vergangenheit doch oft überhört worden.

Fleischer wirkt auch mit in der Arbeitsgemeinschaft Fahrrad- und Fußgängerfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg, AGFK. 2015 wird er als Vertreter der Zweiradbranche erstmals zum Arbeitskreis zur Radverkehrsstrategie Baden-Württemberg eingeladen. „Es ist toll, was Verkehrsminister Hermann alles angestoßen hat“, sagt Fleischer. Doch der Ausbau der Infrastruktur komme zu langsam voran. Geld sei nicht das Problem, sondern der Platz. „Autos stehen im Stau oder auf dem Parkplatz. Wir müssen Städte für Menschen in Bewegung bauen.“

„Die Radförderung darf nicht am Waldrand aufhören“

Seit Corona und dem Lockdown erfährt die Urbanisierung einen Gegentrend. Die Menschen sehnen sich nach Natur. Fleischers Erkenntnis: „die Radförderung darf nicht am Waldrand aufhören.“  und seine Mitstreiter streben daher eine Novellierung der Zwei-Meter-Regel in Baden-Württemberg an. Damit Radfahrer nicht länger illegal unterwegs sind, sobald sie schmälere Wege nutzen. Fußgänger und Biker sollen im Wald gleichgestellt werden. Mehr Toleranz ist das Stichwort. An Hotspots können Lenkungskonzepte und Trails für Entspannung sorgen. „Auf der Alb, wo viel Platz ist, sind Open-Trails denkbar.“

Fleischer, der Mann mit einem Plan und einer Vision. Den erhobenen Zeigefinger der Arten- und Naturschützer sieht er wohl, weiß aber etwas zu entgegnen. „Es gibt Studien, die belegen, dass Mountainbiken und Radfahren ein weggebundener Sport ist. Die Aussage, dass Radfahrer per se querfeldein fahren, ist Unsinn. Sie sind auf Wirtschafts- und Freizeitwegen unterwegs, die der Allgemeinheit gehören. Deshalb sollten auch alle, ob zu Fuß oder auf dem Rad, das Recht haben, sich auf diesen zu bewegen.“

Heute trifft Fleischer die Ikonen seiner Jugend ganz privat

Das Bike und das Biken, das ist es, was Claus Fleischer die Welt bedeutet. Da lässt er nichts draufkommen. Da wird er emotional. „Ich lebe meinen Jugendtraum“, schwärmt Fleischer von seinem Beruf, der schlicht sein Traumjob ist. Die Ikonen seiner Jugend, über die er in Bike-Magazinen jeden Artikel verschlungen hat, trifft er heute privat: den deutschen Radrennfahrer Mike Kluge und den Schweizer Freeride- und Trial-Pionier Hans Rey. Mit Letzterem dreht Fleischer in dessen Wohnsitz in Kalifornien oder in Livigno seine Runden. „In unserer Branche wollen wir alle nur eines. Radfahren. Und dabei das Radfahren und den Radsport voranbringen. Das ist das Schöne.“

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